WIPFELD

Heilige Maße und Proportionen: Kloster St. Ludwig im Beuroner Kunststil

Wer in Wipfeld (Lkr. Schweinfurt) zur Main-Fähre läuft, nimmt ihn auf der anderen Uferseite sofort wahr – den großen Klosterkomplex von Sankt Ludwig. Bekannt ist er durch das Antonia-Werr-Zentrum, einer heilpädagogischen Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen und junge Frauen. Was sich zunächst den Blicken verschließt, ist die kleine Kirche im neuromanischen Stil, die sich an das Hauptgebäude anschließt.

 

Beuroner Stil: Die 1909 geweihte Klosterkirche wirkt fast byzantinisch. Foto: Fotos (2): Thomas Obermeier

Was sich zunächst den Blicken verschließt, ist die kleine Kirche im neuromanischen Stil, die sich an das Hauptgebäude anschließt. Äußerlich ist sie nichts Besonderes. Doch im Inneren ist sie geprägt durch einen Gestaltungsstil, der erst in den vergangenen 20 Jahren wiederentdeckt wurde – der Beuroner Kunstschule.

Ein in kräftigem Blau gehaltener Himmel über dem Altar. Ein ovaler Halbbogen vor dem Altarbereich, den Engel mit runden Flügeln zieren. Sankt Ludwig wirkt bunt, irgendwie morgenländisch, aber trotzdem klar strukturiert. Die Engel erinnern eher an verschlossene ägyptische Pharaonen als an die wohlbekannten lebendigen Darstellungen eines Michelangelo. Der Himmel ist mit Sternen und Ornamenten verziert, die aber einer bestimmten Anordnung folgen. Mittendrin über dem Hochaltar ein Christus, der den Kirchenbesucher anschaut, egal wo er im Kirchenschiff steht. Auch diese Figur wirkt symmetrisch. Beim Betrachter erweckt das eher den Eindruck, in einer byzantinische Kirche zu sein als in einer fränkischen.

„Viele Touristen, die bei uns vorbeischauen, halten unsere Kirche für eine einfache Dorfkirche. Sie sind dann ganz erstaunt, wie kunstvoll und farbenfroh sie ist“, sagt Pater Benedikt Müllers. Ihn wundert dieser Eindruck nicht, ist es doch typisch für den Beuroner Kunststil, klare, symmetrische Formen zu verwenden, wie es im alten Ägypten der Fall war. Das geht bis hin zu Zahlenproportionen und heiligen Maßen, die verwendet werden. Auch die byzantinischen Einflüsse sowie Anleihen aus altchristlicher Kunst sind ganz typisch für den Beuroner Stil.

 

Die Klosterkirche
Entstanden ist diese Art sakraler Kunst in einem Ort bei Sigmaringen an der Donau – in der Benediktinerabtei Beuron. Er sollte eine Gegenbewegung zu den verkitschten Werken des ausgehenden 19. Jahrhunderts sein. Es ging darum, die christliche Kunst aus frömmelnder Gefühlsgebundenheit zu lösen und sie zu einer der Liturgie würdigen Form hinzuführen. Kirchliche Kunst sollte also nicht mehr von den Gefühlen und Stimmungen des Menschen geleitet sein, sondern einen „Lichtblick vom Himmel“ darstellen. Diese „heilige Kunst“ bediente sich der Geometrie und genauer Maße, um Gottes Gnade und Ordnung widerzuspiegeln.

Begründer der Beuroner Kunstschule war der Maler und Bildhauer Peter Desiderius Lenz (1832 bis 1928). Er erhielt als Benediktiner 1868 von der Fürstin Catherine von Hohenzollern den Auftrag, sein erstes Bauwerk zu errichten – die Sankt-Maurus-Kapelle an der Donau. 1870 war das geniale Erstlingswerk der Beuroner Kunstschule fertig geworden. Obwohl die Ausgestaltung der kleinen Kapelle bei den Kirchenverantwortlichen zunächst Unbehagen auslöste, folgten weitere Werke, zum Beispiel Ausmalungen in Prag und in Eibingen bei Bingen. Das berühmteste Werk ist wohl das Benediktinerkloster Monte Cassino, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Die Ausgestaltung der Kirche Sankt Ludwig ist ein Spätwerk der Beuroner Kunstschule. Sie erfolgte erst 1920 durch den Schweizer Maler und Benediktinermönch Paul „Paulus“ Krebs (1849 bis 1935). Er war ein Nachfolger von Desiderius Lenz. Die Ausmalung von St. Ludwig fiel in eine Zeit, in der der Beuroner Stil weniger Bedeutung fand und schon fast wieder vergessen war. Dennoch flossen Elemente der Schule ab 1901 in den späteren Jugendstil ein, beeinflussten auch berühmte Künstler wie Paul Gauguin, Paul Sérusier, Pierre Bonnard und den Niederländer Willibrord Verkade.

 

 

Sankt Ludwig

Auch mit dem Fahrrad ist das direkt am Maintalradweg gelegene Kloster gut zu erreichen. Reizvoll ist auch die Anfahrt von Wipfeld aus mit der Fähre. Die 1909 geweihte Klosterkirche wurde im Beuroner Stil ausgemalt. Beachtenswert sind auch die prächtigen Beichtstühle. Manche Besucher kommen eigens wegen der 14 Kreuzwegstationen von Heinz Schiestl hierher, die im romanischen Stil der Kirche angepasst sind.

 

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