MESSELHAUSEN

Unterwegs mit Seelenruhe

Acht Kilometer lang Besinnung, Ruhe und Muße. Wer bei Messelhausen dem „flammenden Herz“ folgt, dem Symbol des Ordensgründers Augustinus, findet viel Kunst. Vor allem aber Gelegenheit zu Gesprächen und freiem Gedankenfluss.
TeAuf dem Augustinusweg: Wandern ins Weite der Ackerlandschaft, hier bei Messelhausen.Jürgen Haug-Peichl
TeAuf dem Augustinusweg: Wandern ins Weite der Ackerlandschaft, hier bei Messelhausen.Jürgen Haug-Peichl Foto: Foto:

Diese Stille. Dieser Duft nach frisch gemähtem Gras. Am Himmel zieht ein Greifvogel seine Kreise, das Brummen eines Traktors ist zu vernehmen. Und dann wieder: Stille. Aufbruch zu einem Weg, der Zeit für Meditation, freien Gedankenfluss und auch für Gespräche bietet. Der Augustinus-Wanderweg in Messelhausen, einem 332-Seelen-Ortsteil von Lauda-Königshofen in Tauberfranken – das sind genauer gesagt vier Themenwege, zwischen fünf und 20 Kilometer lang, in der Wanderkategorie „mittel“ eingeordnet.

80 Jahre lang hatten in Messelhausen Augustinermönche gelebt. Kloster und Konvent sind aufgegeben worden, seitdem leben die Brüder in Würzburg. Und der Augustinus-Weg bleibt: Anhand von Auszügen aus den „Confessiones“ des Augustinus sowie Kunstwerken kann sich der Wanderer auf Spurensuche durch das Leben des Ordensvaters und Kirchenlehrers begeben. Seit der Schließung des Klosters kümmert sich ein Verein um die vier Wege. Die Streckenpflege übernehmen drei Gemeinden, die Schilder und Kunstwerke werden von Vereinsmitgliedern gepflegt.

Diese Skulpturen entlang des Weges erzählen vom Leben und Wirken des heiligen Augustinus im vierten und fünften Jahrhundert. Vor allem auf dem „schwarzen Weg“, dem ursprünglichen Augustinus-Wanderweg. Wobei sich dort keine Abgründe auftun. Vielmehr sind die Wegmarkierungen farbig: schwarz für das Leben des Augustinus, grün für die Schöpfung, rot für Spiritualität und orange für Freundschaft. Über allem steht das „flammende Herz“, das Symbol Augustinus‘ und der Wegweiser für die Wanderwege.

In Abständen bietet der „Verein der Freunde des Augustinusweges“ geführte Wanderungen auf dem schwarzen Weg an, mit seelsorgerischer Begleitung. So wie bei dieser Tour: Der Vereinsvorsitzende Mike Noorlander und Bruder Marcel Hartmann aus dem Würzburger Augustinerkloster machen sich mit einer 25-köpfigen Gruppe auf zu einigen der 19 Stationen. Oft nimmt Noorlander zu den Wanderungen seine beiden Kinder mit, elf und zwölf Jahre alt – „und die wiederum ihre Freunde“.

Start und Ziel ist in der Pfarrkiche in Messelhausen, an einem über 400 Jahre alten Apostelaltar. „Aufbruch“ lautet diese erste Station, Bruder Marcel stellt den Altar in seinen Einzelheiten vor. Der Weg führt an einer Skulptur namens „Werden und Vergehen“ vorbei, die die Wanderer am Ende dann zurückerwartet. Das Werk „Spiele und Streiche“ unter einem knorrigen alten Baum will zeigen, dass Augustinus in seinen frühen Jahren ein „normales Kind seiner Zeit“ war, erklärt Bruder Marcel. „Alles, was verboten war, reizte ihn und seine Freunde, es erst recht zu tun“, sagt der Ordensbruder. Der Birnenbaum im Ort etwa sei prall gefüllt mit ungenießbaren Birnen gewesen. „'Geh Augustinus, da gehst du aber nicht dran‘, so der Hinweis der Eltern.“ Natürlich hätten Augustinus und seine Freunde den Baum leer geräumt, ließen die Birnen am Boden liegen oder verfütterten sie an die Schweine.

Es geht bergauf, zur Station „Zusammenbrechen“, die sich mit dem Tod eines Freundes befasst, von da an verläuft der Weg schwungvoll abwärts. Und noch immer ist genug Zeit, um sich zu besinnen und seine Gedanken zu sammeln. Was auch der eigentliche Sinn des Weges ist, der Ortschaften meidet. Genau das Richtige für Wanderer, die die Spiritualität suchen. Wie Gabi und Hugo Imhof aus Königshofen, die an diesem Tag den Weg zum zweiten Mal gehen. Was ihnen Bruder Marcel Augustinus nahebringt, gefällt beiden. Sie genießen das Wandern mit Gleichgesinnten, die wie sie den Weg meditativ gehen. Oder wie Alfred Weber aus Schweigern bei Bocksberg, der den Weg zum sechsten Mal geht, davon einmal mit einem Freund per Mountainbike. „Auf dem Fahrrad sieht man von den Stationen aber nicht so viel.“ Das Laufen in der Gruppe genießt er nun – wegen der vielen Gespräche und der Erklärungen zu den Stationen.

