Lüttich

Traum-Reise ins surrealistische Lüttich

St.-Pauls-Kathedrale       -  Blick auf die St.-Pauls-Kathedrale im Zentrum der Stadt: Dies ist einer der angenehmsten Orte, um draußen zu sitzen.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn | Blick auf die St.-Pauls-Kathedrale im Zentrum der Stadt: Dies ist einer der angenehmsten Orte, um draußen zu sitzen.

Mindestens bis zum 1. April sind touristische Ausflüge nach Belgien verboten. Doch wenn sich die Corona-Lage wieder entspannt hat, gibt es einige gute Gründe für einen Abstecher ins Nachbarland - zum Beispiel die ehemalige Stahlstadt Lüttich.

Die Croissants sind wirklich unfassbar gut. So wie alles andere aus der Boulangerie. Die Erklärung kann nur sein, dass Lüttich eben die nördlichste Stadt der französischen Welt ist.

Die belgische Stadt liegt direkt hinter der deutschen Grenze, und doch taucht der Besucher in eine andere Welt ein. Deutsch spricht hier niemand mehr. Die Häuser sehen eher aus wie in Frankreich. Die schönsten sind Zeugnisse der belgischen Art nouveau.

Die verschwundene Kirche

Etwas faszinierend Fremdartiges geht von dieser Stadt aus. Wie aus einer fernen Erinnerung wirken die Appartement-Hochhäuser, die sich entlang der Maas und am Quai Orban am Kanal Dérivation erheben. Ihre monochromen Fassaden kontrastieren mit den Giebeln und Erkern des verkeilten Gassenlabyrinths der Altstadt.

Der surreale Charakter der Stadt setzt sich in ihren Attraktionen fort. Das einstige Wahrzeichen von Lüttich ist nicht mehr da. Es war der gotische Dom. Nach der Französischen Revolution wurde der französischsprachige Teil Belgiens zu einer Hochburg des Liberalismus, und in dieser Phase des Umbruchs empfanden Lütticher Bürger die Kathedrale als Zwingburg des Glaubens und rissen sie ab. An ihrer Stelle klafft nun mitten im Zentrum eine riesige Lücke.

Eine Seite der überdimensionierten Freifläche wird vollständig von der Vorderfront eines Palastes in Anspruch genommen. Es ist die einstige Residenz der Lütticher Fürstbischöfe. Diese herrschten mehr als 1000 Jahre über die Stadt und ihr Umland.

Eine weitere Lütticher Merkwürdigkeit besteht darin, dass dieses erstklassige Baudenkmal heute vollständig als Gerichtsgebäude genutzt wird und nur mit einer Führung zugänglich ist.

Stufen in den Himmel

Die wichtigste Attraktion für Touristen ist eine Treppe: die Montagne de Bueren . Kein schöner geschwungener Aufgang wie die Spanische Treppe in Rom, keine Himmelsleiter. Nein, es sind schwarze, schmucklose Stufen, die so weit und steil nach oben führen, dass man das Ende nicht sehen kann. Eine Treppe ins Nichts?

Die Montagne de Bueren hat irgendwann ein Ende, das sei jedem versichert. Aber zu einer schönen Kirche oder zu einem Schloss führt sie nicht. Was Besucher oben erwartet, ist ein grandioser Blick ins Maastal. Vor 50, 60 Jahren sah man von diesem Standort aus noch rot flackernde Hochöfen. Das Lütticher Becken war die erste industrialisierte Region auf dem europäischen Kontinent.

Im Lütticher Vorort Seraing errichtete der gebürtige Engländer John Cockerill (1790-1840) die erste integrierte Fabrik mit Hochöfen, Eisenhütten und Walzwerken. Im Mittelpunkt des Firmenimperiums lag der 1000 Jahre alte Sommersitz der Lütticher Fürstbischöfe, der nun von dem Industriemagnaten bewohnt wurde und deshalb heute Schloss Cockerill heißt. Der „Dampfzauberer” selbst hat sein Denkmal vor dem Rathaus von Seraing bekommen.

