Die Gebrüder Traub bei Olympia

Die wilden 60er: Die Schweinfurter Eisschnellläufer trainierten für ihre Wettkämpfe auch mal mit Rollschuhen auf der Bundesstraße zwischen Schonungen und Untertheres
Rekordhalter: Der zweifache Olympiateilnehmer Günter Traub erfüllte sich in nur vier Jahren auf dem Eis seinen Lebenstra... Foto: Horstmüller

Mit Günter und Jürgen Traub kamen ausgerechnet aus dem (kunst-)eisfreien Schweinfurt Anfang der 60er Jahre die Pioniere, die die vergessene Sportart Eisschnelllauf in Deutschland wiederbelebten und bei zwei olympischen Winterspielen – 1964 in Innsbruck, 1968 in Grenoble – starteten.

Die sportverrückten, vielseitigen Brüder gönnten sich in ihren wilden 60er Jahren kaum eine Pause im prall gefüllten Sportjahr, das sie über fast alle Erdteile führte: Im November begann die Eisschnelllauf-Saison, im Frühjahr wurde Kondition bei Radrennen in heimischer Umgebung aufgebaut und bis in den Herbst jagten sie im Rollschnelllauf nach den Welttiteln. Günter Traub schaffte sogar einmal ein 160-Kilometer-Radrennen in Schweinfurt und – am gleichen Tag – den abendlichen Länderkampf in Selb. Mit solch eisernem Willen erfüllte sich der besessene Autodidakt in nur vier Jahren auf dem Eis seinen Lebenstraum vom Weltrekord im Großen Vierkampf 1963 und 1968, was bis heute keinem anderen Deutschen gelang.

 

Erste sportliche Aktivitäten der Sprösslinge aus dem traditionsreichen Schweinfurter Sanitätshaus Traub, wo Sport bis dahin nie eine große Rolle gespielt hatte, fanden beim Schwimmclub statt. Jürgen dominierte zwar in Unterfranken, „doch für die große Schwimmkarriere fehlten mir die Idealmaße“, bekennt er bei unserer Zeitreise. Luise Nickel, Spitzenathletin beim SC 13 und auf der Rollschuhbahn, empfahl den Brüdern, es doch mal mit Rollschnelllauf beim ERV zu versuchen. Fortan waren die Traubs in ihrem Element und bis 1968 in Deutschland kaum zu schlagen. 1960 entstand ein moderner Schnelllaufring im Sachs-Stadion. Die verwegenen Kurvenjagden der heimischen Rollflitzer mit der Weltelite aus Italien, England, Belgien und Spanien war die neue Attraktion in der Stadt und lockte bis zu 4000 Zuschauer an.

Die Schweinfurter feierten das rasende Brüderpaar nach Günters ersten von vier Welttiteln 1961 mit einem Triumphzug zum Rathaus, der Nachwuchs eiferte den Vorbildern nach und mit der Industriellenfamilie Schäfer fand sich sogar ein großzügiger Sponsor.

Bevorzugtes Trainingsrevier war die Bundesstraße B 26 zwischen Schonungen und Untertheres. Die Autofahrer seien verständnisvoll gewesen, hätten das Duo interessiert beobachtet bei ihrer 40 bis 50 Stundenkilometer schnellen Jagd über den Asphalt, berichtet Jürgen Traub von paradiesischen Verkehrsverhältnissen. Zähigkeit und Härte holten sie sich auch von Obbach hinauf zur Sulzthaler Kapelle.

Im Winter 1959/60 machte der 20-jährige Günter auf dem Rießersee erste ernsthafte Versuche auf den 40 Zentimeter langen Kufen. Ein Jahr später war er auch auf dem Eis deutscher Meister. „Eisschnelllauf war olympische Sportart, das war unser großes Ziel. Als Rollschnellläufer waren wir im Vorteil“, ließ sich Jürgen Traub schnell anstecken.

Die 400 Meter-Naturbahn auf dem Frillensee und ab 1965 das erste Kunsteis-Oval in Inzell wurden zwischen 1962 und 1968 im Winter zur zweiten Heimat für die Traubs. Die nationale Elite logierte damals im einfachen Forsthaus im Wald, ohne Zimmerheizung. Mit dem Rucksack ging's in den Anfangsjahren zum Training hinauf zum Frillensee, im Stall zog man sich um. „Doch wir waren jung“, blickt Jürgen zurück, „das war die schönste Zeit.“

Günter Traub zog abends sogar mit Taschenlampe los und drehte im Mondlicht noch seine Runden. „Diese Besessenheit hatte ich nie“, gesteht der Jüngere, der in den Inzeller Winterzeiten halbtags in Traunstein seinem Beruf als Orthopädie-Techniker nachging. „Ich hatte wohl das größere Talent und hätte noch mehr herausholen können, habe aber immer nur so viel trainiert, dass es gut gereicht hat.“ Immerhin war das auf höchstem Niveau. Zwischen Jürgen Traubs erstem Kufen-Wettkampf und der Europameisterschafts-Teilnahme im Winter 1962/63 lagen vier Wochen. Ein Jahr später qualifizierte er sich in den West-Ost-Ausscheidungen auf der Langstrecke für Olympia. „Ausdauer war schon als Schüler meine Stärke, als wir am Schillerplatz um die Baracken gerannt sind“, sagt er. „Wir hatten damals ja endlos Zeit, außer Schule und Sport gab es nicht viel Abwechslung.“ Schon der flotte Marsch von der Innenstadt raus zum Stadion sei ein Teil des Trainings gewesen.

Günter habe ganz für den Sport gelebt, 1964 sein Sportstudium begonnen, im Training immer Neues ausprobiert und viel getüftelt am Material. „Wir sind 1200 Kilometer bis nach Norwegen gefahren, um die besten Rennschuhe und Kufen zu bekommen“, erzählt Jürgen Traub von einer der vielen Reisen. Im hohen, eislaufverrückten Norden sei Günter sehr populär.

Nach 39 deutschen Meistertiteln in beiden Sportarten blieb der innovative Diplom-Sportlehrer mit seinem „Alpinen Bewegungs- und Fitnesstraining“ in St. Moritz als „Fitness-Guru“ weiter im Gespräch. Fit wie eh und je, aber sportlich nun kürzer tretend, lebt der 71-Jährige nach wie vor im Engadin.

Auch Jürgen Traub sieht man die 67 nicht an. Der leidenschaftliche Golfspieler und mittlerweile sechsfache Großvater übernahm nach den Olympischen Spielen 1968 das elterliche Orthopädie- und Sanitätshaus und baute es mit seiner Frau Dorothea zu einem mittelständischen Unternehmen mit Filialen an acht Standorten aus. Seit zwei Jahren führen das Unternehmen seine Söhne.

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