WÜRZBURG

„Outdoor-Fitness“: Muskelkater verjagt Schweinehund

Training im Freien mit dem eigenen Körpergewicht liegt im Trend. Doch was bringen „Hampelmänner“, Liegestütz und Co.? Ein Selbstversuch.
„Outdoor-Fitness“: Muskelkater verjagt Schweinehund
Auch die „Schubkarren“-Übung gehörte zum Training. Foto: Patty Varasano

Die Treppen an diesem Arbeitstag erscheinen etwas steiler. Die einzelnen Stufen etwas höher. Baulich hat sich nichts verändert über Nacht. Es ist der Muskelkater, der den Gang in die Redaktion an diesem Morgen erschwert. Am vorangegangenen Abend habe ich „Outdoor-Fitness“ ausprobiert – Fitnesstraining im Freien. Ohne Gewichte. Ohne ausgefeilte Geräte. Stattdessen: ich gegen meinen eigenen Körper.

Die Trainingsbilder, die ich mir vorher auf der Internetseite des Anbieters „everfits“ angesehen hatte, erinnern etwas an Schulsport. Tatsächlich habe ich „Hampelmänner“ gemacht und auch die „Schubkarre“, diese Übung, bei der man seinen auf dem Bauch liegenden Trainingspartner an den Knien packt, woraufhin der sich auf den Händen laufend in Bewegung setzt. Doch was so albern klingt, brennt gerade humorlos in meinen Oberschenkeln.

Aber der Reihe nach. Treffpunkt der „everfits“-Trainingsgruppe in Würzburg ist an den Mainwiesen in der Zellerau. Erst stehe ich bei den falschen Leuten: Die Konkurrenz von „Urban Streetfit“ trifft sich an gleicher Stelle. „Outdoor-Fitness“ ist eben ein Trend, der in der Universitätsstadt angekommen ist. Auf dem Sanderrasen hat die Stadt Würzburg bereits im vergangenen Jahr eine „Outdoor-Fitness-Station“ eingerichtet. Ein Gerüst aus Klimmzugstangen, Sprossenwand und Hangelleiter. Regelmäßig organisieren hier lose Interessengemeinschaften aus Fitnessbegeisterten über Facebook oder WhatsApp gemeinsame Trainingstreffen. Ähnliches passiert auch in Schweinfurt und an anderen Orten in der Region.

Bei „everfits“ trainiert man allerdings nicht einfach drauflos, sondern mit System. Dafür sorgt an diesem Abend Trainer Lukas. Auf das Kommando des 25-jährigen gebürtigen Schweinfurters setzen sich die zehn Teilnehmer in Bewegung. „Eine kleine Laufschule zum Aufwärmen“, bevor es an die ersten Übungen geht.

„Jedes Training soll ein einstündiges intensives Ganzkörpertraining sein“, erklärt er. Bei manchen Einheiten setzt er sogenannte Powerbands, Schlingentrainer und Springseile ein. Kein Training solle wie das andere sein, jedes „effektiver als eine Stunde Joggen“. Das beginnt heute so: Ich stehe in einem Kreis aus Wildfremden auf den Mainwiesen und mache „Hampelmänner“. 20 Wiederholungen, gefolgt von zehn „Jump Squats“ – also Kniebeugen, die man mit einem Sprung abschließt. Dann kommen wieder die „Hampelmänner“. Fünf Minuten lang geht das so, in dieser Zeit soll jeder so viele „Hampelmann“- und „Jump Squats“-Runden wie möglich schaffen.

Angestrengter Blick: Redakteur Benjamin Stahl (vorne) beim „Outdoor-Fitness“ mit Trainer Lukas auf den Würzburger Mainwiesen Foto: Patty Varasano

Ein Schluck aus der Wasserflasche und dann geht es auch schon weiter. Wir joggen zur nächsten Station, einer aus Beton gegossenen Sitzgruppe, die wir für eine der drei folgenden Übungen brauchen: Dips. Wir stützen uns mit den Rücken zu den Bänken mit den Händen an den Sitzflächen ab, drücken uns nach oben und trainieren so den Trizeps. 15 Wiederholungen. Dann 15 Ausfallschritte, 15 „Frog Jumps“, bei denen man im Liegestütz beide Knie zur Brust zieht und wieder in die Ausgangsposition zurückspringt, und wieder von vorne.

