UNTERFRANKEN

Zukunft im Schrumpfland

Zukunft im Schrumpfland

Vor zwei Jahren veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine „mittlere“ Bevölkerungsvorausberechnung. Bis Mitte des Jahrhunderts, so die Statistiker, würde sich die Bevölkerungszahl in Deutschland um acht bis zwölf Millionen Menschen verringern. Zwölf Millionen Menschen – das sind so viel wie die zwölf größten deutschen Städte zusammen Einwohner haben. Nun sind zwei Jahre eine kurze Zeit, da sollte sich beim Blick in die weite Zukunft nicht viel ändern. Jedoch: Seit 2009 ist die jährliche Zahl der Neugeborenen noch einmal gesunken, Zuwanderung gibt es praktisch nicht mehr. Hält die Entwicklung so an, wäre die vor zwei Jahren publizierte Berechnung schon wieder Makulatur, sagt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: „Nach heutigem Trend könnte der Schwund auch ein paar Millionen mehr betragen.“

Deutschland schrumpft – vielleicht noch stärker als bislang gedacht? Im Jahr 2050, so prognostizieren die Wissenschaftler und Statistiker, werden in Deutschland wohl nur noch 70 Millionen Menschen leben – so viel wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gründe sind bekannt: Die geringe Zuwanderung und – allen familienpolitischen Bemühungen zum Trotz – die niedrige Geburtenrate von durchschnittlich 1,3 Kindern pro Frau. Bei gleich bleibender Lebenserwartung hält sich die Bevölkerungszahl nur konstant, wenn jede Frau im Mittel 2,1 Kinder bekommt. Seit 1972 schon sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen als geboren werden. Lange glichen die Zuwanderer diesen „natürlichen Schwund“ aus. Seit 2003 aber schrumpft die Bevölkerung.

Der eigentliche Wandel, sagt Reiner Klingholz, steht uns noch bevor. Weniger Einwohner in einem dicht besiedelten Land wie unserem seien „per se kein Problem“, so der Bevölkerungsforscher. „Doch die 70 Millionen, die den Vorausberechnungen zufolge 2050 hierzulande leben werden, unterscheiden sich deutlich von jenen 70 Millionen, die Anfang der 1950er zwischen Rügen und dem Bodensee gelebt haben.“ Das Medienalter, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt, wird bis zur Jahrhundertmitte wohl auf 48 Jahre ansteigen. Um 1950 war die Hälfte der Bevölkerung noch jünger, die andere Hälfte älter als 35 Jahre.

„Wir müssen mit Stagnation und Rückbau leben lernen.“

Demografie-Forscher Reiner Klingholz

„Und während die Nachkriegsgeneration Aufbau und Wachstum demografischer wie wirtschaftlicher Art vor sich hatte, müssen wir heute mit Stagnation und Rückbau leben lernen“, schreibt Klingholz im gerade erschienenen Bericht „Die demografische Lage der Nation“. Die Entwicklungen, so die Forscher des Berlin-Instituts, seien vorgezeichnet – „und die Zeit der direkten Interventionsmöglichkeiten ist vorbei“.

Verlassene Dörfer, ausgeblutete Kulturlandschaften, gar neue Wüstungen, in denen die Wölfe heulen? Was besagen denn Statistik und Prognosen? Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. Der demografische Wandel werde immer mehr zu einer Krise der abgelegenen ländlichen Räume, so die Demografen: Während Städte eine Renaissance erleben, dünnt die Infrastruktur auf dem Land aus. Kein Arzt mehr am Ort, keine Schule, kein gemütliches Wirtshaus mehr, kein Bäcker – das trifft abgelegene Dörfer im Westen inzwischen genauso wie im Osten.

Was tun? Im Wettbewerb um neue Bürger und Unternehmen seien weniger die Kommunen die Sieger, die mit Steuergeldern immer neue Wohn- und Gewerbegebiete erschließen, sagt Reiner Klingholz. Sondern eher die Gemeinden, die über Arbeitsplätze vor allem junge Familien anziehen. Und: In ländlichen Gebieten brauche es vor allem ehrenamtliches Engagement und einen „Wettbewerb der Bürgerideen“, sagen die Forscher des Berlin-Instituts.

Für viele Regionen sei das Engagement der Bürger eine „schiere Überlebensfrage“. Ob eine Kommune aus dem Kreislauf von Abwanderung und Überalterung herauskomme, hänge fast immer von Bürgern mit Ideen ab. Wo es keine aktive Gemeinschaft mehr gibt, will keiner mehr wohnen. Wo die Bewohner sich nicht um sich selbst kümmerten, drohe den Dörfern die Verödung. „Für die schwierige Übergangszeit von einigen Jahrzehnten, in der wir mit dem Schrumpfen und der massiven Alterung in der Gesellschaft leben müssen, bis zu einer neuen Stabilität auf niedrigerem Niveau, bei dem das Wohlergehen aller gesichert ist, bleibt das Engagement der Bürger unverzichtbar“, so Klingholz. Das Dumme: „Dort, wo die Not am größten ist, fehlen am ehesten die engagierten Bürger, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen könnten.“

Dass der demografische Wandel ein gesellschaftlich erdrückendes Problem sei, sieht James W. Vaupel, der Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, als „eines der großen Missverständnisse unserer Zeit“. Der Wandel sei das Gegenteil: „Eine große Chance für die entwickelten Länder, ihre Gesellschaften umzubauen, um flexibler und glücklicher zu leben als bisher.“ Die extrem niedrigen Geburtenraten dürften „kein dauerhaftes Phänomen“ sein. Der Trend zum immer längeren Leben dagegen schon. Aber: „Uns erwarte ja nicht nur ein längeres Leben, sondern auch ein längeres gesundes Leben.“

„Die demografische Revolution haben wir in den letzten gut hundert Jahren bereits bewältigt.“

Statistikprofessor Gerd Bosbach

Der Zugewinn an Lebenszeit dauert schon eine ganze Weile an – allein im 20. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in Deutschland um rund 30 Jahre. Ein Baby, das 2010 auf die Welt kam, wird mit mindestens 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit hundert Jahre alt werden. Eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, die aber in der Öffentlichkeit „zu einigen Fehleinschätzungen“ geführt habe, meint Vaupel. Mit Alter werden meist Krankheit, Schwäche, Starrsinn verbunden – und damit eine Bürde für die Gemeinschaft.

