HAMMELBURG

Zeitlose Eleganz und Moderne: St. Michaelskirche in Hammelburg

Kalt und billig wirkt heute manche Nachkriegsarchitektur, mit der Planer in der Wirtschaftswunder-Republik Deutschland die Schatten der Vergangenheit zubetonieren wollten. Doch es gelangen auch Werke mit zeitloser Eleganz. Eines davon ist die evangelische Sankt Michaelskirche. Im mehrheitlich katholischen Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen) war der Bau bei der Einweihung 1963 ein Hingucker.

 

Ungewohnte Form: die Sankt Michaelskirche in Hammelburg durch eine Scharte des Mönchsturmes fotografiert. Foto: Wolfgang Dünnebier

„Ich habe mich in der Kirche gleich wohl gefühlt“, sagt Pfarrer Robert Rüster. Ihm gefallen nicht nur die soliden Baumaterialien, sondern auch die Symbolik des Gebäudes. Von weitem sticht der schlanke, 38 Meter hohe Kirchturm ins Auge, der frei neben dem Gotteshaus steht.

Ein auf den ersten Blick schlichter Raum empfängt den Kirchenbesucher. Zutritt findet er durch eines der beiden beinahe gleichberechtigt anmutenden Portale auf der Nord- beziehungsweise Westseite. Die Kirche hat mit 18 mal 18 Metern einen quadratischen Grundriss. Was zur Folge hat, dass der mittlere Block der Kirchenbänke dreieckig angeordnet ist und dessen Spitze direkt auf den Altar zuläuft. „Ein Ausdruck für den dreifaltigen Gott“, sagt Rüster.

 

Moderne Kunst: Die beiden Bronzeportale zeigen biblische Szenen.
In der Symmetrie auch mit dem linken und rechten Flügel liegt der Altar immer in der Mittelachse. „Der Pfarrer steht im Zentrum sehr nah bei der Gemeinde“, umreißt Rüster einen weiteren Vorteil des Grundrisses. Das alles wird umgeben von trutzig wirkenden Mauern, nur von wenigen Fenstern durchbrochen. Außen empfängt den Besucher der Anblick von Sandstein, innen aufgeraute Betonwände. Ihnen gibt grober Kies in verschiedenen Farbtönen eine besondere Note. Das deckenhohe Fensterband auf der Ostseite hinter dem Altar lässt wenig Licht herein. Nur auf der Westseite ist die Kirche großzügiger verglast. Abendsonne taucht die Kirche in eine Helligkeit, die die schweren Baumaterialien doch freundlicher und leichter erscheinen lassen, als an trüben Tagen.

Ein Clou, der den Blick himmelwärts belohnt, ist die geschwungene Holzdecke. Sie war lange als größte freitragende Betonkirchendecke in der deutschen Nachkriegszeit beschrieben worden. Tatsächlich bestehe die Konstruktion aus Blech und Holz. Im Innenraum verfehlt der Schwung der Deckendielen seine Wirkung nicht. „Sie gibt die Geborgenheit eines Schiffes“, so Rüster.

Ein neun Meter hohes Relief des Münchner Künstlers Arno Bromberger erschließt sich erst mit den Erklärungen des Pfarrers. Das überdimensionale Werk heißt „Das himmlische Jerusalem“. Die Glaskunst symbolisiert den Strom des Lebens, das Gott (hier als Lamm) über dem heiligen Jerusalem – einer goldenen Dachlandschaft samt zwölf Stadttoren – ausgießt. In jedem Gottesdienst hat die Gemeinde damit die Welt Gottes vor Augen. Modern gestaltet interpretieren die Bronzeportale der Kirche den Kampf des Erzengels Michael gegen den Drachen, die Vertreibung aus dem Paradies und die Verkündigung der Geburt Christi, sowie die Taufe und die Auferstehung Jesu. Die evangelische Kirche in Hammelburg ist so jung, weil die Gemeinde erst seit 60 Jahren besteht. Nicht zuletzt durch den Ausbau der Bundeswehr wuchs die Gemeinde an und der Kirchenbau wurde nötig.

 



Sankt Michaelskirche

Die Kirche ist ein Werk des bekannten Kirchenarchitekten Olaf Andreas Gulbransson (München), einem Sohn des bekannten Zeichners und Karikaturisten Olaf Gulbransson. Noch bevor der Bau begann, starb der Architekt 1961 im Alter von 45 Jahren bei einem Autounfall. Kollegen sprangen in die Bresche und vollendeten das Werk. Gulbransson hat viele evangelische Kirchen entworfen.

 

 

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