HEIDENFELD

Neuanfang fast aus dem Nichts: Geschichte des Klosters Heidenfeld

Der Bau ist imposant, die Geschichte des Klosters Heidenfeld im Landkreis Schweinfurt auch. Herrschaftsverhältnisse, politischen Wandel, Kriegswirren, kann man daran ablesen. Die Macht sehen, die ein Kloster hatte. Den Stellenwert, den es in der Gesellschaft hatte. Aber die Geschichte hat auch traurige Aspekte.

 

Kloster Heidenfeld: Balthasar Neumann lieferte die Pläne für einen barocken Neubau des Konventsgebäudes. Foto: Norbert Schwarzott

 Nach der Säkularisation wurden die Augustiner-Chorherren, die 1071 nach Heidenfeld gekommen waren, vertrieben. Die Anlage wurde zu Privatbesitz und zu einer Art Spielball. Den Klosterwald, gut 8000 Morgen, bekam die Familie von Thurn und Taxis als Entschädigung für die Ablösung des Postrechts in Bayern.

Graf Thürheim, der neue Besitzer, ließ 1805 die Kirche einreißen. Es heißt, er wollte nicht die Baulast tragen. Und der Denkmalschutz war noch nicht erfunden. In der Kirche war der als Märtyrer selig gesprochene Liborius Wagner beigesetzt. Seine Gebeine ruhen jetzt in der Pfarrkirche. Das Inventar des Klosters wurde unter den weltlichen Herren großzügig verkauft. Die Bibliothek steht jetzt irgendwo in Amerika, der Altar in St. Johannis in Schweinfurt. Statuen, Glocken, Gemälde, Chorgestühl: alles wurde verkauft. Bis das ganze Anwesen wieder auf den Markt kam und die weltliche Phase schnell wieder vorbei war.

 

Edel: der Altar der Klosterkirche.

1901 kauften die Erlöserschwestern die Anlage. Für 100 000 Goldmark, sagt Schwester Antonita Weiß, die sich intensiv mit der Geschichte des Hauses beschäftigt hat. Früher hat sie auch ab und an Führungen gemacht, das schafft sie jetzt aber gesundheitlich nicht mehr.

Seit 27 Jahren ist sie hier in Maria Hilf, fühlt sich wohl. „Heidenfeld ist mein Schatz“, sagt sie, zeigt einen ihrer Lieblingsplätze im Garten mit Blick auf Wiesen und Altmain. Als die Schwester 1983 nach Heidenfeld kam, lebten 235 Schwestern in der Gemeinschaft. Heute sind es 50. Nur wenige junge Frauen wollen noch als Nonne leben, sagt Schwester Antonita. Zur Zeit prüft gerade eine Frau, ob das Klosterleben etwas für sie ist. Ob sie bleibt? Wer weiß. Schwester Antonita könnte verstehen, wenn sie wieder geht. Sich als als jüngerer Mensch in eine Gemeinschaft zu integrieren, die aus Älteren besteht, ist schwer, sagt sie.

Als die Schwestern das Kloster übernommen haben, war es so gut wie leer, in keinem guten Zustand. Nur wenige Räume hatten die Adeligen damals bewohnt, die das Stift vom Kurfürsten gekauft hatten. Die schönen, alten Möbel, die im Kloster stehen, stammen aus Nachlässen, die den Schwestern vermacht wurden. Geblieben von der Vergangenheit sind – außer der schieren imposanten Größe – die prachtvolle Ausstattung mit Stuckdecken und das filigrane Geländer im Treppenhaus, das von Residenz-Ausstatter Johann Georg Oegg stammen soll.

 

Filigran: der Treppenaufgang
Sechs Jahre hatten die Schwestern Handwerker im Haus. „Das war nicht einfach, das ständige Umziehen, meint Schwester Antonita. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt sie im Festsaal, zeigt auf den großen Stern in der Decken-Mitte, den sie mal als Vorlage für Weihnachtskarten verwendet hat. Bei der Sanierung wurde nicht nur der Stuck gereinigt – die Schwestern haben sich auch darum gekümmert, dass neue Heizkörper eingebaut wurden, Energie gespart wird. Und die neuen Lampen passen perfekt zu den alten Stuckdecken.

Heute wie vor Jahrhunderten ist das Kloster einer der größten Arbeitgeber in der Gemeinde. 2005 wurde am Kloster ein Altenheim für Erlöserschwestern gebaut, hier arbeiten viele aus der Umgebung. Die Zukunft macht Schwester Antonita ein bisschen Sorge. Dass es die Gemeinschaft der Schwestern in ein paar Jahrzehnten nicht mehr geben wird, darüber macht sie sich keine Illusionen. Sie hofft aber, dass das Gebäude nicht leer stehen wird. Dafür ist es ihr viel zu sehr ans Herz gewachsen: „Ich liebe Heidenfeld einfach.“

 

 

Kloster Heidenfeld

Das Kloster Maria Hilf in Heidenfeld ist nur zu besonderen Anlässen zu besichtigen. Wer freundlich an der Pforte fragt, kann aber sicher sein, einen Blick in den Garten werfen zu dürfen. Die Anlage, idyllisch am Mainradweg gelegen, ist aber auf jeden Fall ein imposanter Anblick. Das Kloster ist für Radler und Spaziergänger ein idealer Ausgangspunkt, um das unmittelbar in der Nähe liegende Vogelschutzgebiet Garstadt zu entdecken.

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