Der fusselhaarige Kabarettist - Urban Priol

Es ging schon mal soweit, dass Unterschriften-Listen herumgereicht wurden, mit dem Ziel, ihn von Bord zu schmeißen. 1997 war das, Urban Priol war engagiert vom SPD-Reiseservice, um auf einer Kreuzfahrt "die wackeren Genossen, meist Rentner" zu unterhalten. In der Nacht zuvor war Lady Diana in Paris gegen einen Tunnel-Pfosten gerast, auf der MS Dalmacija stand der bunte Abend an, und Urban Priol hatte die Aufgabe, den Tod der Prinzessin der Herzen zu vermelden.

Er hatte schon Übung in sowas, "auf einer der Kreuzfahrten vorher musste ich das Ableben Honeckers verkünden". Also ging Priol auf die Bühne und sagte: "Sehr geehrte Damen und Herren, wer vor ein paar Jahren schon mal mitgefahren ist, weiß ja: Ich bin der apokalyptische Reiter." Dann erzählte er, dass pro Tag auf Frankreichs Straßen acht Menschen sterben - "heute Nacht war eine Ausländerin dabei. Lady Diana ist tot. So, und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß bei unserem Programm." Geschwätzige Verbindlichkeit passt halt nicht zu einem Kabarettisten, zu Urban Priol, 45, schon gar nicht: "Wer mich engagiert, muss wissen, was ihn erwartet."

Der Aschaffenburger kommt mit seinen hochtoupierten Fusselhaaren ("Ich verweigere das Kämmen, seit mir Forscher der Universität Berkeley verraten haben, dass übermäßiges Kämmen den Verlust des natürlich erworbenen Haupthaars unnatürlich rasch beschleunigt") und der Hornbrille wie eine Mischung aus Struwwelpeter und Woody Allen daher - seine früher teils folkloristisch angehauchten Nummern haben mittlerweile mehr dem hintersinnigeren Polit-Kabarett Platz gemacht. Der Werdegang des Hochgeschwindigkeitsrhetorikers: Abitur. Bundeswehr-Grundausbildung. Verweigerung. Zivildienst. Studium von Geschichte, Russisch, Englisch in Würzburg. Abbruch drei Scheine vor den Examen. 1984 "Passauer Scharfrichterbeil". 1988 Eröffnung der eigenen Kleinkunstbühne ("Kochsmühle", Obernburg) und erster Auftritt im "Scheibenwischer". 1994 erstes Soloprogramm. 1997 "Salzburger Stier". 1998 Eröffnung seiner zweiten Bühne ("Kabarett im Hofgarten", Aschaffenburg). 2000 Deutscher Kleinkunstpreis. 2002 Deutscher Kabarettpreis. 2003 Bayerischer Kabarettpreis. 2004 Start der eigenen TV-Show ("alles muss raus", 3sat).

2007 wird Priol (zusammen mit dem Ex-"Scheibenwischer" Georg Schramm) dem ARD-Satire-Klassiker im ZDF Paroli bieten. Gefahr, dass er abheben könnte, besteht nicht: Der mit Worten so Mutige hat Flugangst.

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