Heute stehen die erloschenen Hochöfen des einstigen Stahlkonzerns Cockerill-Sambre wie ausgebrannte Kathedralen am Ufer der Maas in Ougrée, einem Ortsteil von Seraing.

Lüttich hat sich herausgeputzt

Nach dem Niedergange von Kohle und Stahl war Lüttich Ende des vergangenen Jahrhunderts ziemlich heruntergekommen. Doch nun erlebt es schon lange wieder eine Renaissance. Die alten Brunnen im Zentrum sprudeln wieder. Viele historische Gebäude sind restauriert. Dazu kommen spektakuläre Neubauten wie der ICE-Bahnhof Liège-Guillemins, eine raumgreifende Konstruktion des Architekten Santiago Calatrava.

In der Rue Léopold 26 steht das Geburtshaus des Schriftstellers Georges Simenon (1903-1989). Der Erfinder von Kommissar Maigret wuchs in dem Viertel Outremeuse auf. Der Klang des Lütticher Dialekts in den Rufen der Straßenhändler war eine seiner ersten Erinnerungen. Outremeuse feiert jedes Jahr im August mit einer Art anarchischem Sommerkarneval die Ausrufung der „Freien Republik Outremeuse” im Jahr 1927. Im Mittelpunkt des Treibens steht eine Figur, der man in der ganzen Stadt auf Schritt und Tritt begegnet: Tchantchès, eine schnapsnasige Gestalt. Der „älteste Bürger Lüttichs” hat sogar sein eigenes Museum und seine eigene Kneipe.

Ein weiteres Museum ist das des wallonischen Lebens. Auch hier gibt es wieder einige Absonderlichkeiten, so das in Ehren aufbewahrte Holzbein von Jean-Joseph Carlier. Dieser Veteran der Napoleonischen Kriege stritt 1830 als Freiwilliger für die belgische Unabhängigkeit von den Niederlanden. Als während der Kämpfe seine Prothese zerbrach, machte er auf einem Besenstiel weiter. Bei seiner Rückkehr nach Lüttich versprach ihm die Stadt ein Ersatzbein aus Silber, doch daraus wurde dann doch nichts.

Nach so vielen Skurrilitäten möchte man einfach nur ein wenig genießen. Dazu bieten sich zum einen der hübsche Platz vor der St.-Pauls-Kathedrale an und der Place du Marché, Lüttichs Prachtmeile voller Cafés und Restaurants unter Bäumen. Und natürlich darf man die Stadt auf keinen Fall verlassen, ohne eine Tüte Pommes frites geleert zu haben. Besser als hier wird man sie kaum bekommen.

© dpa-infocom, dpa:210301-99-641915/3

Apartment-Häuser in Lüttich       -  So sieht schickes Wohnen aus - jedenfalls von außen: Apartment-Häuser in der Innenstadt.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn | So sieht schickes Wohnen aus - jedenfalls von außen: Apartment-Häuser in der Innenstadt.
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Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn | Kugeln auf dem Bouleplatz: Lüttich gilt als nördlichste Stadt der französischen Welt.
Lüttich       -  Ein Mix von historischen Gebäuden und Hochhäusern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt das Ufer der Maas.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn | Ein Mix von historischen Gebäuden und Hochhäusern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt das Ufer der Maas.
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Foto: Jean-Paul Remy/WBT/dpa-tmn | Eiserne Säulen markieren den früheren Standort des Doms - dahinter der Fürstbischöfliche Palast.
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Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn | Blick vom Scheitelpunkt der Treppe ins Maastal - einst eine Region der Schwerindustrie.
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Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn | Die Treppe ins Nichts: Hauptattraktion von Lüttich ist die Montagne de Bueren.
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Foto: Jean-Paul Remy/WBT/dpa-tmn | Der Bahnhof Liège-Guillemins wurde vom spanisch-schweizerischen Stararchitekten Santiago Calatrava entworfen.
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Foto: Jean-Paul Remy/WBT/dpa-tmn | Ein hübscher Fleck zum Verweilen: Place du Marché mit Cafés und Restaurants.
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