WÜRZBURG

Die Obdachlosenzeitung

Der Kollege von der Straße hat es schwer, seine Zeitungen los zu werden. „Die Obdachlosenzeitung“ – der laute Ruf des Verkäufers an der Ecke am Kaufhof ist unüberhörbar und wiederholt sich in kurzen Abständen. Passanten senken den Blick, eilen vorbei. Armut ist nicht angenehm. Nur selten blickt ihn jemand an und tritt heran. Eigentlich ein undankbarer Job und trotzdem macht er ihn gerne. „Statt zu Hause vor dem Fernseher rumzusitzen, komme ich raus, habe einen geregelten Tagesablauf, treffe Menschen und kann etwas Gutes tun“, sagt er überzeugt.

Manfred, den Nachnamen möchte er nicht nennen, ist 71 Jahre alt und „ein staatlich geförderter Rentner“, wie er sich lächelnd bezeichnet. Er stammt aus Aschaffenburg, hat im Stahlbau gearbeitet, dann quer durch die Republik mal hier, mal da. Weil sein Geld heute kaum zum Leben reicht, verdient er sich auf diese Weise etwas hinzu. „Aber ich bin kein Bettler und kein Drücker“, betont er den Unterschied.

Seit drei Jahren steht er schon hier an der Ecke, vier Tage die Woche, Sommer wie Winter. Wenn es regnet oder bei Kälte sucht er sich eine trockene Ecke, wo es nicht allzu sehr zieht. Nur bei Glatteis muss er wegen seiner Behinderung zu Hause bleiben. Manfred hat den Job von einem Kollegen übernommen, der inzwischen ausgeschieden ist, erzählt er.

Die „Strassen-Gazette“ kostet 1,50 Euro, die Hälfte vom Erlös darf der Verkäufer für sich behalten. An manchen Tagen laufe gar nichts, so seine Erfahrung, da verkaufe er in vier oder fünf Stunden nur drei Zeitungen. Einmal habe er aber auch schon 45 Exemplare an den Mann oder die Frau gebracht. Dem Schwerbehinderten fehlt ein Bein, so darf er den Zug umsonst benutzen. Dafür steht er um halb fünf auf und ist meist nicht vor 18 Uhr wieder zu Hause. „Danach bin ich fix und alle,“ gesteht er. Er schaue noch ein bisschen fern und gehe bald schlafen.

Die „Strassen-Gazette e V.“ ist ein überregionales Selbsthilfeprojekt für Arbeitslose und Menschen in sozialer Not. Und davon gebe es immer mehr, so Gabriele Lermann, engagierte Journalistin und Redakteurin der Zeitung. Im Team mit Stammschreibern und festen Mitarbeitern bringt sie das Blatt ohne öffentliche Fördermittel einmal im Monat in Erlangen heraus. Behandelt werden auf etwa 20 Seiten Themen zu sozialpolitischen Fragen, Berichte über Kunst und Kleinkunstbühnen der Region, über Erfahrungen mit Krankheiten oder preiswerte Kochvorschläge. Dabei ist der Blick von unten für die Leser oft interessant und lehrreich.

Je nach Bestellung von caritativen Einrichtungen liegt die Auflage der Gazette bei durchschnittlich 10 000 Exemplaren. Das Verbreitungsgebiet reicht von Karlsruhe bis nach Mainz, von Mannheim bis Würzburg und Erlangen. Die gedruckten Zeitungen werden in drei Tagen über 2000 Kilometer an die Besteller ausgefahren oder an die Verkäufer verteilt. „Jetzt im November erscheint schon unsere hundertste Ausgabe“, freut sich Lermann über den bescheidenen andauernden Erfolg. „Da wollen wir auch über uns berichten.“

Themen & Autoren / Autorinnen
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!