SANDERAU

Huttensäle: Treffpunkt für die ganz große Show-Garde

Die Pracht der frühen 60er Jahre: Auch für internationale Tanzturniere boten die Hutten-Säle das geeignete Ambiente. Foto: Archivfoto Röder

Wenn es in den 60er Jahren einen Ort für Veranstaltungen in der Stadt gab, dann waren dies ohne Zweifel die Hutten-Säle in der Virchowstraße. Dort wo heute ein Supermarkt Bier, Wurst und Käse verkauft, gaben sich in den 60er Jahren Showgrößen wie Gilbert Bécaud, Udo Jürgens, Roberto Blanco, Peter Frankenfeld, Heinz Erhard und selbst das weltberühmte Golden Gate Quartett die Klinke in die Hand.

„An rund 160 bis 180 Tagen im Jahr waren Veranstaltungen in den Sälen, die waren in den 60ern das Veranstaltungszentrum schlechthin für Würzburg und die Umgebung“, berichtet Peter Müller-Reichart, „es gab ja außer dem großen Saal im Hofbräukeller und ein paar Pfarrsälen weit und breit keine Veranstaltungssäle dieser Größe.“

Seine Großtante Hela Wolz hatte in diesen ereignisreichen Jahren gemeinsam mit seiner Mutter Anneliese die Regie in den Hutten-Sälen inne. Nach der Teilerblindung von Hela Wolz im Jahr 1969 übernahm Anneliese Müller-Reichart die alleinige Unternehmens-Leitung. Er selbst ist Jahrgang 1956. „Die 60er habe ich also sozusagen nur in den letzten Zügen miterlebt“, sagt er.

Dennoch kann sich Peter Müller–Reichart noch gut an so manche Anekdote erinnern. Serge Jaroff und die weltberühmten Don Kosaken zum Beispiel kamen immer wieder auf ihren Tourneen nach Würzburg. „Der gute Mann war so klein, dass wir ihm ein eigenes Podest zimmern ließen, das er dann stets zum Dirigieren benutzte“, weiß Müller-Reichart.

Oder „Monsieur 100 000 Volt“, Gibert Bécaud. „Auf dessen Bühnenregie-Anweisung stand eine Flasche Cognac, die habe ich ihm persönlich servieren dürfen“, erzählt er. Überhaupt muss Würzburg in diesem Jahrzehnt eine der Veranstaltungshochburgen der Republik gewesen sein, wenn man hört, welche Namen Müller-Reichart aus dem Firmen- und Familien-Archiv aufzählt.

Zu den bereits anfangs erwähnten Granden des Show-Business gesellen sich weitere teils heute noch aktive Größen wie Klaus Doldinger, Karl Dall, Karel Gott, Rudolf Schock, Fred Bertelmann, der Pianist Frédéric Ogouse, der Sänger Ernst Stankovski und der Clown Charlie Rivel. Die musikalische Begleitung der großen Bälle übernahmen unter anderem die Orchester von Max Greger, Hugo Strasser oder Kurt Edelhagen.

Stets gut besucht waren auch die großen Tanzturniere. So kamen zahlreiche Tanzpaare der Weltklasse nach Würzburg, um auf dem Parkett der Hutten-Säle um den Großen Preis von Franken zu wetteifern. Im Februar 1961 nahmen ihn zum Beispiel die damaligen Europameister Harry Smith-Hampshire und Doreen Casey aus England mit auf die Insel.

Auch Musicals wurden auf der Bühne des großen Hutten-Saales gespielt. So zum Beispiel „Anatevka“ mit Shmuel Rodensky als Milchmann Tevje (Wenn ich einmal reich wär') oder in den späten 60ern das Musical „Hair“ mit den Sängern Reiner Schöne und Su Kramer. „Da hat das ganze Haus nach Hasch gerochen und die Geldscheine der Gäste auch“, lacht Müller-Reichart.

Mit 1500 Plätzen im großen Saal, 300 im kleinen und 120 im Kaffee-Saal, war in den Hutten-Sälen in der Virchowstraße fast an jedem zweiten Tag eine größere oder kleinere Veranstaltung. Beat-Abende, Theater, Verbindungs- oder Innungsbälle, Tanzturniere, für jeden war etwas dabei. Auch die Festbierprobe für Kiliani fand ursprünglich in den Hutten-Sälen statt. „Mit den Hutten-Lichtspielen befand sich in der Virchowstraße auch das zweitgrößte Kino nach dem Bavaria am Barbarossa-Platz“, weiß Müller-Reichart.

Vor allem die Faschingsbälle seien legendär gewesen. „Der bekannteste war der Ball der Nationen oder Klinger-Ball, benannt nach dem Veranstalter, einem großen Busreiseunternehmen aus Estenfeld“, sagt Peter Müller-Reichart. „Wir hatten auch eine richtig ,verruchte Bar', die sogenannte Bühnenbar unter der großen Bühne im Saal“, berichtet er.

