Gerolzhofen

Johanniskapelle in Gerolzhofen: Die wachgeküsste Schönheit

Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Johanniskapelle, so wird man unweigerlich an das Märchen von Dornröschen erinnert. Über Jahrhunderte führte das kleine Kirchlein ein meist unbeachtetes Schattendasein neben der mächtigen Stadtpfarrkirche. Doch weil das Bauwerk meist links liegen gelassen wurde, hat sich dort spätgotische Baukunst in Reinkultur unverfälscht bis in unsere Zeit bewahrt.

 

Johanniskirche
Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Johanniskapelle, so wird man unweigerlich an das Märchen von Dornröschen erinnert. Über Jahrhunderte führte das kleine Kirchlein ein meist unbeachtetes Schattendasein neben der mächtigen Stadtpfarrkirche. Doch weil das Bauwerk meist links liegen gelassen wurde, hat sich dort spätgotische Baukunst in Reinkultur unverfälscht bis in unsere Zeit bewahrt.

Im Jahr 1496 wurde in Gerolzhofen (Lkr. Schweinfurt) ein neues Allerseelen-Benefizium gegründet. Spenden reicher Familien bildeten den Grundstock zum Bau der Kapelle, der laut Grundstein unter Fürstbischof Lorenz von Bibra schon 1497 begann. Vermutlich hatte an gleicher Stelle eine romanische Taufkapelle gestanden, deren Patron „Johannes der Täufer“ auch für die neue Kapelle übernommen wurde.

Das neue Kirchlein hatte eine Doppelfunktion: Im Erdgeschoss befand sich ein Beinhaus, darüber und nur über eine steinerne Außentreppe zu erreichen war der eigentliche Kirchenraum. Um das Jahr 840 hatte Ludwig der Fromme, ein Sohn Karls des Großen, eine Vorschrift erlassen, wonach kein Toter über einem anderen liegen dürfe. Deshalb wurden die Leichen auf dem engen Friedhof in der Gerolzhöfer Altstadt, der sich rund um die Pfarrkirche befand, schon nach einigen Jahren aus Platzmangel wieder exhumiert, die Knochen gesäubert und dann im Erdgeschoss der benachbarten Friedhofskapelle St. Johannis, im sogenannten Ossarium, aufgestapelt.

 

Nicht einmal 50 Jahre nach dem Bau der Johanniskapelle wurde schon 1542 ein neuer Friedhof mitsamt Kapelle außerhalb der Stadtmauern angelegt. Bei den Pest-Epidemien war der alte Gottesacker in der Stadt zu klein geworden, zudem verbot der Stadtrat in den Zeiten der großen Seuche die Nutzung des Ossariums. Die Folge: Das Kirchlein in der Stadt wurde kaum noch genutzt.

In der Gerolzhöfer Stadtchronik ist zu lesen, dass Fürstbischof Julius Echter in der Gegenreformation die Kapelle für jeglichen kirchlichen Gebrauch gesperrt habe, weil dort evangelische Prediger die Lehren Martin Luthers verbreitet hätten. Neue heimatgeschichtliche Forschungen verweisen diese Behauptung aber in das Reich der Legenden. Denn die Johanniskapelle wurde nachweislich noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zwar selten, aber durchaus regelmäßig für Gottesdienste genutzt.

 

Erst mit der Säkularisation erscheint auch die Johanniskapelle den Regierenden überflüssig. Der Stadtrat denkt 1812 darüber nach, die Kapelle abzureißen. Die geschwundene Wertschätzung des Kirchleins zeigt sich auch daran, dass das Untergeschoss des Kirchleins nun als Brennholzlager und der Sakralraum im Obergeschoss als schnöder Abstellraum für die bei den Jahrmärkten verwendeten Verkaufsstände zweckentfremdet wurde. Kein Mensch kümmert sich in der Folgezeit um das Dornröschen hinter der Kirche. 1913 stellt die Bezirksregierung zwar erneut den besorgniserregenden Bauzustand des Gebäudes fest, doch der Erste Weltkrieg lässt auch diese Pläne im Sande verlaufen.

Erst 2006 hat man Dornröschen wieder wachgeküsst. Seit vier Jahren ist dort und im benachbarten Mesnerhaus das Museum „Kunst und Geist der Gotik“ untergebracht, in dem gotische Kunstwerke aus den Beständen der Diözese Würzburg und der Pfarrei Gerolzhofen im zeitlich passenden Architekturumfeld gezeigt werden. Eine aus Gerolzhofen stammende Kostbarkeit kann dort nicht mehr gezeigt werden: der Flügelalter von Tilman Riemenschneider. Er wurde 1882 von der Stadt an einen privaten Sammler nach Bad Kissingen verkauft. Heute ist der Schnitzaltar im Bayerischen Nationalmuseum in München zu bewundern.

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