WÜRZBURG

Wie ein Paparazzo Promis jagt

Fotos für die Klatschspalten Orlando Bloom dreht in Würzburg. Hans Paul verfolgt ihn – und dessen schwangere Frau.
Wie ein Paparazzo Promis jagt

Kommt ein kleiner, älterer Mann mit seinem Moped angeknattert. Fährt durch die Würzburger Hofstraße, obwohl die wegen des Filmdrehs für den Verkehr gesperrt ist. Die Sicherheitskräfte stoppen ihn nicht – sie sehen nämlich einen Briefträger in Ausübung seines Amtes. Tatsächlich trägt der Mopedfahrer eine blaue Deutsche-Post-Jacke und hat eine schwere, schwarze Deutsche-Post-Tasche umgehängt. Aber der Mann auf dem Moped ist nicht von der Post. Sondern ein Paparazzo. In seiner schwarzen Tasche sind auch keine Briefe. Sondern zwei Videokameras, eine kleine Digitalkamera, eine Spiegelreflex mit einem Monster-Teleobjektiv und außerdem eine schwarze, strubbelige Perücke. „Wenn ich die aufhabe, glauben die Leute, ich sei eine Frau“, sagt der Paparazzo.

Der Paparazzo heißt Hans Paul. 56 Jahre, blaue Augen, lichte Haare, knapp über 1,60 groß. Er stammt aus Hamburg, lebt aber, meistens jedenfalls, in Los Angeles. Er sagt, er sei einer von drei ernst zu nehmenden Paparazzos in Deutschland und weltweit einer der wenigen berühmten. Er sagt, er sei einer, vor dem Prominente immer gewarnt würden: „Der Paul, der trickst, täuscht, wirkt ganz harmlos – aber er schießt ab.“

Neben dem Briefträger-Outfit, das er einem echten Briefträger abgekauft hat, arbeitet Paul gerne auch im Gärtnergewand oder in Hausmeisterklamotten. „Es muss was sein, wo die Leute einen drin gar nicht wahrnehmen“, sagt Paul. Dann lässt er seinen Milchkaffee stehen, den er sich im Eiscafé in der Hofstraße gerade bestellt hat und hastet zu seinem Moped – und zu der Würzburger Politesse, die dem Gefährt gerade einen Strafzettel verpassen will. „Man muss einen Briefträger doch sein Päuschen machen lassen“, lächelt der Paparazzo. „Aber nicht zu lang“, sagt die Politesse – und geht weiter.

Natürlich ist Paul wegen Orlando Bloom nach Würzburg gekommen. Die Ankunft des US-Leinwandstars in Würzburg hat Paul schon fotografiert und vermarktet; ganze Bildersets „vom Orlando“ hat er nach Amerika verschickt. „Sieht ja gut aus, Orlando. Jung. Berühmt. Hoher Marktwert“, sagt Paul. Einen noch höheren Marktwert hat derzeit aber Blooms Frau Miranda Kerr; ein junges Unterwäsche-Model, das derzeit im vierten oder fünften Monat schwanger ist. Paul sagt, People-Zeitschriften wie die deutsche „Gala“, die amerikanische „inTouch“ und Boulevardzeitungen wie der englische „Mirror“ würden sich um private Bilder der schwangeren Kerr reißen. Am besten mit Babybauch drauf. „Die sanfte Wölbung des Bauchs, die brauch' ich im Profil!“ Schwangere Prominente, jung verheiratete Prominente, frisch geschiedene Prominente, Promis kurz vor, nach oder am allerbesten während eines Seitensprungs – so was laufe weltweit.

Um Miranda Kerrs Bauch im Profil zu bekommen, hat Paul gleichzeitig mit dem Promipaar in Würzburg Quartier bezogen. Kerr und Bloom logieren in der Steinburg, Paul davor. Sie schlafen im Vier-Sterne-Hotel, er im Auto. Sie haben Bodyguards, er aber hat Informanten. Wie in anderen Städten, in denen er arbeitet, drückt Paul auch in Würzburg Hotelköchen, Wagenmeistern, Zimmermädchen und lokalen Autogrammjägern den üblichen „Fuffi“ in die Hand, damit die ihm übers Handy melden, ob und wohin sich das „Abschussobjekt“ bewegt. Paul arbeitet, schläft, isst, atmet mit seinem Handy. Surrt es, schwingt sich Paul aufs Moped.

Kerr fährt in ein Fitness-Studio im Frauenland, Paul hinterher. Er lauert im Regen vor der Tür. Wartet mit dem Tele auf den Schuss. Als Kerr das Studio verlässt, die Yogamatte in der Hand und dabei gerade mal nicht von ihren Bodyguards verdeckt wird, drückt Paul auf den Auslöser. Das Bild von „Miranda mit Yogamatte“ werde ihm einige Zehntausend Dollar einbringen, sagt er. Bloß den Bauch im Profil hat er immer noch nicht.

