Liebe auf den späten Blick

Partnerschaft im Alter: Noch nie sind Menschen im Rentenalter so offen mit ihrem Bedürfnis nach Zweisamkeit umgegangen. Das Internet bietet viele Möglichkeiten, um auch in fortgeschrittenen Jahren noch einmal den richtigen Partner zu finden.
Liebe mit 60+ ist kein Tabu mehr: Bei Doris und Norbert steht der Wunsch nach Zweisamkeit und Zärtlichkeit ganz oben.
Liebe mit 60+ ist kein Tabu mehr: Bei Doris und Norbert steht der Wunsch nach Zweisamkeit und Zärtlichkeit ganz oben. Foto: Sonja Köhler

Anne ist fest entschlossen: Sie will noch einmal lieben und geliebt werden, sich mit Haut und Haaren auf einen Mann einlassen. Sie ist attraktiv, klug, witzig und geht online auf Suche. Anne ist 80 Jahre alt, als sie sich bei einer Internet-Partnervermittlung anmeldet. Für die Suche macht sie sich zehn Jahre jünger. Gefunkt hat es schließlich mit Max (85). Diese Textpassagen stammen aus dem Buch „Liebe auf den späten Blick – Partnersuche 60+“ von Hanne Huntemann und Angela Joschko.

Dass sich Senioren im Internet kennenlernen, ist heute keine Ausnahme mehr. Internetportale für die Partnersuche wie etwa Parship verzeichnen regen Zuwachs bei den über 60-Jährigen. „Diese Entwicklung hängt damit zusammen, dass die Internetnutzung dieser Altersklasse in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist“, bestätigt Parship-Pressesprecherin Jana Bogatz. Laut einer Studie suchen 57 Prozent der über 50-jährigen Singles in Deutschland online nach einem neuen Partner. „Die Menschen wollen sich nicht passiv zurücklehnen und dem Ruhestand entgegensehen, sondern viel mehr die kommende Lebensphase aktiv gestalten, teilnehmen – am liebsten mit einem Menschen an der Seite“, erklärt der Diplom-Psychologe Markus Ernst.

„Noch nie sind Menschen im Rentenalter so lebenslustig und offen mit ihrem Bedürfnis nach Zweisamkeit umgegangen“, weiß Hanne Huntemann. Die ehemalige ZDF-Redakteurin ist 66 Jahre alt und hat selbst über das Internet einen neuen Partner gefunden und darüber ein Buch mitgeschrieben. In Würzburg stellte sie das Buch bei der Vernissage „Alter. Körper. Sinnlichkeit“ in der Akademie Frankenwarte vor. In „Liebe auf den späten Blick – Partnersuche 60+“ geht es nicht nur um ihre eigene Liebesgeschichte, sondern Huntemann will mit positiven Liebesgeschichten jenseits der 60 Mut machen.

Die Generation der heute 60-Jährigen ist im Wandel: Sie sind vitaler denn je, viele treiben regelmäßig Sport und bereisen die Welt. Und es sind viele: In 30 Prozent aller Haushalte in Deutschland leben nach den Daten des Mikrozensus 2011 Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Jeder vierte Haushalt ist sogar ein reiner Seniorenhaushalt. Doch die gängigen Bezeichnungen wie „Rentner“, „Senioren“ oder „Silverager“ werden als überholt angesehen, klärt Huntemann auf. Sie selbst spricht von „älteren Erwachsenen“ oder „Menschen in der nachberuflichen Phase“. Im Vergleich zu früher habe sich das Selbstverständnis geändert. „Wenn es für verwitwete Personen früher fast noch ein Verrat am vorherigen Partner war, sich erneut auf die Suche nach einer Partnerschaft zu machen, wird dies heute entspannter und differenzierter gesehen“, erklärt der Psychologe Ernst.

Genau diese Menschen wollen sich noch einmal verlieben, sich fallen lassen und auch Sexualität erleben. „Für ältere Menschen sind Sex und Partnersuche kein Tabu mehr“, sagt Huntemann. „Wir haben einen anderen Anspruch auf Liebe und Partnerschaft entwickelt als unsere Eltern, und wir sehen es überhaupt nicht ein, auf Zärtlichkeit und Nähe zu verzichten.“ Körperlichkeit und Sexualität sind wichtig, egal in welchem Alter, findet die Autorin. Sie erzählt von Irmi und Heiner, die sich mit über 80 Jahren in ihrer Stammkneipe noch einmal gefunden haben. „Du bist nicht 80, du bist viermal 20“, schwärmt Heiner. „Das Kribbeln im Bauch und die Gefühle im Kopf wollen die beiden in vollen Zügen genießen.“ Die Chance, als Single im Alter noch einmal eine erfüllende Liebe zu erfahren, sei groß.

