BERLIN/RÖTTINGEN

Impfberatung als Muss: Experte fordert mehr

Verpflichtende Impfberatung: Der Druck auf die Eltern sollte erhöht werden, sagt ein Mediziner aus Unterfranken.
Das will das Gesundheitsministerium: Für Eltern, die ihr Kind in die Kita schicken, soll die Impfberatung verpflichtend werden. Foto: Thinkstock

„Gut gemeint, aber Ärzte tun das bereits regelmäßig“, sagt der Kinderarzt Dr. Jürgen Marseille aus Röttingen (Lkr. Würzburg) zu den Plänen des Bundesgesundheitsministeriums.

Demnach sollen Eltern künftig eine verpflichtende Impfberatung erhalten, bevor sie ihr Kind in einer Kindertagesstätte betreuen lassen können. Diese Regelung wurde kurzfristig in das Präventionsgesetz aufgenommen, das in dieser Woche das Kabinett passieren soll.

Für Marseille, Obmann für Unterfranken im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, ist das zwar ein erster Schritt in die richtige Richtung, er geht ihm jedoch nicht weit genug. „Auch eine verpflichtende Beratung wird Eltern, die überzeugte Impfgegner sind, nicht umstimmen.“
 




Der Mediziner fände es sinnvoller, wenn zum Beispiel Träger der Kitas bestimmen könnten: „Ohne Impfung wird Ihr Kind bei uns nicht aufgenommen.“ Er findet, der Druck auf die Eltern sollte erhöht werden.

Mehr als Druck aufbauen geht bislang ohnehin nicht. Denn in Deutschland gibt es keine Impfpflicht aufgrund des im Grundgesetz verankerten Rechts auf körperliche Unversehrtheit.

Auf diese berufen sich in der Praxis von Jürgen Marseille jedoch nur wenige Eltern. Schätzungsweise 95 Prozent würden die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beherzigen, drei Prozent seien nur am Anfang zögerlich und würden sich erst später für eine Impfung der Kinder entscheiden, wenn diese älter sind.

Die übrigen sind laut Marseille überzeugte Impfgegner. An ihnen pralle jedes Argument, das für eine Impfung spricht, ab – etwa Sätze wie „Denken Sie doch mal an die anderen“, sagt Marseille. Eine oft von dem Röttinger Kinder- und Jugendarzt gehörte Antwort sei dann: „Wenn die anderen geimpft sind, dann passiert ja uns nichts.“ Sie wüssten, so Marseille, dass geimpfte Kinder nichtgeimpfte mitschützen.

„Impfgegner bedenken aber nicht, dass nur mit einer sehr hohen Durchimpfrate gefährliche Krankheiten wie Masern ausgerottet werden können.“ Dies sei zum Beispiel in den skandinavischen Ländern der Fall – in Deutschland aber nicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO informierte kürzlich, dass die Zahl der Todesfälle durch Masern aufgrund des unzureichenden Impfschutzes weltweit wieder ansteige – von 122 000 im Jahr 2012 auf mehr als 145 000 im Jahr 2013.

Auch hierzulande werden immer wieder tragische Fälle bekannt. Und da immer mehr Kleinkinder in Gemeinschaftseinrichtungen betreut werden, hätten sie ein erhöhtes Risiko, an Spätfolgen wie der tödlichen Maserngehirninfektion SSPE zu erkranken.

So kämpft momentan ein fünfjähriges Mädchen in Bad Hersfeld um sein Leben. Sein behandelnder Arzt Georg J. Witte befürchtet, dass sie das Jahresende möglicherweise nicht mehr erleben wird. In einem von 150 bis 300 Fällen besteht nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland das Risiko, dass nach Masern später diese tödliche Spätkomplikation auftritt.

Trotz mehrerer Aufklärungskampagnen ist es nicht gelungen, Kinderkrankheiten auszurotten – nicht nur Masern, sondern auch Mumps oder Keuchhusten. Laut dem aktuellen Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts wurden in diesem Jahr 111 Masern-, 117 Mumps- und 2432 Keuchhusten-Fälle gemeldet (Stand Anfang Dezember).

Viele Eltern wüssten auch nicht, sagt Kinderarzt Marseille, dass zum Beispiel gegen Masern eine zweite Impfung notwendig sei, um genügend Antikörper aufzubauen. Zumindest dies kann durch eine verpflichtende Impfberatung künftig vermieden werden. Bei dieser kann dann auch Erwachsenen geraten werden, ihre Keuchhusten-Impfung aufzufrischen, weil laut Jürgen Marseille die Impfung aus der Kindheit nicht ein Leben lang anhält. Mit Infos von dpa

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