Mit der Station „Mutter/Geliebte“, einer Skulptur am Waldrand, nimmt der Weg Fahrt auf. Augustinus steht zwischen zwei Frauen: seiner Mutter Monica und der Geliebten, deren Name bis heute unbekannt ist und mit der Augustinus ein Kind hat. Die Mutter ist gegen die Beziehung, letztlich gibt Augustinus ihr nach.

Waren nach eineinhalb Stunden acht Stationen erwandert, sind es jetzt innerhalb weniger Hundert Meter bis zur „Taufe“ an einem Schiefersteinbruch sechs Stationen. Getauft wurde dort aber noch nie jemand, sagt Bruder Marcel und liest hier wie an mehreren anderen Stationen auch aus den „Confessiones“, der Autobiografie Augustinus‘. Die Station „Lobpreisen“ ist eine aus Holz gebaute Mini-Kirche mit einer Bibel und zahlreichen kleinen Zetteln mit Bibelstellen – wer mag, nimmt einen Zettel und liest die entsprechende Stelle. Eine Station weiter feiert Bruder Marcel auf einem Steinaltar mit den Wanderern das Abendmahl. Noch drei Stationen, dann klingt der Weg aus, wie er angefangen hat: mit Besinnung und Ruhe. Oder einem letzten Gespräch von Wanderer zu Wanderer an der Pfarrkirche. Der Altar ist erreicht. Zeit, um Abschied zu nehmen.

Augustinus war ein Suchender, sein Lebensweg verschlungen: Auf dem Augustinus-Weg in Tauberfranken aber finden die Wanderer Ruhe und Gelassenheit.
Augustinus war ein Suchender, sein Lebensweg verschlungen: Auf dem Augustinus-Weg in Tauberfranken aber finden die Wanderer Ruhe und Gelassenheit. Foto: Stadt Lauda-Königshofen
Augustinusweg: Das flammende Herz ist das Erkennungszeichen, stets zu finden auf den Wegweisern. JÜRGEN HAUG-PEICHL
Augustinusweg: Das flammende Herz ist das Erkennungszeichen, stets zu finden auf den Wegweisern. JÜRGEN HAUG-PEICHL Foto: Foto:
Augustinusweg: Dieses Klangspiel bei Kützbrunn lädt zum Meditieren ein. .JÜRGEN HAUG-PEICHL
Augustinusweg: Dieses Klangspiel bei Kützbrunn lädt zum Meditieren ein. .JÜRGEN HAUG-PEICHL Foto: Foto:

Rückblick

  1. Unterwegs mit Seelenruhe
  2. Milseburg: Zwischen Himmel und Erde
  3. Zwischen Birken und Basalt
  4. Wein, Wein, überall Wein
  5. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  6. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  7. Auf dem letzten Weg der Toten
  8. Per Rad hinein ins Himmelreich
  9. Wilde Schönheiten jahrtausendealt
  10. Leidenschaftliche Pfadfinder
  11. Liebliches Tal im dunklen Spessart
  12. Radel-Tipp 1: Entspannter Feierabend
  13. Radel-Tipp 2: Holprig um Hofheim
  14. Radel-Tipp 3: Mit Rennrad im Spessart
  15. Radel-Tipp 4: In Würzburgs Wäldern
  16. Da geht's lang! Die besten Radwege Unterfrankens
  17. Wanderwochenende dieser Zeitung: Spaß, Flair, Spannung
  18. Ritterburgen und sagenhafte Felsen
  19. Literarische Suche nach dem Sinn des Wanderns
  20. Wallfahrer auf dem Weg
  21. Die Botschaft der Steine
  22. Wandern mit Redakteuren Ihrer Tageszeitung
  23. Ein Gedicht von einem Weg
  24. Wandern mit Hallo-Wach-Effekt
  25. Schwing die Hufe!
  26. Westumgehung: Natur in Gefahr
  27. Der Wasser-Marsch
  28. Mit dem Wanderstock über die Reichsautobahn
  29. Beweg dich wie eine Spinne
  30. Hinauf zu den Adonisröschen
  31. Hüttengaudi am Himmeldunk
  32. Auf den Pfaden der Karolinger
  33. Ein Wald für die Seele
  34. Wandersaison eröffnet
  35. Kultur auf Schritt und Tritt
  36. Trendsport Wandern lässt die Kassen klingeln
  37. Wunderbares Wanderwetter - auch auf vier Rädern
  38. Auf den Spuren Bechsteins
  39. Wanderserie: Von Jagdlust und rauen Gesellen
  40. Wandern in Unterfranken
  41. Rohrleitung aus 220 Bäumen
  42. Kompetente Führer bei Rhön-Touren
  43. Wandern im hessischen Kegelspiel

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Messelhausen
  • Guido Chuleck
  • Herz
  • Ordensgründer
  • Ruhe
  • Skulpturen
  • Spiritualität
  • Wanderer
  • Wanderserie
  • Wanderungen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0