WÜRZBURG

Neumünster in Würzburg - Heimstatt der Heiligen

Das Neumünster in Würzburg: Eine Geschichte von drei Morden ist das Fundament für die Kirche mit dem einzigen Märtyrergrab nördlich der Donau.

 

Diese Fassade ist zu prächtig, zu großartig für die Würzburger Fußgängerzone: roter Buntsandstein aus dem Spessart, konvex-konkav geschwungen, geschmückt mit Ornamenten und mannshohen weißen Skulpturen, ein Wappen unterm Giebel, ein Marienrelief und eine Aufschrift.

Da steht geschrieben: CHILIANO ET SOCIIS PATRIAE PATRONIS ANNO MDCCXVI POSUIT IOANNES PHILLIPUS EPISCOPUS HERBIPOLENSIS F.O.D. (Franconiae Orientalls Dux) – „Den heiligen Blutzeugen Kilian und seinen Gefährten, den Schutzheiligen des Vaterlandes, weihte dieses Werk im Jahre 1716 Johann Philipp, Bischof von Würzburg (Herzog von Ostfranken).“

 

Dies ist das Neumünster, ein Zentrum des fränkischen Katholizismus, Heimstatt der Gebeine dreier Männer, die von den Katholiken als die Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan verehrt werden. Das Neumünster ist gebaut auf eine Legende, die im siebten Jahrhundert spielt: Der irische Mönch Killena – Kilian – kommt missionierend aufs Festland, elf Gefährten mit ihm, von denen am Ende zwei bleiben: Kolonat, der Priester, der in späteren Darstellungen am Kelch in der Hand zu erkennen sein wird, und Totnan, der Diakon, den Maler und Bildhauer als Träger eines Evangeliums zeigen werden.

In Rom zum Bischof geweiht, wandert Kilian, begleitet von den beiden, bis zum heidnischen Würzburg, wo Herzog Gozbert und seine Gemahlin Geilana herrschen. Gozbert wird Christ, lässt sich taufen und sein Volk auch. Kilian kritisiert die Herzogsehe: Geilana war Gattin von Gozberts Bruder gewesen. Der Wanderbischof fordert die Trennung, Gozbert gibt nach, Geilana nicht. Bei Nacht lässt sie die irischen Mönche enthaupten und ihre Leichen noch am Tatort verscharren, samt Reliquiaren, Kreuz, Evangelienbuch und liturgischen Gewändern. So soll es im Jahre 689 geschehen sein.

63 Jahre später scharren Pferde in ihrem Stall mit den Hufen an immer derselben Stelle. Knechte graben und finden die Überreste dreier Menschen und liturgische Habseligkeiten – kein Zweifel, das müssen die Gebeine der Iren sein. Und dann: das Wunder. ...





... Wer vom Wasser aus dem nahen Brunnen trinkt, wird geheilt von Augenleiden.

In der Krypta, der Unterkirche des Neumünsters, steht ein schwerer, messingfarbener Schrein in der Gestalt eines Hauses. Darin soll liegen, was von den Iren übrig geblieben ist, bis auf die Schädel, die liegen im Dom. Der Schrein steht auf einem mächtigen steinernen grauen Sarkophag mit kleinen Öffnungen zum Hineinschauen und -fassen. Jahrhundertelang lagen die Gebeine darin; die Gläubigen berührten sie mit Tuchstreifen, sie erhofften sich ein Heil davon.

 

Würzburgs erster Bischof, Burkard, im Amt von 742 bis 753 oder 754, ein Engländer, ließ die auf den Marienberg bringen. An der Neumünster-Fassade ist er verewigt, über dem großen Marienrelief, die rechte von drei Skulpturen, mit Bischofshut und -stab und gesenktem Schwert. Ihm zunächst, in der Mitte, steht eine Christusfigur, dann, linksaußen, Kilian, mit erhobenem Schwert als Zeichen seines Martyriums.

Berowelf, Würzburgs dritter Bischof, weihte 788 den ersten Dom, möglicherweise an der Stelle des heutigen Neumünsters. 855 schlug der Blitz ein, der Dom brannte ab. Um 1060 ließ Bischof Adalbero das Stift Neumünster neben den neuen Dom bauen, der zu jener Zeit selbst noch eine Baustelle war.

Kirchen sind politische Bauten, Manifestationen eines Glaubens, der ins Jenseits weisen und das Diesseits regeln will. Das Neumünster in Verbindung mit der Kilianslegende bezeugt das. Das Haus dokumentierte bis zur gewaltsamen Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1803 die Macht der Würzburger Fürstbischöfe. Denn mit den Gebeinen vermeintlicher Blutzeugen im Keller beherbergt das Neumünster das einzige Märtyrergrab nördlich der Donau und östlich des Rheins. Der Bischof von Würzburg regierte über den Ausgangspunkt des christlichen Glaubens in Franken.

Historiker, auch katholische wie der frühere Leiter des Diözesanarchivs in Würzburg, Erik Soder von Güldenstubbe, wissen dass nur wenig stimmt an der Kilianslegende. Die Gegend um Würzburg war bereits missioniert, als die Iren kamen. Kilian war mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in Rom und kein Bischof; diese Würde ist Dichtung zur Förderung der Ehrfurcht. Geilana ist eine Erfindung, eine literarische Kunstfigur, ...





... angelehnt an die biblische Salome, die Johannes dem Täufer den Kopf abschlagen lässt. Kilian, Kolonat und Totnan fielen nach einer Chronik aus den 840er Jahren einem Justizmord zum Opfer. Aber die Legende, das Fundament des Neumünsters, war in der Welt, und der Glaube nahm seinen Lauf.

