Nora Tschirner macht auch Musik

Glaubt man Nora Tschirner, dann kennt sie in beruflichen Dingen kein Kalkül, sondern einzig und allein das Prinzip Bock. „Ich denke nicht in Karriere-Meilensteinen oder in Zielen“, sagt die Berliner Schauspielerin, die jetzt auch Musikerin geworden ist.
Sie kann nicht nur schauspielern: Nora Tschirner spielt und singt jetzt auch in der Band Prag.
Sie kann nicht nur schauspielern: Nora Tschirner spielt und singt jetzt auch in der Band Prag. Foto: dpa

„Ich muss präzise und individuell Lust auf ein bestimmtes Projekt oder eine bestimmte Konstellation von Leuten haben, dann schmeiße ich mich da rein.“ So sei es jüngst beim „Tatort“ gewesen – Tschirner spielt neben ihrem alten Freund und Kupferstecher Christian Ulmen eine Kommissarin in Weimar – und so ist es auch bei der Band Prag.

Prag also. Wie soll man es also nun ausdrücken? Vielleicht so: „Premiere“, das erste Album des Trios Prag, wird jetzt sehr wahrscheinlich innerhalb des Musikkosmos nicht gerade als die Sorte von Platte in die Geschichte eingehen, als die die Schweiger-Tschirner-Klamotte „Keinohrhasen“ die Filmwelt aufrührte – nämlich als heiteres, nicht allzu anspruchsvolles und ultraerfolgreiches Mainstream-Futter. Nora Tschirner hin oder her. Jene Nora nämlich, inzwischen 31 Jahre alt und süß wirkend wie eh und je, als wir sie zusammen mit ihren Bandkollegen zum Gespräch auf einer zur Kneipe umfunktionierten und schwer auf nostalgisch getrimmten Kegelbahn in Berlin-Wedding treffen, ist Teil von Prag. Sie spielt Bariton-Gitarre, singt und freut sich, dass sie endlich mal ihren zehn Jahre währenden Unterricht in einer Musikschule sinnvoll einsetzen kann, anstatt immer nur im Auto zu singen. Die ersten kleinen Konzerte im Herbst waren ein großer Erfolg. „Total gut und sehr aufregend“ seien die Shows gewesen, so Tschirner, die vor Prag noch nie in einer Band gesungen hat.

Die – abgesehen von optischen Aspekten – Stempel aufdrückenderen Mitglieder von Prag jedoch sind der Sänger/Gitarrist Erik Lautenschläger und der Gitarrist/Sänger Tom Krimi. Die beiden Jungs – Erik ist Ende 30, Tom Ende 40 – kennen sich aus diversen Indie-Band-Unternehmungen, aus knuffigen, kleinen Projekten mit ganz viel Charme und ganz wenig kommerziellem Durchschlag.

„Nora ist natürlich ein Türöffner“, sagt Erik. „Wenn ich das mit früheren Veröffentlichungen von mir vergleiche, stelle ich ein komplett anderes Interesse fest.“ Tschirner selbst scheint sich um ihre Rolle als verkaufsfördernde Muse des Indie-Pop-Trios keine übertriebenen Gedanken zu machen. „Letztendlich muss es uns wurscht sein, ob wir den Mainstream erreichen. Im Film ist es meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt, wenn zu strategisch gedacht wird. Erfolgreich wird etwas ja oft dann, wenn niemand damit rechnet, aber die Macher total dazu stehen.“

Als sich die ehemaligen Schulchorkollegen Nora und Erik eines Abends im Frühjahr 2011 nach Jahren des nur flüchtigen Über-den-Weg-Laufens in einer Bar treffen und stundenlang musikalische Vorlieben bequatschen, war die Entstehungsstunde für Prag nicht mehr fern. „Wir sind musikalische Schicksalsgenossen“, sagt Erik. „Wir ticken einfach sehr ähnlich“. Alle drei, so Nora Tschirner, liebten schwelgende Musik, die nichts ironisch Schlagerhaftes hat, sondern etwas Rührendes. „Musik, die melancholisch ist, nostalgisch, und die toll unterhält.“

Eigentlich glaubten die Jungs, die dringend eine weibliche Stimme für ihr Projekt suchten, dass Tschirner in einer anderen Liga spielt. Tschirner fand das nicht. Tom Krimi: „Wir dachten, es wäre ein bisschen arm, wenn wir Indie-Musiker jetzt die bekannte Schauspielerin fragen, ob sie bei uns mitmachen will.“ Nora, trocken und lachend: „Ist es ja auch.“

Referenzen für die hübschen, am französischen Chanson der 50er und 60er Jahre orientierten, und mit einem Streichorchester in eben jener Stadt, die der Band den Namen gab, sehr opulent aufgenommen Lieder, sind: Der frühe Udo Jürgens, France Gall, Jacques Brel, Ennio Morricone. Oder auch, in jüngerer Vergangenheit, das unverdient untergegangene Hamburger Herrentrio Ruben Cossani.

Unterm Strich ergibt das ein richtig schönes, romantisches Pop-Album im Geiste der 50er und 60er Jahre. Und auch inhaltlich laden Prag zum Träumen ein: Es geht um Vögel, ums Zeit haben, um Muße. Oder um die Liebe – etwa wenn Lautenschläger in der ersten Single „Sophie Marceau“ über seine Teenager-Verliebtheit in selbige schwärmt. Oder wenn er mit Tschirner im beswingten Roadmovie-Duett „Bis einer geht“ gesanglich mal ganz weit raus fährt aus Berlin. Wie weit? „Uckermark“, sagt Nora und lacht. „Die Uckermark gilt in der EU offiziell als nichtbesiedeltes Gebiet“. Die Männer schweigen und staunen. Man fragt sich achselzuckend, woher sie das weiß, aber sie sagt es einem nicht. Sie weiß es einfach.

Wer Nora Tschirner und die Band Prag live erleben will, kann das zum Beispiel am 13. Juli in Schweinfurt. Dort tritt das Trio im Rahmen der Landesausstellung „Main und Meer“ auf. Mehr Infos dazu gibt's unter www.mainundmeer.de

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