GEROLZHOFEN

Im eigenen Club ging der Beat ab

1966 gründeten in Gerolzhofen die Stross-Brüder, Walter Beck und Manfred Wetterich ihre Band: "The Chantils".
„The Chantils“ auf den Marx'schen Limokisten: Schlagzeuger Ernst Stross (vorne), Bruder und Gitarrist Manfred Stross (li... Foto: Stross

J a, die 60er, das seien in der Tat wilde Jahre gewesen, sagt Ernst Stross und gerät ins Schwärmen, wenn er an die Aufbruchzeit zurückdenkt. Mit seinem jüngeren Bruder Manfred „Manni“ Stross (Rhythmusgitarre), Walter „Hippie“ Beck und dem Sologitarristen Manfred „Manne“, Wetterich aus Schweinfurt, den sie auch, „Nomen est Omen“, „Solo“ riefen, gründete der 18-Jährige 1966 in Gerolzhofen die Band „The Chantils“.

Die Wortschöpfung basierte auf der damaligen Beschäftigung der Bandmitglieder. Ernst Stross befand sich in der Berufsausbildung zum Kaufmann (Englisch: merchant), „Manne“ und „Manni“ waren noch Schüler (pupils). Daraus ergab sich „chantils“. Warum der Schlosser-Beruf von Walter Beck (er sang „Hippy, Hippy Shake“, daher der Spitzname) außen vor blieb, weiß keiner mehr.

Einst Schlagzeuger, heute Bürgermeister

Ernst Stross selbst, den sie in seiner Heimatstadt Gerolzhofen noch fast alle nur „James“ nennen und der heute Bürgermeister von Hammelburg ist, saß damals am Schlagzeug, oder besser, das was man so als Schlagzeug bezeichnete, „denn viel Geld hatten wir ja alle nicht.“

Erst später reichte es für das erste „Premium-Schlagzeug“, bestellt bei Musik Lindberg in München, mit zwei Tom-Toms und sonst allem Drum und Dran, während auch die anderen Bandmitglieder nach und nach ihr Equipment aufrüsteten.

Mit „Love me do“ von den Beatles war im Oktober 1962 eine neue musikalische Zeitrechnung angebrochen. So spielten die „Chantils“ die englischsprachigen Hits von den Beatles, Stones und anderen Gruppen der damaligen Zeit rauf und runter.

Nur einmal hat sich die Band dern Erinnerung von Ernst Stross zufolge an einem deutschen Titel versucht, „Baby Halbstark“ von den „Rattles“ (das Original stammte von den Yankees). Das Experiment sei aber gleich wieder beendet worden, weil die englischen Songs einfach besser ankamen.

„Wir spielten in der ganzen umliegenden Gegend. Es war toll!“, erinnert sich Ernst „James“ Stross, so als wäre alles erst ein paar Tage her.

Der „Stage Club“ im alten Kino

Doch damit nicht genug. Da es in der damaligen Zeit nicht allzu viele Vergnügungs- und Ausgehmöglichkeiten für die jungen Leute gab, eröffnete die Band mitten im Herzen der Stadt im alten Saal der vormaligen Central-Lichtspiele ihren eigenen Club, den „Stage Club“. Ernst Stross: „Dazu mieteten wir das alte Kino am Marktplatz von Paula Ullerich, die das Kino zuletzt betrieben hatte, an und verwandelten es in Eigenleistung in eine große Tanzfläche“.

Während die Band vorne im Bereich der einstigen Leinwand auf der etwa 2,50 Meter breiten Bühne loslegte, tanzten die Leute auf der abgeschrägten Tanzfläche, wo zuvor die Kinosessel auf der abfallenden Ebene standen. Gerockt werden durfte im Gerolzhöfer „Beat-Club“ samstags von 17 bis 22 Uhr. Ernst Stross: „Nicht zu vergleichen mit den heutigen Ausgeh- und Öffnungszeiten.“

Plakate selbst gedruckt

Stross packt die alten, fein säuberlich aufgehobenen Plakate aus: „Die haben wir im Keller mit Unterstützung von Herbert Konhäuser auf der eigenen Siebdruckanlage gedruckt und dann in der ganzen Gegend aufgehängt.“

In einem alten Zeitungsartikel im „Bote vom Steigerwald“ heißt es über einen „Chantils“-Auftritt: „Nicht nur moderner Beat, sondern auch sonstige Stimmungsrhythmen werden von den vier Musikern erzeugt“.

