HASSFURT/KÖNIGSBERG

60er Jahre: Von Revolution nichts zu spüren

Walter Keller als junger Landrat: Unser Bild zeigt ihn Ende der 60er Jahre zusammen mit seiner Frau Zita und den Söhnen ... Foto: Archiv Keller

Ungewöhnlich jung war Walter Keller, als er im Dezember 1967 zum Landrat des damaligen Landkreises Haßfurt gewählt worden ist. „Ich war gerade 33 Jahre alt“, erinnert sich der heute 76-Jährige. Besonders die Landschulreform mit der Auflösung der Konfessionsschulen und die Entscheidung über die Standorte für die Realschule forderten den jungen Landrat.

Keller war als Verwaltungsjurist 1966 aus der Rhön mit seiner Frau und zwei Kindern nach Haßfurt ans Landratsamt gekommen. Dort wurde er sehr schnell der persönliche Berater des damaligen Landrats, Oskar Heurung, und dessen Stellvertreter, Gottfried Hart. „Ich war mit allen Problemen vertraut“, sagt er. Dies war auch der Grund, warum er nach dem gesundheitsbedingten Rücktritt von Heurung der Kandidat der Wählergemeinschaft und des Christlichen Bürgerblocks für die anstehende Landratswahl geworden ist.

Sicher, meint Keller, habe es Vorbehalte gegen mein junges Alter gegeben. „Manche meinten, unter 40 dürfe man kein Landrat sein“, doch habe er sehr schnell seine Kritiker mit Kompetenz in Sachfragen überzeugen können. Denn Probleme, die eine Lösung verlangten, gab es in dieser Zeit des Umbruchs und Aufbaus genug.

„Ein schwerer Konflikt lag zu Amtsbeginn auf meinem Tisch“, erinnert sich Keller. Es ging um die Frage, wo im Landkreis Haßfurt die Realschule – damals Mittelschule – gebaut wird. Nach dem Konzept der Staatsregierung sollte diese flächendeckend in Bayern eingeführt werden. Im Streit um den Standort zwischen Haßfurt und Eltmann habe Keller schließlich die Lösung durchsetzen können, dass in Haßfurt der Hauptsitz und in Eltmann eine Zweigstelle entsteht. Wie die Entwicklung zeigte, haben sich beide als lebensfähig erwiesen und sind längst selbstständig.

Die Realschule in Haßfurt war zunächst im Herrenhof, im heutigen Landratsamt, untergebracht, nachdem die Gymnasiasten schon einige Zeit zuvor ausgezogen waren. Keller selbst residierte im heutigen Rathaus, das im Volksmund daher auch heute noch altes Landratsamt genannt wird.

Zu seinen Verdiensten gehört es auch, die deutsch-französische Freundschaft mit dem Destrict Tricastin im Département Drôme auf den Weg gebracht zu haben. Doch viel Überzeugungsarbeit hat die Gebietsreform gefordert, die 1972 vollzogen wurde und bei der der Landkreis Haßberge als Zusammenschluss der Landkreise Ebern, Hofheim und Haßfurt entstand.

Es bestand das politische Risiko, die bisherigen Landkreise den Stadtumland-Landkreisen der Städte Bamberg, Schweinfurt und Coburg zuzuschlagen. „Das wäre schlimm für uns gewesen“, ist Keller heute noch überzeugt. „Unsere Bürger und ihre Heimat wären zum Randgebiet der kreisfreien Städte geworden.“ Stattdessen ist es gelungen, ein „Wir-Gefühl“ zu erzeugen und den Landkreis Haßberge zu schaffen, als dessen Vater Walter Keller gilt.

1972 folgten dann die Landratswahlen im Landkreis Haßberge, die er – mittlerweile war er der Kandidat der CSU – gewann. Der Hofheimer Landrat Herbert Krahmer hatte damals aus gesundheitlichen Gründen darauf verzichtet, gegen Keller anzutreten, und in einer Delegiertenversammlung hatte sich die Mehrheit für ihn und nicht für den Eberner Landrat Hans Reuther als Kandidat der CSU entschieden.

Keine Hippies in der Gegend

Die 60er Jahre werden – wie auch in dem Titel unserer Serie – gemeinhin als eine wilde Zeit angesehen, die von Umbruch und Revolution geprägt gewesen ist. Für Keller ist das ein Mythos – zumindest in unserer Region. Hippies und Blumenkinder hätten hier keine Rolle gespielt und die konservative Regierung unter dem Ministerpräsidenten Alfons Goppel in München sei alles andere als strukturkonservativ gewesen. Im Gegenteil – sie hätte viele Reformen verwirklicht, die die Lebensverhältnisse nachhaltig verändert hätten.

Keller wohnt heute in einem schönen Fachwerkhaus am Salzmarkt in der Königsberger Altstadt. 1991 ist er dort hingezogen, nachdem er zuvor mit seiner Familie in Haßfurt, in der Virdungstraße, gewohnt hat. Er liebt alte Baukultur, daher hat es ihn gereizt, dieses denkmalgeschützte Haus wieder mit Leben zu füllen. Und er fühlt sich dort sehr wohl. „Ich habe alles, was ich brauche, in meiner Nähe“, antwortet Keller denen, die über die Lebensqualität in der Innen- und Altstadt jammern.

ONLINE-TIPP

Weitere Geschichten und Bilder aus der Region zu den 60er Jahren im Internet: www.mainpost.de/diewilden60er

Walter Keller. Foto: K. Gimmler

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