Das Deckenfresko - Tiepolos gewaltiges Gemälde

Tiepolos Deckenfresko, Amerika (Ausschnitt).
Tiepolos Deckenfresko, Amerika (Ausschnitt). Foto: FOTO THOMAS OBERMEIER
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in dicker Australier steht auf der obersten Stufe im Treppenhaus der Würzburger Residenz, schnauft, legt den Kopf in den Nacken, schaut hinauf zum 30 mal 18 Meter großen Fresko des Giovanni Battista Tiepolo, scheint beeindruckt, aber auch verblüfft und fragt beleidigt: "Where is Australia?"

 

Auf dem zweitgrößten Deckenfresko der Welt erscheinen vier Kontinente: Europa, Afrika, Asien und Amerika. Australien nicht. Tiepolo, 1696 in Venedig geboren, 1770 gestorben in Madrid, zu seiner Zeit Europas berühmtester und teuerster Freskenmaler, wusste nichts vom Erdteil auf der Südhalbkugel, als er 1752/53 den Himmel auf Erden ins Gewölbe des mächtigen Treppenhauses der Residenz malte.

Tiepolo schmückte die 540 Quadratmeter große Decke mit einem einzigen Bild: an den Seiten die ihm bekannten Erdteile, mit dem Sonnengott Apollo im Zentrum als Schirmherr der Künste, umgeben von weiteren Göttern als Verkörperungen der Planeten, Jahreszeiten und Monate. Er lässt das Licht der Künste und der Wissenschaft aufgehen, verteilt es allerdings nicht gleichmäßig über die Welt. Der Würzburger Kunsthistoriker Professor Dr. Stefan Kummer interpretiert das Bild so: "Während der junge Kontinent Amerika noch völlig unzivilisiert ist und die alten Kulturen Asiens und Afrikas sich erschöpft haben, präsentiert sich Europa in Gestalt des Würzburger Musenhofes als Hort der Künste und der wissenschaftlichen Studien." Wer zahlt, schafft an: Tiepolo lässt, sagt Kummer, "das kleine Hochstift Würzburg im schönsten Licht erscheinen".

Wild und vital ist Amerika! Eine barbusige Indianerin, eine Allegorie der America, sitzt, mit buntem Federschmuck auf dem Kopf, auf einem riesigen Krokodil und ruft zur Jagd. Um sie herum eine tanzende, offenbar blutgierige Gesellschaft, abgeschlagene Köpfe weißer Männer zu ihren Füßen. Inmitten eines Markttreibens liegt träge die nackte Africa auf einem Dromedar, umgeben von Schwarzen, Orientalen und Europäern; demütig überbringt ihr ein Krieger Geschenke. Die Asia reitet bekleidet auf einem prächtig geschmückten Elefanten, auch sie ist Mittelpunkt einer wildbewegten Szenerie, mit Hinweisen auf Asien als Geburtsstätte von Schrift und Wissenschaft. Alles ist üppig; mit Witz im Detail. In Afrika will ein Affe einem Straußenvogel ans Federkleid, in Asien scheint ein Papagei aus dem Bild geflogen zu sein.

Hunderttausende besuchten im Frühjahr 1996 die Residenz, um die Tiepolo-Ausstellung "Der Himmel auf Erden" zu sehen. "Der Himmel auf Erden", schrieb damals eine Zeitung, "ist die Hölle in Dosen". So groß ist die Kunst Tiepolos, dass sich selbst der dicke Australier ihr hingibt, in Bewunderung.

Online-Tipp

Alle Teile der Serie im Internet:
www.mainpost.de

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