BERLIN/KÖLN

Bildschirme statt Bücher

Sieht Lernen in Zukunft so aus? Wie an dieser Schule in den Niederlanden wird auch am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Köln das iPad im Unterricht eingesetzt. Mit der „iPad-Initiative“ nimmt die Schule deutschland- und europaweit eine Vorreiter-Rolle ein.
Sieht Lernen in Zukunft so aus? Wie an dieser Schule in den Niederlanden wird auch am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Köln das iPad im Unterricht eingesetzt. Mit der „iPad-Initiative“ nimmt die Schule deutschland- und europaweit eine Vorreiter-Rolle ein. Foto: dpa

Am Kopierer stand André Spang schon lange nicht mehr. Und wenn der Musik- und Religionslehrer am Kölner Gymnasium Kaiserin-Augusta-Schule von einer Unterrichtsstunde zur nächsten eilt, hat er nicht länger eine prall mit Büchern und Papierstapeln gefüllte Aktentasche unter dem Arm. Stattdessen zieht er zwei lange silberfarbene Metallkoffer auf Rollen hinter sich her. Der Inhalt: 20 iPads.

Als Spang auf der am Freitag in Berlin zu Ende gegangenen Social-Media-Konferenz re:publica vor zahlreichen Studenten, Lehrern und anderen Teilnehmern die „iPad-Initiative“ seiner Schule vorstellt, tut er dies mit Bedacht. Sein Gymnasium ist Vorreiter in Sachen Technik – und nutzt als eine von wenigen Schulen in Deutschland und Europa iPads im Unterricht: Seit Anfang Februar findet dort Lernen mit Hilfe der Tablet-Computer statt. Auch die Ziele der iPad-Initiative klingen zeitgemäß: die Schüler direkt in ihrer Lebenswelt abholen, sie zu mündigen Internetnutzern erziehen, vernetzendes Lernen fördern – all das soll der Einsatz von iPads bewirken.

Selbst Musikstücke komponieren

Dennoch: Die Initiative rufe unter einigen Kollegen und Eltern Skepsis und Ängste hervor, berichtet Spang. Einen häufig genannten Kritikpunkt findet auch er bedenklich: „Natürlich unterstützt man mit dem Einsatz der iPads einen Markenwahn.“ Manch einer befürchte außerdem, dass durch die Abwesenheit von Büchern die Schüler nicht mehr Lesen und Schreiben lernen würden. Auch die Finanzierung des Projekts brachte Schwierigkeiten mit sich. An die 15 000 Euro hätten die 20 iPads gekostet, bezahlt wurde die Summe von einem Förderverein. „Die Stadt Köln wirft uns bisher leider eher Knüppel zwischen die Beine“, bedauert Spang.

Allen Widrigkeiten zum Trotz besitzt die Schule (1000 Schüler) nun 20 iPads, die die Lehrer über ein Online-Reservierungssystem ausleihen können. In einem Blog der Schule sind Erfahrungen und Tipps zum Umgang mit dem iPad festgehalten. Eine Abstimmung der Schüler zeigt, dass sie die Geräte positiv bewerten.

Im Alltag kann der Einsatz der iPads sehr unterschiedlich aussehen: Im Musikunterricht etwa können die Schüler sich ein Musikstück dadurch erarbeiten, dass sie es selbst spielen – auch wenn sie in der Offline-Welt weder Schlagzeug noch Gitarre oder Keyboard beherrschen. Auch das Komponieren eigener Lieder ist mit Hilfe einer speziellen App auf dem iPad möglich. „Die Schüler arbeiten konzentrierter – auch nachmittags oder über die eigentliche Unterrichtsstunde hinaus“, so die Erfahrung Spangs aus seinem Musikunterricht. „Das ist etwas ganz Neues, man kann Unterricht und Spielerei miteinander verbinden“, beschreibt in einem Fernsehbeitrag über das Kölner Projekt ein Schüler den Reiz des Mini-Computers.