Die Autorin ärgert, dass Alter oft gleichgesetzt wird mit Krankheit, Pflege, Leid und Hilflosigkeit. „Auf ältere Menschen wird geguckt wie auf eine seltene Käferart.“ Dabei ticken Menschen, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen, heute ganz anders. Sie wollen zum Beispiel nicht in Gelsenkirchener Barock wohnen, sie tragen Tattoos und hören Rock anstatt Blasmusik. In der zweiten Lebenshälfte treten Beruf und Familie in den Hintergrund. „Dieser Umstand scheint zu entspannen“, bestätigt der Psychologe Markus Ernst. „Ich habe das Gefühl, dass Personen über 60 sehr genau wissen, was sie wollen. Fast immer gibt es ja auch eine lange Beziehungsvergangenheit, Wünsche und Ansprüche an einen potenziellen Partner wurden dadurch geformt.“

Die Lebenserwartung steigt auf der ganzen Welt: Wir alle werden nicht nur älter, sondern altern auch anders – und vor allem werden wir später alt. „Zum Älterwerden gesellt sich das Downaging, das Heraustreten aus traditionellen Altersrollen derer, die man einst als Senioren bezeichnete“, schreibt Andreas Giger, freier Autor und Zukunftsphilosoph. Statt sich in den Ruhestand zu begeben, nehmen ältere Menschen ganz selbstverständlich in Form von Ehrenamt, Erwerbsleben oder einem Universitätsstudium am Gesellschaftsleben teil. Giger stellt fest, dass der Stellenwert des Alters und des Alterns in unserer Gesellschaft paradox ist: Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein.

Das bestätigt auch die Psychologie-Professorin Pasqualina Perrig-Chiello, die mit ihren Studenten an der Universität Bern eine Langzeituntersuchung über Liebe im Alter macht. Im Alter wird man gelassener und ist nicht mehr in irgendeiner Rolle. Man muss nicht mehr so viele Kompromisse schließen zwischen Beruf, Familie und Gesellschaft. Das schafft eine ganz neue Freiheit, eine neue Lebensqualität und gibt einer neuen Partnerschaft eine ganz andere Stärke, denn man weiß, worauf es im Leben wirklich ankommt. „Scheidungen nach langjährigen Ehen haben in den letzten zwei Jahrzehnten massiv zugenommen. Aufgrund der längeren Lebenserwartung und der besseren Gesundheit sehen die Leute eine neue Chance zur Neuorientierung“, erläutert Perrig-Chiello.

„Mit wachsendem Alter verändern sich die Rollenbilder von Mann und Frau. Durch das Zurückgehen der Testosterone reduziert sich bei Männern das Machogehabe und sie können mehr ihre weicheren Seiten zeigen“, sagt Hanne Huntemann. Während die älteren Frauen selbstbewusster geworden sind und klarer sagen können, was sie brauchen – auch in der Liebe. „Das gibt beiden Geschlechtern die Chance, sich auf Augenhöhe zu begegnen, ohne sich mehr etwas beweisen zu müssen.“

Und: Jenseits der 60 steigt das Bewusstsein, dass das Leben begrenzt ist. Als junger Mensch denkt man, die Welt gehört mir und nach einer Trennung kommt bestimmt wieder jemand nach. Aber mit wachsendem Alter ist diese Chance nicht mehr so groß. „Wenn man dann einem Menschen begegnet, zu dem man eine tiefe Verbundenheit spürt, wird das viel mehr geschätzt als in jungen Jahren und als großes Geschenk empfunden.“

Ausstellung

Alter. Körper. Sinnlichkeit. Mit diesen Themen haben sich Studenten des zweiten Semesters an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt im Fach Fotografie bei Professor Dieter Leistner auseinandergesetzt. Wie nehmen heute ältere Menschen ihren eigenen Körper wahr? Welche Bilder von Körperlichkeit und Ästhetik im Alter sind in unserer Gesellschaft bestimmend? Wie wirken diese Bilder auf den Betrachter? Die Fotos auf dieser und der nächsten Magazin-Seite stammen von den Würzburger Studenten. Alle Fotos, die im Rahmen dieses Seminars entstanden sind, sind ab Dienstag, 24. Juni, in der FH Gestaltung am Sanderheinrichsleitenweg 20 zu sehen. Die Ausstellung ist bis Freitag, 4. Juli, Montag bis Freitag von 8 bis 20 Uhr und Samstag von 8 bis 14 Uhr geöffnet.

„Das Schlimme am Alter ist, dass man sich jung fühlt.“
Simone de Beauvoir, französische Schriftstellerin
Im Alter: Das Bedürfnis nach Nähe bleibt.
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