MARGETSHÖCHHEIM

Mit Kopf und Bauchgefühl am Wind

Der Wolkenhimmel über den Segelbooten auf dem Main bei Margetshöchheim (Lkr. Würzburg) ist dramatisch. Aber es ist windstill. „Einen wilden Tanz vollführen die Kähne nur, wenn ein Ausflugsschiff Wellen schlägt“, sagt Heinz Rittinger. Der erfahrene Skipper aber wird uns zwei Landratten, die an diesem Tag zum ersten Mal Anker lichten wollen, trotz Flaute mit den Herausforderungen des Flusssegelns bekanntmachen.

Barfuß, in Jeans und T-Shirt, auf dem Kopf ein Strohhut mit aufgesammelten Vogelfedern, sieht Rittinger eher aus wie ein Flusspirat, nicht wie ein Sportler. Und tatsächlich hat er eine Totenkopfflagge dabei. Es macht ihm sichtlich Spaß, mit Klischees zu brechen. Zwar erzählt er auch von sportlichen Törns, Regatten, dem Muskelkater danach und von der Faszination des Segelns als Verbindung zwischen Kopf, Bauch und Technik. Doch ist für ihn das Fahren hart am Wind vor allem eines: „Die schönste Fortbewegungsart.“

Am Anfang ist Denksport

An Bord seines gut vier Meter langen Plattbodenbootes „Meefischle“ gibt es zunächst einmal Denksport. Die gefühlten zwei Dutzend Schnüre, Seile und Taue sehen sich zwar alle ähnlich, haben aber je nach Ort und Funktion unterschiedliche Namen. Die muss man wissen, wenn die Kommunikation auf dem Wasser schnell funktionieren soll. Und dazu eine ganze Menge andere Seglerbegriffe. Achtern, Backbord, Großschot, Halsen, Knoten, Lee, Luv, Persenning, Pinne, fieren. Gut, das Vokabeln lernen verschieben wir erst einmal. Für heute reichen ein paar wenige. Zum Beispiel, dass der wichtigste Knoten der Palstek ist und das Seil, das die „Meefischle“ an der Boje hält, Vorleine heißt.

Die machen wir nun los und werfen sie ins Boot. Und schon gibt es Kritik, weil wir missachtet haben, dass es für alle Vorgänge an Bord ein festes Schema gibt. Dazu gehört, dass nach jeder Aktion Meldung gemacht wird. „Daran müssen sich viele erst gewöhnen“, sagt Rittinger. Aber nur durch diese Disziplin könnten alle reibungslos zusammenarbeiten. Ist der Wind nämlich nicht so ruhig wie an diesem Tag auf dem Main, sind Missverständnisse fatal.

Einen Orkan, dass den Seglern die Luft wegblieb, hat Rittinger schon auf dem Meer erlebt. „64 Knoten, wahrer Wind!“ Das fühle sich etwa so an, als wenn man bei einer Autofahrt mit 110 Kilometern pro Stunde zum offenen Schiebedach herausschaue. Dann brauchen Segler nicht nur Wissen und Disziplin, sondern Nerven und vor allem Intuition, denn es ist keine Zeit zum Nachdenken.

Dann kommt das Bauchgefühl

Nach Bauchgefühl fahre er ohnehin am liebsten, sagt Rittinger. Auf dem Main ist das auch an weniger wilden Tagen gefragt. Denn die Winde auf dem Fluss sind tückisch. „Wer auf dem Main segeln kann, kann überall segeln“, sagt unser Skipper. Nachdem wir ein Stück mit Motor aus der Anlegestelle der Segelkameradschaft Maintal gefahren sind, setzen wir das kleine Segel, die Fock. „Das ist für mich der glücklichste Moment beim Segeln: Wenn man aus dem Hafen herausgefahren ist und den Motor ausmacht“, sagt Rittinger.

Ganz langsam treibt uns der Wind nun an. Wir gleiten über das olivgrüne Mainwasser, sehen am Ufer Stämmchen, die der Biber angenagt hat, beobachten Nilgänse und einen Kormoran. Rittinger hält nach dem blauschillernden Eisvogel Ausschau, den er hier schon gesehen hat. Manchmal lege er einfach zwischen Gesträuch an und genieße das Draußensein, sagt er. Segeln zeige dem Menschen nämlich seine Abhängigkeit von der Natur. „Der Wind macht, was er will.“

Und vor allem Begeisterung

Und das beweist uns jetzt die Brise am Main. Unversehens kommt sie von einer anderen Seite, weil der Fluss hier breiter ist als vorher, die Weinberge an den Ufern eine andere Form haben und der Bewuchs sich verändert hat. Das Segel schwenkt auf die andere Seite, weil Rittinger uns Unerfahrenen die Leinen überlassen und erzählt statt aufgepasst hat. Genau diese unberechenbaren Winde machten das Segeln auf dem Fluss so spannend, sagt Rittinger und bekommt behände das Boot wieder in den Griff. Patenthalse heißt unser Manöver, bei dem das Boot mit dem Heck durch den Wind dreht, erklärt er. Ein weniger stabil im Wasser liegendes Boot als die „Meefischle“ kann da bei kräftigem Wind kentern.

Trotz solcher Anforderungen können schon Sechsjährige Segeln lernen. Nach oben hin gibt es beim Alter keine Grenze. Ein bisschen Kondition und Beweglichkeit müsse man mitbringen. Aber sonst vor allem Begeisterung.

Die hat Rittinger seit Kindertagen, als er die Segler auf dem Main beobachtete und ihn die Sehnsucht ergriff, sich wie sie frei Wasser und Wind auszusetzen. Sein erstes Boot baute er mit einem Freund aus einer alten Badewanne. Darin segelten die beiden unter der Seeräuberflagge, wie wir jetzt. Und ein bisschen spüren auch wir schon den Segelvirus: Wir wollen ihn irgendwann erleben, den ganz wilden Tanz auf den Mainwellen, mit viel mehr Wind als an diesem Tag.

Segeln in Unterfranken

Im Bayerischen Seglerverband sind über 200 Vereine zwischen Bodensee und Schweinfurter Baggersee mit über 31 000 Mitgliedern vertreten. Eine gute Handvoll Vereine mit Segeln im Programm haben ihren Sitz am Main oder einem der kleinen Seen in Unterfranken. Den Bayerischen Seglerverband gibt es seit 1946. Er gehört dem Bayerischen Landes-Sportverband an und ist mitgliedermäßig nach Nordrhein-Westfalen auf Platz zwei oder drei – mal liegt Baden-Württemberg vorne, mal Bayern. Der Landesverband ist stolz, dass einige der weltbesten Segler aus Bayern kommen. Die Segelkameradschaft Maintal Würzburg, deren Vereinshaus und Anlegestelle in Margetshöchheim (Lkr. Würzburg) ist, hat etwa 180 Mitglieder. Dabei sind Regattateilnehmer auf internationaler Ebene und Freizeitkapitäne, zu denen sich Heinz Rittinger zählt, der uns mit auf sein Boot nahm. Einen Segelschein können schon Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene in jedem Alter machen. Möglich ist das in Vereinen (beispielsweise im Internet zu finden beim Seglerverband unter www.bayernsail.de) und privaten Schulen für wenige Hundert Euro. Ein gebrauchtes kleines Kajütboot gibt es für den Preis eines kleinen Gebrauchtwagens. Vereinsmitglieder können oft die Boote des Vereins nutzen. Allerdings müssen sie auch im Club mitarbeiten. bea

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