Menschenversuche in Würzburg

Würzburg Zwei Jahrzehnte lang stand seine Büste im Foyer der Neurologischen Universitätsklinik - bis sie im Herbst 1997 entfernt wurde: In der Fachwelt war publik geworden, dass Georg Schaltenbrand, zu seinen Lebzeiten einer der berühmtesten Neurologen der Welt, in der NS-Zeit Versuche an geistig behinderten Menschen durchgeführt hatte, um der Entstehung der Multiplen Sklerose (MS) auf die Spur zu kommen.
Georg Schaltenbrand im Jahr 1977
Georg Schaltenbrand im Jahr 1977 mit der Büste, die zu seinen Ehren in der Uni aufgestellt wurde. Foto: FOTO SILVIO GALVAGNI
Der "Denkmalsturz" war die späte Reaktion auf einen Artikel des Kanadiers Michael Shevell in einer renommierten amerikanischen Fachzeitschrift zu Schaltenbrands Experimenten mit Psychiatriepatienten: Der Würzburger Neurologieprofessor hatte ihnen den Liquor (Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) von erkrankten Affen in den Rückenmarkskanal eingespritzt. Die Tiere waren zuvor mit dem Nervenwasser von MS-Patienten geimpft worden.

Amerikanische Besucher waren es, die die Würzburger Neurologen auf die "Verstrickung" des früheren Klinikdirektors aufmerksam gemacht haben. Georg Schaltenbrand sei "ein Beispiel dafür, dass auch ein kluger Mann sich verleiten ließ, allgemeine ethische Grenzen zu überschreiten", sagt Professor Hartmut Collmann.

Ausführlich schilderte der Würzburger Neurochirurg im vollbesetzten Rudolf-Alexander-Schröder-Haus Leben und Persönlichkeit, das wissenschaftliche Werk und die Menschenversuche des Mannes, der, so Collmann, als "führende Persönlichkeit der Neurologie nach dem Krieg" galt und zu dessen 80. Geburtstag 1977 in Würzburg ein internationales wissenschaftliches Symposium über den Liquorkreislauf stattfand. In jenem Jahr wurde auch die Büste auf einem Sockel im Eingangsraum des Klinikums aufgestellt.

Eigentlich hatte Schaltenbrand, der das medizinische Staatsexamen mit "sehr gut" abschloss, Neurochirurg werden wollen. Die Begeisterung dafür weckte ein Studienaufenthalt 1926/27 als Stipendiat der Rockefeller Stiftung beim berühmten Gehirnchirurgen Harvey Cushing in Boston. Doch er hatte dafür zu große Hände.

Über die Rockefeller Stiftung bekam Schaltenbrand einen Lehrauftrag an der Universität Peking, was bei ihm "offenbar lebenslang Eindruck hinterlassen" habe. 1935 kommt er nach Würzburg, bekommt eine eigene neurologische Abteilung und richtet sich ein Labor zur Untersuchung des Nervenwassers ein.

1937 erhält er einen Lehrstuhl für Neurologie. Kurz zuvor war der Mediziner in die NSDAP eingetreten. Aber "mit der Nazi-Ideologie hatte er wenig gemein", sagt Collmann.

Während der Bombennacht des 16. März 1945 war die Familie nach Wiesentheid evakuiert worden. Und Schaltenbrand hatte sein Haus in Würzburg "durch List vor dem Zugriff der Besatzungsmacht" bewahrt: indem er große Baumstämme davor aufbauen ließ. So dass die Truppen, "wegen offensichtlicher Baufälligkeit daran vorbeizogen".

Eine Vielzahl von Ehrungen hatte der Würzburger "Multiple-Sklerose-Papst" erhalten, der sich Collmann zufolge "lebenslang mit der Anatomie des Nervensystems beschäftigt" und ein Gerät zur Messung der Muskelaktivität entwickelt hat. Von Mitarbeitern und Studenten wird Schaltenbrand als "Klinikchef vom alten Stil" geschildert, als souverän, konziliant, und als tolerante Persönlichkeit, die "sehr belesen" gewesen sei.

"Er hatte Kontakt zu Würzburger Künstlern und gab beeindruckende Feste in seinem Haus", erzählt der Referent. "Nach dem Krieg stand er der SPD nahe und engagierte sich in der Anti-Atomkriegsbewegung".

Welche Erklärung gibt es für die in den Jahren zwischen 1936 und 1940 durchgeführten Versuche Schaltenbrands? Eines "Universalgelehrten", wie ihn Collmann beschrieb, der mehrere Lehrbücher herausgebracht hat, darunter einen Stereotaxie-Atlas (Stereotaxie ist eine Operationsmethode, bei der eine dünne Sonde in das Gehirn eingeführt wird), der "nach wie vor aktuell ist". War er ein besessener Wissenschaftler?

Die Erforschung der Multiplen Sklerose war "der zentrale Schwerpunkt seiner Tätigkeit": Der Neurologe wollte wissen, wie diese Krankheit entsteht, bei der "die Nervenkabel ihre Isolierung verlieren". "Schaltenbrand meinte, dass es eine Infektionskrankheit sein müsste", betont Collmann ("die Virustheorie ist auch heute nicht abwegig"), dass die MS durch ein übertragbares Virus verursacht wird. Und "er machte sich vage Hoffnung auf eine Impfung".

"Georg Schaltenbrand hat sich niemals von seinen Versuchen distanziert"

Professor Hartmut Collmann Universität Würzburg

Um die These zu beweisen, versuchte er, den Erreger zu isolieren. Er fand bei den mit dem Liquor von MS-Patienten geimpften Tieren "Veränderungen, die einer Multiplen Sklerose ähnelten". Aber mit den Ergebnissen der Affenversuche war Schaltenbrand nicht zufrieden: "Er entschloss sich zum ultimativen Experiment am Menschen".

16 Patienten seiner eigenen Klinik und 34 Psychiatriepatienten aus Werneck wählte er dazu aus. Patienten, die nicht in der Lage waren, den Versuchen zuzustimmen. Unter ihnen auch ein Kind und zwei Sterbende. "Die moralische Problematik hat er offenbar erkannt", meint Collmann. Schaltenbrand selbst hatte geäußert: "Ich glaubte aber doch, die Verantwortung tragen zu können, derartige Versuche an Menschen zu machen, die an einer unheilbaren Verblödung leiden." Damit ist er dem damaligen Zeitgeist erlegen.

Schaltenbrand habe sich "niemals von den Versuchen distanziert", erklärt Collmann. Er habe "Skrupel gehabt", diese aber "zurückgestellt", weil er dachte, "die merken nichts" und er könne "für die Patienten etwas erreichen".

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