WÜRZBURG

Warum Hildegard-Plätzchen glücklich machen - Forschungsgruppe Klostermedizin

Salbei, Baldrian oder eben das Zinnkraut, das sind nur einige der über 600 Arzneipflanzen, die eine Forschergruppe aus Historikern, Ärzten, Apothekern, Botanikern und Chemikern bereits untersucht hat. Für ihre Studien zur Klostermedizin durchkämmen sie Klosterbibliotheken in ganz Europa und entziffern alte Handschriften. Dabei kommt viel verborgenes Wissen ans Licht, erklärt der Leiter der Gruppe, der Würzburger Johannes Mayer.

 

Experte in Sachen Kräuter: Johannes Mayer hat für seine Forschungen schon Klosterbibliotheken von Frankreich bis Ungarn ... Foto: Obermeier
 Frage: Gab es bei Ihren Studien eine Entdeckung, die Sie besonders fasziniert hat?

Johannes Mayer: Faszinierend war zum Beispiel die Entdeckung eines Rezepts zur Heilung offener Wunden, das aus Schafdung, Schimmelkäse und Honig besteht. Man verrührte die Zutaten zu einer Paste und ließ diese 21 Tage auf der Wunde. Als wir das lasen, dachten wir zunächst, die sind verrückt. Aber dann haben wir die Paste näher untersucht. Es liegt nahe, dass sich der Schimmelkäse gegen die Verunreinigung mit dem Schafdung wehrt. Damit könnte diese Mischung wie Penicillin wirken: Die Menschen hatten wohl rund 1100 Jahre, bevor der schottische Bakteriologe Alexander Fleming das Penicillin entdeckte, bereits ein Antibiotikum.

Auf wen geht die Klostermedizin zurück?

Mayer: Zunächst auf medizinisches Wissen der Griechen und der Römer, das im frühen Mittelalter nur bruchstückhaft zur Verfügung stand. Eine der wichtigsten Figuren der Klostermedizin ist der heilige Benedikt. Er hat die Regel aufgestellt, dass die Klöster sich auch um die medizinische Versorgung der Menschen kümmern sollen. So kam es, dass die Klöster Gärten mit Heilpflanzen, Apotheken und Krankenzimmer einrichteten und viele Menschen medizinisch versorgten. Hildegard von Bingen ist also nicht, wie oft geglaubt, die Erfinderin der Klostermedizin. In einer zweiten Phase wurde das antike Wissen über arabische Handschriften vervollständigt. Diese Werke wurden in Monte Cassino und in Toledo ins Lateinische übersetzt.

Warum glauben Sie, ist die Klostermedizin heute wieder so beliebt?

Mayer: Ich denke, dass viele Menschen mit der Schulmedizin nicht zufrieden sind und in der Klosterheilkunde, vor allem in der Anwendung von Heilpflanzen, eine gute Alternative sehen. Gerade chronisch Kranke finden oft in der Schulmedizin keine Hilfe. Aber die Klostermedizin besteht ja nicht nur aus Pflanzenheilkunde. Die Prophylaxe spielt auch eine wichtige Rolle, es gibt Abhandlungen über gesunde Ernährung oder Hygiene. Hinzu kommen Bäder und Massagen, das sind Methoden, die schon vor 2500 Jahren erfolgreich angewendet wurden. Unser Glück ist heute, dass viele Schriften erhalten geblieben sind.

Beispielsweise . . .

mayer: Die interessanteste Schrift ist das Lorscher Arzneibuch. Das ist das älteste erhaltene Dokument der Klostermedizin. Es stammt aus dem letzten Jahrzehnt des 8. Jahrhunderts und enthält über 500 exakt beschriebene Rezepte.

Welche Pflanzen sind die wichtigsten in der Klostermedizin?