„Fünf Runden“, fordert Lukas. Trotz der Musik, die der Trainer über einen mitgebrachten Lautsprecher angestellt hat, hört man leises Stöhnen. Doch mit angezogener Handbremse ist hier niemand unterwegs. Weder bei dieser noch bei späteren Übungen. Das liegt an der Gruppendynamik, glaubt Lukas: „Mit anderen zu trainieren hilft bei der Motivation. Wenn man alleine zu Hause trainiert, ist der Schweinehund vielleicht größer und man zieht sein Training nicht richtig durch.“ Dabei fällt es mir relativ schnell schwer, auf die anderen zu achten – obwohl ich ja als Reporter hier bin und Beobachten meine Hauptaufgabe wäre. Doch je höher der Puls steigt, desto mehr ist man eben mit sich selbst beschäftigt. Und mein Puls ist da noch gar nicht am Limit angekommen.

Das ist beabsichtigt. Wir joggen auf die nächste Wiese, wo Lukas eine Tabata-Einheit vorgesehen hat. Bei dieser Trainingsmethode wechseln sich 20 Sekunden Belastung und zehn Sekunden Pause ab. Das regt den Stoffwechsel an und sorgt für einen hohen Nachbrenneffekt – vereinfacht ausgedrückt: Kalorienverbrauch auch nach dem Training. Für mich heißt das konkret: 20 Sekunden Sit-Ups, zehn Sekunden Pause, 20 Sekunden auf der Stelle springen, zehn Sekunden Pause. Insgesamt fünf Minuten lang.

„Wer Erfolg will, muss sich quälen können.“

Paul Sacharow, „everfits“-Gründer

Irgendwann während dieser Tabata-Einheit muss sich mein Schweinehund getrollt und der Muskelkater angeschlichen haben. Als Lukas im Anschluss eine Sprintübung – „Schubkarren“-Rennen und Liegestütze inklusive – ankündigt, frage ich mich insgeheim, ob meine Beine das mitmachen, oder ich gleich eine Bauchlandung auf den Mainwiesen hinlege. „Zusammenbrechen wird bei uns niemand“, wird mir Lukas später eine entsprechende Frage beantworten. Bei den Übungen können die Teilnehmer schließlich ihr eigenes Tempo gehen. „Aber eine Teilnehmerin hat mir heute gesagt, nach dem letzten Training habe sie fünf Tage Muskelkater gehabt.“ Nach einigen Einheiten werde das aber besser, verspricht er.

Zum Abschluss gibt es noch eine Rückenschule und das „Cool-down“. Im Wesentlichen Dehn- und Streckübungen mit Fokus auf der Rückenmuskulatur, die den Puls wieder nach unten bringen. Dann ist es geschafft. Jedenfalls für heute. Denn wer Trainingseffekte sehen will, muss regelmäßig kommen. Auch im Winter: Trainiert wird bei „everfits“ ganzjährig im Freien. „Wir machen kein Zehn-Wochen-Programm, nach dem dann Schluss ist“, sagt „everfits“-Gründer Paul Sacharow.

„Es geht darum, dass die Leute den Sport dauerhaft in ihr Leben integrieren.“ Deswegen richte sich das Angebot an „sportaffine Menschen, die sich gerne ausprobieren, ihre Belastungsgrenzen austesten“ und Trainingserfolge wollen. „Fit werden oder fit bleiben“ heißt das Ziel des Kraft- und Ausdauertrainings.

Eine neuartige Zauberformel für den Waschbrettbauch im Handumdrehen hat „Outdoor-Fitness“ genauso wenig wie alle anderen Sportarten. Bei „everfits“ geht man damit offen um. Das Rad muss man auch nicht neu erfinden. „Wir setzen auf Bewährtes, das etwas bringt. Bei uns steht die Effektivität im Vordergrund“, so Sacharow. Letztendlich kommt es dann auf den einzelnen Sportler an. Denn „wer Erfolg will, muss sich quälen können“, betont er.

Rückblick

Schlagworte

  • Zellerau
  • Benjamin Stahl
  • Abenteuer Sport
  • Fitness
  • Körpergewicht
  • Sportler
  • Stadt Würzburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0