„Es wird ignoriert, dass wir sehr viel gesünder altern als früher“, sagt auch Professor Andreas Kruse, der Leiter der Sachverständigenkommission für den sechsten Altenbericht. In 30 Jahren kämen fünf gesunde Jahre dazu. Will heißen: „Ein 70-Jähriger ist heute so fit wie 1981 ein 65-Jähriger.“ Statt von einer überalterten oder alternden Gesellschaft zu reden, verwendet Kruse den Begriff „Gesellschaft eines längeren Lebens“. Und fordert „mehr über die Mitverantwortung ältere Menschen“ nachzudenken. Der demografische Wandel werde „ohne eine sehr viel stärkere Mitverantwortung der älteren Menschen nicht mehr zu bewältigen sein“. Wieso auch nicht? Das Alter werde immer aktiver und agiler, Ältere könnten – und wollten – gesellschaftlich mehr Verantwortung übernehmen als früher, so James W. Vaupel: „Mit dieser Einsicht verliert der demografische Wandel sofort eine Menge des ihm zu Unrecht zugeschriebenen Schreckens.“

Dazu passt, was Professor Gerd Bosbach in seinem lesenswerten Buch „Lügen mit Zahlen“ schreibt: „Die demografische Revolution steht nicht vor uns, sondern wir haben sie in den letzten gut hundert Jahren bereits bewältigt, ohne dass uns die Arbeitskräfte ausgegangen wären und ohne den viel beschworenen Krieg der Generationen.“ Im vergangenen Jahrhundert hätten wir in Deutschland eine Alterung von über 30 Jahren, ein Absinken des Jugendanteils von 44 auf 20 Prozent der Bevölkerung und eine satte Verdreifachung des Rentneranteils „fast problemlos gemeistert“, so Bosbach, Statistikprofessor an der FH Koblenz und früher beim Statistischen Bundesamt beschäftigt. Er warnt vor scheinbar sicheren Zukunftsbeschreibungen. Wer habe schon den Weitblick und könne Veränderungen wie im 20. Jahrhundert durch die Antibabypille voraussehen? „Eine Bevölkerungsprognose für die nächsten 50 Jahre“, so Bosbach, „ist das Papier nicht wert, auf dem sie steht.“

Die demografische Lage

Für die Zukunft gerüstet?

Kann man die Zukunftsfähigkeit einer Region bemessen, sogar auf zwei Nachkommastellen genau? Das Berlin-Institut macht es einfach und hat wie schon 2006 die 413 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte benotet: Wirtschaftskraft, Arbeitslosigkeit, Bildungsstand, Altersstruktur, Ganztagsbetreuung für Kleinkinder, Zahl der Singlehaushalte – anhand von 22 etwas willkürlichen Kenngrößen bewerteten die Demografen die Regionen mit Schulnoten. Am besten schneidet mit 2,58 der Landkreis München ab, Schlusslicht ist mit 4,73 Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern. Beste unterfränkische Region ist Kitzingen mit Note 2,87 (von Platz 18 auf Platz 47 verbessert). Die weiteren Noten für Unterfranken: Würzburg Lkr. 2,91

Main-Spessart 2,95

Würzburg Stadt 3,25

Aschaffenburg Stadt 3,31

Haßberge 3,36

Aschaffenburg Lkr. 3,37

Rhön-Grabfeld 3,39

Schweinfurt Stadt 3,43

Bad Kissingen 3,45

Schweinfurt Lkr. 3,5

Miltenberg 3,65 Bayern ganz vorne: Im Bericht 2006 lag Baden-Württemberg ganz vorne. Nun liegen 15 der 20 am besten bewerteten Kreise in Bayern – und die acht besten alle im Umkreis von München. Aber nicht überall sind die Zukunftsperspektiven im Freistaat rosig: „In keinem anderen Bundesland öffnet sich die Schere zwischen der Region mit der besten und jener mit der schlechtesten Aussicht weiter“, schreiben die Autoren. Die Grenzkreise zu Tschechien schneiden schlecht ab, vor allem Oberfranken leidet unter „demografischen Verlusten“ – und am Ende, auf Rang 391, steht der Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge.

 

Der Osten holt auf: Zwar schrumpfte die Bevölkerung im Osten insgesamt seit der Wiedervereinigung Jahr für Jahr – aber einige ostdeutsche Kreise schaffen es inzwischen in der Gesamtwertung weit nach vorne. Potsdam hat sich in fünf Jahren von Rang 22 auf Rang neun vorgepirscht, das thüringische Jena liegt jetzt auf Rang 13. Die einst klaren Linien zwischen Ost und West verschwimmen, sagen die Bevölkerungsforscher. Der Bericht zur „Demografischen Lage der Nation“ mit Details zur Bewertung im Internet: www.berlin-institut.org

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