Prosselsheim

Der erste Ritt auf Rambo

So sieht es aus, wenn man mit 27 Jahren zum ersten Mal auf einem Pferd sitzt. Foto: Thomas Obermeier

Da steht er also. Gut zwei Köpfe größer als ich, mit seinem schönen schokobraunem Fell und seiner schwarzen Mähne. Noch würdigt er mich keines Blickes, unbeeindruckt kaut er auf seinem Heu. „Das ist Rambo, dein heutiger Begleiter“, sagt Marion Neubert-Walter, als sie mir den Hof und Stall zeigt. „Rambo – ob der Name Programm ist?“, frage ich mich und werde nervös. Der 52-Jährigen gehört die „Reitanlage Prosselsheim“. Dort finden regelmäßig Schnupperkurse statt, sowohl für Kinder und Erwachsene, die erste Erfahrungen im Reiten haben, als auch für absolute Neulinge wie mich.

„Um Pferde habe ich immer einen Bogen gemacht“

Als kleines Mädchen habe ich mich nie für Pferde oder Ponys interessiert, ich habe nie die Wendy gelesen und bin noch nie geritten. Nicht, weil ich mich vor ihnen gefürchtet habe oder sie nicht hübsch fand. Ich hatte vielmehr ein Herz für Kleintiere, wie für mein Zwergkaninchen „Muffel“ und meinen Hamster „Irma“. Um die großen Pferde habe ich dann auch im Erwachsenenalter einen Bogen gemacht – bis zu meinem ersten Schnupperkurs mit 27 Jahren.

Ist es jetzt zu spät, um Reiten lernen? Bin ich zu alt? „Auf keinen Fall, das Reiten kennt kein Alter“, Marion Neubert-Walter spricht über das Reiten, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Dabei war sie früher hauptberuflich in der Versicherungsbranche tätig. Vor elf Jahren hat sie den ehemaligen Bauernhof gepachtet und in eine Reitanlage umgewandelt. Heute steht dort ein großer Stall mit 26 Pferden und Ponys, drei Sommerkoppeln, einer Winterkoppel sowie einer Reithalle.

Natürlich gibt es Menschen, die ihre Begeisterung für das Reiten schon ganz früh entdecken. Die Reitlehrerin beobachtet aber auch, dass immer mehr Jugendliche und Erwachsene das Reiten lernen wollen, „als Ausgleich zum Alltag, zur Entspannung oder als therapeutische Maßnahme“.

Theoriestunde im Reiterstüberl

Satteln, aufsteigen und los geht es? Von wegen. „Bevor es losgeht, gibt es einiges, was ihr wissen solltet“, sagt Marion zu den acht Teilnehmern. Jeder Schnupperkurs beginnt immer mit einer Theoriestunde in ihrem „Reiter-Stüberl“. Um mich herum sind hauptsächlich Kinder, denn es ist Ferienzeit. „Körpersprache und Rangordnung sind zwei wesentliche Dinge, die ihr beachten solltet."

Pferde seien nämlich Herdentiere und folgen einer bestimmten Rangordnung, die für ein harmonisches Zusammenleben sorge, erklärt sie weiter. Pferde seien aber auch feinfühlige Tiere, die das Verhalten der Menschen spiegeln. „Ihr solltet offen und selbstsicher auftreten, aber nicht zu dominant“, erklärt die Expertin. Denn, wenn sich Pferde, besonders die ranghöheren, plötzlich einem Menschen unterordnen sollen, müssen Mensch und Pferd genau dieselben Rangstreitigkeiten austragen, die die Tiere unter sich ausmachen. „Das heißt: Nur einer kann der Boss sein.“ Ich höre gespannt zu, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie ich das im nächsten Schritt in die Praxis umsetzen soll.

Spürt das Pferd meine Angst?

Nachdem ich Rambo – mit Respekt – gestriegelt, geputzt und vorsichtig gestreichelt habe, ist er startklar. Ich auch? Als ich auf das Pferd steigen soll, sieht es auf einmal riesengroß aus. Wie soll ich da hoch kommen? Wird es mich abwerfen? Ob es meine Angst spürt? Ähnlich aufgeregt war ich zuletzt vor einer schwierigen Klausur während des Studiums. Ich komme mir albern vor, immerhin schaffen das die Kinder und Jugendlichen um mich herum auch. Meine Körpergröße von 1,60 Meter ist mir auch keine große Hilfe.

Mit einem Schemel und Herzklopfen hieve ich mich schließlich auf Rambo's Rücken. Dann geht alles ganz schnell: wir schreiten los und drehen eine erste Runde durch die Reithalle. Meine Hände krallen sich anfangs in den Sattel, noch ist es eine wackelige Angelegenheit für mich. Die Reitlehrerin verbessert meine angespannte Körperhaltung: Brust raus, Bauch rein, Kopf gerade – und ganz wichtig: locker und beweglich in der Hüfte bleiben.