Oft kamen die Jugendlichen kilometerweit zu Fuß herbei, um ihre Idole zu hören. Die Musik verband alle. Da Ernst Stross zunächst als einziger einen Führerschein hatte, fuhr er mit den Instrumenten und der Anlage im Auto des Vaters voraus und nachts alles wieder heim.

Weg von Blasmusik und Elvis

„Es war ein richtiger Aufbruch spürbar“, sprudelt es weiter aus dem heute 62-Jährigen heraus. Zum Beispiel weg von der Blasmusik im Elternhaus, aber auch wieder weg von Elvis Presley. Die Musikszene revolutionierte sich, ein Hit jagte den anderen, erzählt er mit glänzenden Augen. Fernsehsendungen wie der „Beat-Club“, die erste Musiksendung mit englischsprachigen Interpreten, waren beliebt, aber auch grundsätzliche Einstellungen änderten sich. Die Kleidung schaute man sich bei den Hippies der Metropolen ab, die Haare wurden mit der Zeit allmählich länger. „Man konnte sich abheben von den Eltern, das war ein neues Lebensgefühl“, so Stross, der in dieser aufregenden Zeit des allgemeinen Aufbruchs aber ganz normal der Lehre zum Großhandelskaufmann nachging.

Die Band zeichnete sich durch Ideenreichtum aus. „Da wir wenig Geld hatten, bastelten wir unser Musikzubehör teils selbst“. So bauten sie Mikros zusammen, motzten Gitarren und Gesangsboxen auf.

Geprobt wurde zunächst im Keller der Familie Stross in der Sudetenstraße, ehe Heinz Marx, der „Marxer Heener“, die Jungs in seiner Getränkehandlung in der Steigerwaldstraße aufnahm. Da wurde dann im Sommer auf einem Podium mit Paletten, auf denen sonst die großen hölzernen Limokisten standen, „Hold tight“ angestimmt, sehr zur Freude der Schwimmbadbesucher auf der Liegewiese nebenan. Später wurden die neuesten Hits auf der Bühne im Gasthaus Melchior in Schallfeld eingeübt.

Zweiwöchiges Gastspiel in Italien

Überhaupt war damals organisatorischer Spürsinn gefragt. Die Band fuhr von Dorf zu Dorf, suchte sich die Kneipen und Tanzsäle, in denen sie spielte, selbst aus. Freunde kassierten den Eintritt und drückten den Stempel auf den Handrücken.

Einer der Höhepunkte, so Stross, sei ein Auftritt in Italien gewesen. Ein Gerolzhöfer, der eine Italienerin geheiratet hatte, vermittelte die Konzerte in den Dolomiten bei Trient. Abenteuerlich war allein schon die kombinierte Anreise der Bandmitglieder mit Zug und Auto. Zwei Wochen lang haben die Deutschen dann allabendlich in der Kneipe im Wechsel mit einer einheimischen Band fern der Heimat Italien gerockt.

Später progressivere Musik

Nach „The Chantils“ spielte Stross wiederum mit seinem Bruder Manni sowie nun mit Achim Dresch (Sologitarre) und Hans „Hennes“ Höpp (Bass) bei „Eruption“. Da sei schon wesentlich progressivere Musik angestimmt worden wie von Jimmy Hendrix oder den „Cream“.

Mit dem Studium und der beruflichen Karriere verringerte sich für Ernst Stross aber die Zeit zum Musikmachen. Die Bandkarriere neigte sich dem Ende zu. Vergessen hat er von der damaligen Zeit nichts . . .

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