Ein weiterer Vorteil: Der Unterricht selbst wird durch die iPads flexibler. Die Zeiten, in denen die Klasse in den Computerraum wechseln muss, zu dem nur der Hausmeister den Schlüssel besitzt, sind vorbei. Matheformeln, Grammatikregeln, Geschichtszahlen: Das gesamte Unterrichts-Material befindet sich auf einem Gerät. Hausaufgaben werden vom Lehrer per E-Mail versendet, die Schüler bearbeiten diese online und schicken sie anschließend zurück.

Im Religionsunterricht, erzählt Spang, wurde unlängst ein Blog zum Thema „Katastrophe in Japan“ erstellt, das die Schüler kommentieren. „Die Kinder und Jugendlichen sollen dadurch, dass sie sich im Internet aufhalten, lernen, wie sie die richtigen und relevanten Informationen zu einem Thema finden“, so der Lehrer.

Auch sein Kollege Roman Deeken hat positive Erfahrungen mit dem Einsatz von iPads im Unterricht gemacht: „Die Schüler sind motivierter, arbeiten konzentrierter und fuchsen sich mehr in ein Thema ein.“

Internet als neues Leitmedium

Dass die Einführung neuer Geräte wie iPads allein die Schullandschaft nicht ändern wird, darin sind sich auf der re:publica Referenten und Teilnehmer einig. „Der Umbau eines komplexen Systems wie der Schule passiert nicht von heute auf morgen“, ist sich Felix Schaumburg, Lehrer an der Gesamtschule Barmen in Wuppertal, sicher. „Das Internet und sein Einsatz an der Schule ist nicht wie ein Sprachlabor, das man mal eben aufbaut – da liegen noch ganz andere Schichten und Themenfelder dahinter.“

Zum Beispiel der Komplex der Bildungspolitik. Der Mathematiker und Philosoph Gunter Dueck zeigt sich auf der re:publica davon überzeugt, dass das Internet als neues Leitmedium an den Schulen einen kompletten Wandel in der Bildungspolitik auslösen könnte. „Das Internet kann sich verschiedenen Altersgruppen und Lerngeschwindigkeiten anpassen – und bietet somit eine Chance, näher an das heranzukommen, was der Mensch braucht.“

ONLINE-TIPP

In Kürze lesen Sie an dieser Stelle einen Bericht über die Laptopklasse in Veitshöchheim und die Initiative der Stiftung Bildungspakt Bayern „i lern“. Alle bisher erschienenen Beiträge zur Serie finden Sie außerdem im Internet: www.mainpost.de/abenteuermultimedia

Das iPad

Mit dem iPad der US-Computerfirma Apple erobert seit Januar 2010 eine neue Geräte-Klasse den weltweiten Computer-Markt. Computer wie das iPad, die nur aus einem Bildschirm zu bestehen scheinen, nennt man Tablet-PC oder Tablet-Computer. Tablet bedeutet Schreibtafel oder Notitzblock. Das iPad ist nicht der erste Versuch, digitale Schreibtafeln auf den Markt zu bringen. Ein Vorläufer des iPad etwa war der„Newton“, ebenfalls von Apple, aus dem Jahr 1993. Microsoft, Apples großer Konkurrent, arbeitete ebenfalls schon länger an Tablet-Technologie. Seit dem Start der „Windows XP Tablet PC Edition“ 2005 sind eine Vielzahl von Endgeräten auf den Markt gelangt. Die Bedienung der Geräte erfolgte über einen Stift, mit dem man auf dem Bildschirm schreiben konnte. Für den Durchbruch sorgte erst das iPad, wobei das Endgerät nur ein Erfolgsgrund ist. Ein zweiter ist die Benutzerfreundlichkeit durch die sogenannten Apps, die Spiele, News und Social-Media-Anwendungen speziell auf die Möglichkeiten des iPads zuschneiden. Schätzungen zufolge wird es in Deutschland bis 2012 etwa zwei Millionen Tablet-PCs geben, weltweit rund 45 Millionen. Trotz zahlreicher Konkurrenzprodukte gehen Marktanalysten davon aus, dass Apple einen Marktanteil von über 90 Prozent behaupten wird.

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