RHÖN-GRABFELD

Die Wilden 60er fingen erst 1970 an

„Freie Liebe“ auf dem Land: Das Idyll aus dem Jahr 1970 ist zwar lieblich, aber, wie die meisten Idylle, nicht von Dauer. Schließlich muss auch in den folgenden Jahren die Welt gerettet werden.
„Freie Liebe“ auf dem Land: Das Idyll aus dem Jahr 1970 ist zwar lieblich, aber, wie die meisten Idylle, nicht von Dauer. Schließlich muss auch in den folgenden Jahren die Welt gerettet werden. Foto: Siggi Seuss

Verflixt und zugenäht! Hatten wir nicht gerade mit leuchtenden Augen die 1960er Jahre beweint, in denen für uns damals pubertierende Jungmänner angeblich alles so anders war als in den fernen 50ern?

Aus dem Flaum wurde ein unordentliches Backenbärtchen. Die Haare sprossen, gegen den lächerlichen aber unerschütterlichen Widerstand der Mutter, die Musik war wild, die Gedanken schienen frei, die Lüste lockten in aller Öffentlichkeit. Und trotzdem war das mit der Satisfaction gar nicht so einfach.

Das war in den 1960ern. Und jetzt sind die 1970er zur Erinnerung freigegeben und der eine oder die andere stellt mit Erstaunen fest: Das, was wir uns, abseits der Weltbewegungen, für die wilden 1960er zurechtgezimmert haben, fand in der Provinz weit mehr in den 1970ern statt. Allein das Aufbegehren in den Schulen als kollektiver Akt - und nicht als leicht zu ahndende Verweigerung Einzelner – war eine Erscheinung der 70er.

Das sagen jedenfalls Schüler und Lehrer aus jener Zeit. Auch die wilden Jahre am Neustädter Gymnasium - wenn man überhaupt davon sprechen kann – sind den 70ern zuzurechnen. Ebenso hatte die freie Musikszene in den Discos und Tanzschuppen ihre Blütezeit später als in den Städten, bis hinein in die 1980er Jahre. Im legendären Neustädter Café Wiener, dem „Plonkl“, stieg 1970, wie bereits berichtet, die Zahl der unorthodoxen Stammtische rapide von null auf fünfundzwanzig.

Bei den Debattierrunden lösten sich die Zungen direkt proportional zur Zahl der Striche auf den Bierdeckeln. Weltrevolutionspläne wurden dabei intern geregelt, zum Beispiel, wenn Gymnasiasten in obligatorischen Arbeitsgruppen über den Untergang des Spätkapitalismus diskutierten oder die Szene aus der berühmt-berüchtigten Heustreuer Disco nach Toresschluss noch in langen Gewändern und barfuß zum Tagesausklang beim Plonkl erschien.

„Es waren unkultivierte Zeiten“, erinnert sich ein pensionierter Gymnasiallehrer, und er meint damit weit eher die 1970er Jahre als die 60er: „Ich komm' in die Klasse rein - und keiner spricht mit mir.“ Von solchen kollektiven Verweigerungshaltungen können einige Lehrer ein Lied singen. Höhere Schüler forderten allerorten Mitbestimmung, setzten sich zur Wehr und praktizierten immer wieder mal Psychoterror (sie verstanden es als „Gegenterror“). Sicherheitshalber eher bei den Lehrern, die Schwächen zeigten, als bei jenen, die Stärke demonstrierten.

Sind also die 1970er Jahre in Rhön und Grabfeld die wahren 1960er? Vielleicht. Dieser Frage werden wir in unseren Berichten nachspüren. Für das Leben des Chronisten jedenfalls war es ein verwirrendes Jahrzehnt. Zum einen wuchsen Bart- und Haupthaar ins Unendliche und der dunkelgrüne Parka, genannt Zelt, wurde zum Markenzeichen des Widerstands gegen das Establishment. Natürlich gehörte auch die Tabakspfeife im Mundwinkel dazu, um den Status des kritischen Intellektuellen zu unterstreichen. Und die Kriegsdienstverweigerung war 1970 Ehrensache und streng gewissensgeprüft – keine Frage. Achtzehn Monate Pflegedienst im Altersheim, in einer Atmosphäre, in der das Drückeberger-Geschwätz noch die öffentliche Meinung dominierte, das hätte eigentlich den revolutionären Kampfgeist stärken müssen. Aber der jugendliche Held spaltete sich lieber in eine öffentliche und eine private Person. Die eine war, studentenbewegt, auf Demos gegen den Vietnamkrieg und das Bayerische Hochschulgesetz unterwegs und fantasierte sich eine, auch von sexuellen, Zwängen befreite Welt zusammen.

Die andere schrieb Gedichte und wollte die wahre Liebe ganz und gar romantisch hegen und pflegen. Die Folge: Hochzeit. Er: 21, sie: 18. Vier Jahre später: Ende des kleinbürgerlich-rebellischen Idylls. Ohne Kind und ohne von den Eltern finanziertes Reihenhäuschen. Insofern waren die 1970er eine Zeit des Aufbegehrens und der Anpassung. Ob das ein Symptom des Lebens vieler junger Leute jener Zeit war, wird sich bei unserer Spurensuche noch zeigen.

ONLINE-TIPP

Bilder und Geschichten sowie ein Gewinnspiel zur 70er-Jahre-Serie auf: www.,mainpost.de/diebunten70er

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Kriegsdienstverweigerung
  • Pubertät
  • Spätkapitalismus
  • Uhren
  • Vietnam-Krieg (1961-1974)
  • Öffentliche Meinung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!