„Die Huttensäle waren in den 60ern Veranstaltungszentrum schlechthin“

Peter Müller-Reichart Gastronom

Da wurde stets kräftig gefeiert: Mr. Pumpernickel Chris Howland (zweiter von links) war der Stargast beim Ball der Völke... Foto: Archivfoto Röder

„Ausgeschenkt wurden noch keine Cocktails im heutigen Sinn, aber Cola-Rum und Gin-Tonic gab es schon“, weiß Müller–Reichart. „Da sind immer alle hin, zum knutschen oder auch mehr, da wurden etliche Schlüpfer gefunden“, schmunzelt er. „Die war so schön verwinkelt mit Nischen und Nebenräumchen, wie man es sich nur wünschen konnte.“

Warme Küche mit Schnitzel und mehr gab es damals bis früh um drei Uhr. „Das Bosbachsche Tartar war berühmt“, weiß Müller-Reichart. Auch der Namensgeber, Geschäftsführer Josef Bosbach, wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Theo Lingen genannt, war weithin bekannt, ebenso wie sein Stellvertreter, Jürgen Karrenbrock. „Der überragte mit seinen 2,02 Metern damals fast jeden“, erzählt Müller-Reichart. Auch die Bedienung Betty Röhnert war über die Stadt hinaus bekannt.

An einen Künstler, der in den 60ern oft auf der Bühne der Hutten-Säle stand, denkt Peter Müller-Reichart besonders gerne: den inzwischen 106-jährigen Johannes Heesters. „Der war ein guter Freund meines Großvaters, und als dieser 1965 begraben wurde, erschien Heesters in einem himmelblauen Anzug mit weißer Krawatte und weißem Hemd bei der Beisetzung“, erinnert sich der damals knapp Zehnjährige. „Darauf habe ich ihn vor drei Jahren auf dem Filmball in München angesprochen und er erinnerte sich in der Tat noch daran und meinte, er habe mit dem Weiß-Blau sicher gehen wollen, dass mein Großvater, den er aus seiner Zeit als Direktor des Gärtnerplatztheaters und des Deutschen Theaters in München kannte, auch in den Himmel komme.“

Diese Verbindung zur Münchner Theaterwelt sicherte den Hutten-Sälen auch ihre oft außergewöhnlich üppigen Dekorationen und Kulissen. „Immer wenn das Münchner Theater neue bekam, wanderte die ,gebrauchte' nach Würzburg, so etwas hätten wir uns sonst nie leisten können“, sagt Müller-Reichart. Acht bis zehn Tage dauerte es zu Beginn jeder Saison bis alles seinen Platz an Wänden und Decken gefunden hatte. Dafür war dann außer an den Wochenenden im Fasching auch noch jeden Mittwoch eine sogenannte Redoute. „Ein günstiges Tanzvergnügen für jedermann“, erzählt Müller-Reichart. Champagner hab man zwar stets im Kühlschrank gehabt. „Aber bestellt und getrunken haben die Würzburger den fast nie.“

Es fällt schwer, ihn bei seinen Erzählungen zu zu bremsen. Denn auch aus den Jahren nach 1969 hat er noch reichlich Geschichten und Anekdötchen auf Lager. Von Bockbierfesten, der TV-Übertragung der Deutschen Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ 1974 oder dem legendären Konzert der englischen Rockgruppe „Deep Purple“ im Jahre 1972 zum Beispiel. Denn die Geschichte der Hutten-Säle endete erst am 24. Februar 1980. Der beschlossene Bau des CCW an der Schlachthofkreuzung machte der Würzburger Institution den Garaus. „Ein Umbau, um weiter mithalten zu können, wäre bei weitem zu teuer gewesen“, sagt Müller-Reichart. Die gastronomische Nutzung des Areals, die am Ostermontag 1797 mit einem Ball zur Eröffnung des Hutten'schen Gartens begonnen hatte, war zu Ende.

Stichwort: Die Hutten-Säle

Begonnen hat die gastronomische Nutzung des Areals am Ostermontag des Jahres 1797. Damals eröffnete der Hofkonditormeister Bevern im nördlichen Teil des von Fürstbischof Christoph Franz von Hutten vor den Toren der Stadt errichteten Parkes den Hutten'schen Garten mit einem „Entree-Ball“, bei dem das Souper einen Gulden kostete; dafür gab es Wein nach Belieben.

1897 kaufte Karl Wolz den Hutten'schen Garten. Bei Umbauten in den Jahren 1903, 1908 und 1913 wurden der große Theatersaal, der Hochzeitssaal, der Galeriesaal und der Kleine Saal geschaffen. 1922 wurden Kinoanlagen für den Großen Saal und Galeriesaal eingebaut. Zwischen 1925 und 1945 erfolgte die Konzessionierung für Kabarett-, Varieté- und Theatervorführungen und es entstanden weitere Anbauten. Am 16. März 1945 vernichteten britische Bomben die Hutten-Säle. Bereits im Herbst 1945 begann der Wiederaufbau. Der Große Saal war im Dezember 1953 fertiggestellt, 1956 war der Wiederaufbau vollendet. 1965 wurde nochmals gründlich modernisiert. Im Zuge der Planungen für das CCW an der Friedensbrücke schlug das letzte Stündlein für die Säle am 24. Februar 1980. Heute befindet sich dort ein Supermarkt.

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