Am Abend wird er deshalb die Briefträgerklamotten gegen einen Nadelstreifenanzug tauschen und in die Maritim-Bar gehen, wo die Hollywood-Stars sich angeblich treffen. Am nächsten Morgen wird er gleichzeitig mit Kerr aufstehen, gleichzeitig mit Kerr frühstücken und hinter Kerr her zur Massage fahren. Fast hätte er seinen „Schuss“ gehabt – den Bauch im Profil. „Aber dann sind zwei so blöde Autogrammjägerinnen gekommen, kreischend natürlich. Die haben mir das Bild kaputt gemacht.“ Außerdem sei überm Bauch der Mantel gewesen. Dumm, so was.

Tun ihm denn die Prominenten nicht leid, wenn er ihnen ihr Privatleben nimmt? Den schwangeren Bauch des Unterwäschemodels öffentlich macht, gestochen scharf die unreine Haut der jungen und die Augenfalten der älteren Schauspielerin ablichtet? Wenn er Abstürze und Affären zeigt oder rotunterlaufene Augen nach zu viel Alkohol? „Vermarkten wir sie nicht, vermarkten sie sich“, behauptet Paul und rechtfertigt seinen Beruf mit Fernsehmoderatorinnen, die für Millionen die Bilder ihrer Neugeborenen verkaufen. Mit Schauspielerinnen, die sich gegen Geld für Männerzeitschriften ausziehen. Und mit Promipaaren, die Bilder von ihrer Erst-, Zweit- oder Dritthochzeit meistbietend an Zeitschriften verhökern.

Überhaupt gehöre das Fotografiertwerden zum Geschäft, sagt Paul. So sei das Promileben nun mal; wer gerade einen hohen Marktwert habe wie „der Orlando“, „der Leo“, „die Paris“, „die Heidi“ oder immer noch „die Britney“, der werde fotografiert. Und wer nicht fotografiert werde, der habe keinen hohen Marktwert. Hat er keine Schamgrenze? „Ich drücke erst mal ab. Logisch, oder?“, sagt Paul. Später sagt er, nein, er habe außer Charles Bronson nie einen „Abschuss“ bereut. Den Bronson habe er fotografiert, im Rollstuhl, zwei Wochen vor seinem Tod. Da sei er selbst erschrocken, als er das Foto des sterbenskranken Mannes in der Zeitung gesehen habe. Aber sonst? „Nö. Ich mein, ich tu doch keinem weh.“

„Ich bin doch nett und harmlos. Ich tu doch keinem was. Ich tu doch keinem weh.“ Das sagt Paul oft. Damit beruhigt er sein Gewissen. Damit kann er leben. Damit will er sich von jenen distanzieren, die er verächtlich „Shooter“ nennt _ von jenen Kollegen, die, die Kamera im Anschlag, auf Promis zupreschen, den „Schuss“ machen, abziehen, manchmal nach einem Handgemenge. Nein, so ein „Shooter“ wie jene, die Prinzessin Diana nachgejagt und sie in den Tod getrieben hätten, sei er nicht, niemals. Nicht er, mit seiner Briefträgerkluft und der Perücke. Seinem Feldstecher und seinem Tarnnetz. Seinen Baumsteigeisen, mit denen er Bäume erklimmt, um von oben gute Sicht zu haben. Seinem Schlauchboot, um sich gegebenenfalls von der Wasserseite an Opfer heranpirschen zu können. Und seinem Gleitschirm, mit dem er über Boris Beckers jüngste Hochzeit hinweggesegelt ist, das Monster-Tele im Anschlag. Nett und harmlos, genau das sei er. „Ich bin eben so gut, dass keiner mich beim Schuss bemerkt. Im besten Fall sehen die Promis erst, dass ich sie erwischt habe, wenn sie die Zeitung aufschlagen.“ Der Paparazzo als Künstler: Das glaubt er selbst.

Zehntausende Dollar hat der „Künstler“ durch seine Arbeit in Würzburg nach eigenen Angaben schon verdient. Orlando Bloom am Filmset und Miranda Kerr mit der Yogamatte verkaufen sich gut; das hat er gerade gehört. Paul will dem Ehepaar weiter auf den Fersen bleiben – umso lieber, als er bei Familie Bloom derzeit keine Paparazzo-Konkurrenz hat. „Die anderen, die sind alle beim Kachelmann-Prozess in Mannheim.“

Paul, der über eine Lehre als Fotolaborant und freie Auftragsarbeiten für Nachrichtenmagazine zum Promi-Fotografieren kam, schwärmt: „Wer weiß, vielleicht kauft Miranda ja Babyklamotten. Vielleicht kriege ich Orlando und sie und den Babybauch im Profil. Beide geneigt über einen Strampelanzug. Und der Strampelanzug wäre rosa. Ein Bild, das sagt: Miranda kriegt ein Mädchen. Das wär's. Das wäre das perfekte Bild. Das wollen die Leute.“

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