Schritt für Schritt merke ich, wie sich meine Haltung entspannt. Plötzlich trifft das ein, was mir in der Theoriestunde prophezeit wurde. Rambo spiegelt mein Verhalten, er wird locker. Aus meiner Angst wird vielmehr gesunder Respekt und sogar Spaß. Rambo läuft schneller, wir traben durch die Halle. Nach meinen ersten 20 Minuten auf einem Pferd bin ich stolz – und fasziniert. Reiten kommt mir wie Tanzen vor: Wenn man erst mal die Grundschritte beherrscht, geht es wie von alleine.

Pferde sind Herdentiere

Am Nachmittag steht ein sogenanntes „Join-Up“-Training an. Was das ist? Reiter und Pferd befinden sich in der Reithalle. Das Pferd läuft frei im Longierzirkel – angetrieben vom Kursteilnehmer, der bestimmt ob im Schritt, Trab oder Galopp. „Da das Pferd ein Herdentier ist, verspürt es irgendwann immer den Wunsch sich jemandem anzuschließen und unterzuordnen – vorausgesetzt, man gibt dem Pferd mit seiner Körpersprache die richtigen Signale und versteht die Signale des Pferdes.“ Was Marion erklärt, klingt logisch für mich. Aber woran erkenne ich, was in meinem Pferd vor sich geht?

„Wenn ihr gut beobachten könnt, merkt ihr schnell, was es euch sagen möchte.“ Fühlt sich ein Pferd oder Pony wohl, fängt es an, Kaubewegungen mit seinem Maul zu machen, es schnaubt ab und neigt schließlich seinen Kopf. „Wenn euer Pferd diese Signale zeigt, hat es euch zwar anerkannt – aber noch kein Vertrauen gefasst.“ Vertrauen hat es erst, wenn es euch bereitwillig folgt, betont Marion. Ob Rambo mir folgen wird? Ich bin noch skeptisch.

Der Chef der Herde

In der Reithalle sollen alle Teilnehmer nacheinander das „Join-Up“ durchführen. Marion ist der Chef der Herde, die Tiere reagieren sofort auf ihre Stimme. Kein Wunder, sie kennt alle Eigenheiten ihrer 26 Tiere: „Pearly zickt gern. Molly hat Angst vor großen Menschen. Lutz hat Bronchitis.“ Und Rambo? Ich will es herausfinden.

Ich versuche alles umzusetzen, was ich heute über Pferde, ihr Verhalten und ihre Sprache gelernt habe. Und tatsächlich: Rambo neigt nach einer Weile seinen Kopf. Als ich ihm meine Hand entgegenstrecke, läuft er auf mich zu und schleckt sie ab. Am Ende des Tages kann ich nicht nur die Leidenschaft, die Menschen für diese Tiere empfinden, nachvollziehen. Ich kann mir auch vorstellen, bald wieder auf ein Pferd zu steigen.

Reiten in Unterfranken

Reitkurse für Einsteiger bieten zahlreiche Pferdehöfe und Reitanlagen in der Region in den Landkreisen Würzburg und Schweinfurt sowie Kitzingen, Main-Spessart, den Haßbergen und der Rhön an. Es gibt auch Kurse und Schnuppertage für Jugendliche und Erwachsene.

Welche Formen des Reitens gibt es?

Reiten kann in der Freizeit, aber auch als (Turnier-)Sport oder therapeutische Maßnahme ausgeübt werden. Die Steigerwald Ranch bei Rauhenebrach (Lkr. Haßberge) bietet zum Beispiel die Ausbildung von Pferd und Reitern im Westernreiten Wie fange ich am besten an? Für Einsteiger bieten sich Einführungskurse und Einzelunterricht an der Longe an. Dabei geht das Pferd an der langen Leine im Kreis um den Reitlehrer im Schritt herum. So kann der Trainer das Pferd jederzeit kontrollieren. Je nach Fortschritt folgt dann das Reiten in Gruppen. Was brauche ich zum Reiten? Zur Grundausrüstung gehören ein Paar Stiefel oder mindestens knöchelhohe Schuhe sowie ein Reit- oder Fahrradhelm. Die Kleidung sollte elastisch und eng anliegend sein.

Was kostet eine Reitstunde?

Der Preis für eine Einzelstunde liegt meist zwischen 20 und 40 Euro und variiert je nach Anbieter und Region.

Wie viele Menschen reiten in Deutschland?

Laut einer Studie aus dem Jahr 2016 interessieren sich rund 14 Millionen Befragte im Alter von über 14 Jahren für das Reiten. Rund 3,89 Millionen Menschen bezeichnen sich selbst als Reiter, davon 78 Prozent Frauen.
 
Reiten kennt kein Alter. Foto: Thomas Obermeier
Schnupperkurs Reiten. Foto: Thomas Obermeier

Weitere Sommer-Tipps werden im Rahmen der Serie folgen

Rückblick

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