Mayer: Johanniskraut ist seit der Antike als Arzneipflanze bekannt, und wurde schon bald zur Behandlung von Brandwunden und interessanterweise auch Melancholie, also Depressionen, verwendet. Wichtige Pflanzen sind auch der Fenchel, die Ringelblume oder das Andornkraut. Das kennt heute kaum noch jemand, es war aber einmal eine der am häufigsten genutzten Heilpflanzen. Melisse, Wermut, Minze oder Salbei wurden ebenfalls oft verwendet, dabei war die Minze damals ein Mittel für den Magen. Das Minzöl, das heute meist als japanisches Öl bezeichnet wird, hat es bei uns im Mittelalter auch schon gegeben. Und der Salbei wurde früher auch für das Gehirn eingesetzt, wenn Menschen nach einem Schlaganfall Sprach- oder Koordinierungsprobleme hatten. Diese Wirkung wird übrigens durch neue Studien aus England gestützt.

Werden Ihre Entdeckungen Einfluss auf die Medizin von morgen haben?

mayer: Das ist durchaus möglich, wie das Beispiel des Salbeis zeigt. Es sieht so aus, als ob wirklich einige der Wirkungen von Pflanzen in Vergessenheit geraten sind. Schon jetzt gibt es aufgrund unserer Forschung einige neue Arzneimittel. Leider werden Arzneimittel, die sich nicht sofort verkaufen, oft schnell wieder aus den Regalen genommen. Aber wir haben vier Klostertees entwickelt, die auf wiederentdeckten Rezepturen beruhen und sehr zu empfehlen sind.

Sind Sie auf Rezepte gestoßen, von denen Sie dringend abraten?

mayer: Solche Rezepte gibt es natürlich auch. In einem heißt es zu Vergiftungen sinngemäß: Man trinke den Saft von Efeuwurzeln. Das würde ich nicht machen. Oder es wird Wolfsmilch gegen starke Magenschmerzen empfohlen. Davor warne ich, denn Wolfsmilch ist giftig.

Welche kleineren Leiden kann man mit den Rezepten heilen?

Mayer: Bei starkem Husten hilft ein Tee aus Salbei, Thymian und Süßholz gut. Hier ist wahrscheinlich das Süßholz entscheidend. Zur Beruhigung empfehle ich einen Tee aus Baldrian, Hopfen, Melisse und Eibisch. Übrigens ist es erstaunlich, dass dieser Tee in den Rezepturen zu finden ist: Baldrian riecht ja sehr stark, und eigentlich wurde stark riechenden Pflanzen eine belebende Wirkung zugeschrieben. Trotzdem hat jemand damals schon entdeckt, dass Baldrian beruhigen kann.

Wenden Sie Rezepte bei sich selbst an?

Mayer: Ja, in diesem Fall hat mein Forschungsgebiet Einfluss auf meinen Alltag. Beispielsweise backen wir zu Hause um die Weihnachtszeit gerne die sogenannten Hildegard-Plätzchen, über die es heißt, sie haben eine „glücklich machende“ Wirkung. Darin sind unter anderem Muskatnuss und Gewürznelke enthalten, und wahrscheinlich ist es die Muskatnuss, die die Stimmung aufhellt. Außerdem rät die Klostermedizin, nur selten das Fleisch von Säugetieren zu essen, und vor allem einen geregelten Tagesablauf zu haben. Ich denke, das sind zwei wichtige Punkte für ein gesundes Leben.

Welche Klostergärten würden Sie für einen Besuch empfehlen?

Mayer: Mein Lieblingsgarten ist der Garten des Klosters Oberzell von Schwester Leandra. Er ist wirklich wunderschön. Der Garten des Klosters Bronnbach ist ebenfalls schön, er ist nach alter Tradition angelegt.


Zur Person: Johannes Gottfried Mayer

Seit 1984 beschäftigt sich Johannes Gottfried Mayer mit Medizingeschichte. Zur Erforschung der Klostermedizin untersucht er seitdem systematisch Handschriften aus Bibliotheken in ganz Europa. Seit ihrer Gründung im Jahr 1999 leitet der 56-jährige Würzburger auch die Forschergruppe Klostermedizin am Institut zur Geschichte der Medizin der Universität Würzburg.

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