Die hohe, geschwungene Freitreppe hinauf, hinein in den einst romanischen Kirchenbau. Gleich zu beiden Seiten je ein kleiner Raum, einst Kapelle, nach der 2009 abgeschlossenen, umfassenden Renovierung Orte zur inneren Einkehr: der linke dem Leid gewidmet, der rechte der Sehnsucht nach Transzendenz. Beide sind hell, ausgestattet mit aktueller und jahrhundertealter Kunst, beide sind Deklarationen: Die katholische Kirche lebt ihre Tradition und beansprucht Zeitgenossenschaft gleichermaßen

Jürgen Lenssen, Domkapitular und Chef des Bau- und Kunstreferats der Diözese, setzte diesen Anspruch in der 2009 abgeschlossenen umfassenden Renovierung um. Er steht damit in einer langen Reihe geistlicher Bauherren. Das Thema Zeitgenossenschaft kehrt quer durch die Jahrhunderte und in jedem Winkel des Neumünsters wieder.

Von der Romanik, der kunst- und baugeschichtlichen Epoche zwischen den Jahren 1000 und 1200, ist im Innenraum nicht mehr viel zu sehen. Lenssens fürstbischöfliche Vorgänger waren radikal. 1614 ließ Julius Echter das Neumünster einwölben, Johann Gottfried von Guttenberg ließ 1698 die Fenster vergrößern und die Krypta von einer dreischiffigen zur einschiffigen Anlage umbauen. 1711 schließlich der radikalste Eingriff: Johann Philipp von Greiffenclau ließ die gewaltige Kuppel über das Grab der Frankenapostel bauen. Zur gleichen Zeit entstand die elegante Westfassade, eine der großartigsten Schöpfungen aus der Zeit des deutschen Barocks. Später senkte Balthasar Neumann die Krypta ab, um die Statik für den Kuppelbau zu stärken. (Er hatte Übung darin. Im Dom tat er das Gleiche.)

Vergleichsweise ursprünglich ist der östliche Teil des Kirchenbaus, am Kiliansplatz, der Dom und Neumünster trennt. In der dreischiffigen Basilika mit Querhaus und halbkreisförmiger Apsis steckt die Substanz des Gründungsbaus. Aber auch hier geht der Bauschmuck schon auf eine spätere Epoche, das 13. Jahrhundert, zurück.

Hier, auf nordöstlichen Seite des Neumünsters, wo einst ein Kreuzgang war, liegt das Lusamgärtchen, der Gedenkort für den berühmtesten der deutschsprachigen Minnesänger: Walther von der Vogelweide. Er soll Mitglied des Stiftes Neumünster gewesen und in Würzburg begraben sein. Historiker streiten darüber, die Quellenlage ist dünn.

Im Innenraum des Neumünsters – unter der Kuppel, im Langschiff, dem Altarraum und in der Unterkirche – sind alle Epochen versammelt, vom Bau der Kirche bis zur Gegenwart. Arbeiten zeitgenössischer Künstler wie Thomas Lange, Michael Triegel und Klaus Zaschka führen in katholische Glaubenswelten ein wie die Werke der großen Alten: Tilman Riemenschneider, Jacob van der Auwera oder Johann Peter Wagner.

Die Neumünsterkirche, schreibt Jürgen Emmert vom Bau- und Kunstreferat der Diözese, sei seit jeher mit bedeutenden Kunstwerken ausgestattet gewesen. Heute ist vieles von vielen Künstlern zusammengetragen aus anderen Kirchhäusern, um Verluste auszugleichen. Denn während des Angriffs auf Würzburg am 16. März 1945 traf die Royal Air Force auch das Neumünster schwer, unschätzbare Kostbarkeiten verbrannten.

Erhalten ist das barocke, wolkig-leichte Freskengemälde in der achteckigen Kuppel, das einen Himmel mit fränkischen Heiligen und Seligen zeigt. Nicht zu retten waren, bis auf eines, barocke Fresken unter der Decke des Langhauses. Oskar Martin-Amorbach übermalte sie nach 1945 mit erdenschweren Farben, die sich mit denen der Originale vermischten. Keine Chance für Restauratoren.

Überall große Kunst: Vor dem Altarraum hängt ein mächtiges Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert von der Decke, darunter die kongeniale Kopie einer Riemenschneider-Arbeit mit den drei Frankenaposteln als Motiv. Ein »Schmerzensmannkreuz« aus dem 14. Jahrhundert hängt an einer Wand – Jesus, die Arme vom Kreuz genommen, sie haltend, als wiege er ein Kind. Dazu Verrätseltes aus Moderne und Postmoderne, das einen Wandel im Verhältnis von Kunst und Glauben dokumentiert: weg vom bloßen Vermitteln von Botschaften, hin zu einer Konfrontation des Betrachters mit sich selbst. Zum reinen Glauben kommt das Denken.

  

 

Öffnungszeiten & Führungen
Werktags von 6 bis 18.30 Uhr, sonntags von 8 bis 18.30 Uhr ist das Neumünster geöffnet.
Einstündige Führungen finden samstags und sonntags statt, jeweils ab 14 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Ein Ticket für eine Person kostet 2,50 Euro, ermäßigt 2 Euro. Familientickets kosten 5 Euro, Schüler und Studenten zahlen 1,50 Euro. Kontakt: Alexandra Eck, Telefon (0931) 386-6 28 70, E-Mail alexandra.eck@bistum-wuerzburg.de
www.neumuenster-wuerzburg.de
 

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