BUCH

Mutmaßungen über den Knoten aus Stein - Rätselhafte Vergangenheit der Kunigundenkapelle bei Buch

Dort unten soll es sein. Dort, im Sockelbereich der spätromanischen Kunigundenkapelle, sähe man einen Hinweis auf das Turiner Grabtuch, sagt Manfred Deppisch. Er läuft zur südwestlichen Ecke des sagenumwobenen Kirchenbaus, bückt sich ein wenig und deutet auf die Stelle, wo die Steine des Sockelgesimses im rechten Winkel aufeinanderstoßen.

 

Sagenumwoben: die Kunigundenkapelle im südlichen Landkreis Würzburg. Foto: Thomas Obermeier
An der Schmalseite der Kirche haben die Sockelsteine eine abgeschrägte Deckplatte. Ab der Längsseite sind sie dagegen profiliert mit Kehle und Wulst. Ist die asymmetrische Gestaltung so gewollt?

Es scheint so. Kirchenpfleger Deppisch geht zur Nordseite der Kunigundenkapelle. Dort endet das umlaufende Profil abrupt und es taucht die abgeschrägte Deckplatte wieder auf. Das Tiefe und Runde wird plötzlich kantig und glatt. Den Übergang markiert ein steinerner Knoten. Es soll das verschlungene Ende des Turiner Grabtuchs sein, das einst in der Kunigundenkapelle für kurze Zeit aufbewahrt wurde – so heißt es.

 

Legendenhaft: Die Säulenfigur soll die heilige Kunigunde sein.
Manfred Deppisch hat die Geschichte von einer Besucherin gehört, sagt er. Seither zeigt er gerne die geheimnisvollen Stellen an der Kirchenfassade. Was die Erbauer tatsächlich im Sinn hatten, ist nicht bekannt. Und für die Theorie, dass sich das Grabtuch einst in der Kunigundenkapelle befunden habe, gibt es keinerlei schriftliche Quellen. Es wabern nur Gerüchte. Gegen die Grabtuch-Legende verblasst einfach jede andere Erklärung.

 

Fantasieanregend: Was bedeuten wohl die Figuren an der Apsis?
Die Kunigundenkapelle steht auf dem bereits zur Jungsteinzeit besiedelten Altenberg hoch über dem Gollachtal im südlichen Landkreis Würzburg, zwischen dem zur Stadt Aub gehörenden Ortsteil Burgerroth und Buch (Bieberehren). Erbaut wurde die Kapelle in der späten Stauferzeit um 1230, vermutlich von Heinrich von Hohenlohe-Brauneck und seinem Sohn Konrad, ein Kreuzritter. Dieser Konrad soll das Grabtuch im Auftrag des Stauferkaisers Friedrich II. in der Kunigundenkapelle versteckt haben. Als es dort nicht mehr sicher gewesen sei, habe er es in die Ulrichskapelle nach Standorf bei Creglingen transportieren lassen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Im Lauf der Zeit hat die Kunigundenkapelle einige Umbauten erlebt, beispielsweise unter Fürstbischof Julius Echter in den Jahren 1608/09. Der Chorturm war ursprünglich höher. In seinem Quadrat befindet sich der Chor- beziehungsweise Altarraum, darunter eine teilweise rekonstruierte Unterkapelle. Original ist in diesem Raum ein Altarsockel, der bei Grabungen im Jahr 1961 entdeckt wurde. Dabei kam auch eine Laufspur zutage.

Viele Menschen müssen einst diesen Altar umrundet haben. Welche Reliquie sie dort verehrten, ist nicht bekannt. Manche meinen, Anlass der Wallfahrt sei das Grabtuch gewesen. Dies führte auch zu fantasievollen Auslegungen, was die romanische Wandbemalung in der Altar-Apsis wohl darstellen könnte. Auch die Steinfiguren an der östlichen Außenwand haben immer wieder die Fantasie der Menschen angeregt.

Außergewöhnlich ist die Frauenfigur in der Schallöffnung des Turms. Sie wird als heilige Kunigunde angesehen. Nach einer Sage ist sie die Gründerin der Kapelle. Die Gemahlin Kaiser Heinrichs II. habe in Bamberg drei Schleier fliegen lassen. Dort, wo sie landen, sollte eine Kirche gebaut werden. Auf dem Altenberg verfing sich ein Schleier in einer Linde. Da Kunigunde bereits im Jahr 1033 starb, könnte die Sage wohl eher auf eine Vorgängerkirche verweisen. Die mächtige Linde hinter der Kunigundenkapelle wird aufgrund der Geschichte als „1000-jährig“ bezeichnet. Manfred Deppisch schmunzelt. Ihm kamen Schätzungen zu Ohren, bei denen das Alter des Baumes mal bei 450, dann wieder bei 800 Jahren lag. Legenden kümmern sich nicht um solche Angaben, sie haben ihre eigenen, zeitlosen Wahrheiten.


 

 

Kunigundenkapelle

Ein schmaler Weg führt südlich von Burgerroth zur Kunigundenkapelle im südlichen Landkreis Würzburg. Die Anfahrt ist über Ochsenfurt, Aub, Baldersheim oder über Giebelstadt, Riedenheim, Lenzenbrunn, Aufstetten möglich. Die Kapelle ist Sonntagnachmittag sowie auf Anfrage geöffnet. Informationen bei Kirchenpfleger Manfred Deppisch, Tel. (0 93 35) 6 52, E-Mail: manfred.deppisch@web.de; Internet: www.kunigundenkapelle.de

 

 

  

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