Friseurtermin. Der Pelz muss runter. Einen ganzen Sommer, einen Herbst und den kurzen Winter lang ist den Schafen die Wolle gewachsen. Jetzt sind sie dick und tragen schwer. Also ab mit den Zotteln, bevor es endlich wieder rausgeht. Im Stall der Schäferfamilie Papp wird geschoren, ein ganzes Wochenende durch, bis das letzte Schäfchen fast nackt ist.

Die kommen gleich dran: Merinoschafe vor der Schur. Foto: Martina Müller

Möhh. Mö! Möö-öö-ööö. Mähähä. Määä. Und Möh. 700 Schafe und ihre Lämmer geben zum Schurtermin ihre Meinung dazu. Hier wird gemeckert. Da wird geblökt. Schafsunterhaltung. „Da hat jedes eine andere Stimme, wie beim Menschen“, sagt Michael Papp.

Er kann zwar Schaf Nummer 532 nicht an der Stimme erkennen und könnte nicht sagen, von welchem seiner Tiere das gedehnte Möööh eben hinten aus der Ecke kam. Aber, die Tonlagen, die versteht er. „Komm mal her, das Euter spannt wieder“ – so eine Aufforderung klingt anders als ein freundlich, beiläufiges Weidemeckern, anders als das Panikblöken, bei dem die ganze Herde in Aufruhr gerät.

Panik? Nicht an diesem Samstagmorgen im Opferbaumer Stall. Fast geduldig und fromm warten die 700 Merinolandschafe, bis sie dran sind bei der Bankschur. In Australien bleibe das Schaf beim Scheren am Boden, „46 Züge, dann ist es fertig“, sagt Juniorschäfer Pascal Papp. Hierzulande wird auf Holzbänkchen geschoren.

Schafschur im Opferbaumer Stall: Pascal Papp, Thomas Bauernfeind und Thomas Bruder in Aktion. Foto: Martina Müller

Dauert ein bisschen länger, schont den Rücken. Scheren ist anstrengend genug – und man muss es erst mal können. „Die Haut muss immer gespannt sein“, sagt der 60-jährige Senior Michael Papp. „Man muss wissen, wo man hingreift.“ Damit das Tier nicht verletzt wird. Und damit der Vlies ein Stück bleibt. Pascal Papp, 26 Jahre, setzt den Scherkopf an: Stock, Widerrist bis zum Hals, weiter zum Becken. Dann Hals, Schulter, Bauch, Keule. In drei, vier Minuten ist das wollige Blöktier drei bis vier Kilo leichter und darf runter von der Bank.

Man muss wissen, wo man hinlang: Scherer Pascal Papp, Thomas Bauernfeind und Thomas Bruder. Foto: Martina Müller
Ziemlich gelassen lassen die Schafe der Schäferfamilie Papp die jährliche Schur über sich ergehen. Foto: Martina Müller
Mit dem Scherkopf durch die Wolle: der Vlies soll an einem Stück runter. Foto: Martina Müller
Alle 15 Schafe muss der Scherer die Messer  tauschen. Foto: Martina Müller
Die geschorene Merinowolle stopfen Michael Papp und Moni Schraud in große Wollsäcke. Foto: Martina Müller

Das Messer ist nach 15 Schafen stumpf. Der Kamm, rechnet Pascal Papp, „hält 30 Schafe“. Der Scherer? Schafft 100 bis 120 Tiere pro Tag. Befreundete Schäfer und Schurkollegen sind an diesem Samstag zum Frisörtermin nach Opferbaum gekommen. Man hilft sich, damit die Schur zügig rum ist.

Mit dem Vlies, der sich ansammelt, ist der Juniorchef ganz zufrieden. „Die Wolle ist unheimlich sauber durch das trockene Wetter im Sommer.“ Nur: „Du kriegst es halt nicht bezahlt.“ Magere 1,50 Euro bekommen Schäfer heute für das Kilo hochwertigste Wolle. „Wird alles verschifft“, sagt Vater Papp. „Das meiste geht jetzt nach China.“

Die Papps sind Wanderschäfer. Hüteschäfer. Aus Überzeugung und in dritter Generation. Sieben Tage die Woche, zehn Monate im Jahr mit den Tieren unterwegs und immer draußen. Nachts wird gepfercht mit Elektrozaun. Erst im Februar kommen die Schafe für ein paar Wochen bis Ostern in den Stall. „Es hat sich bewährt. Fertig, aus, Äpfel.“

Vater uns Sohn: Michael und Pascal Papp.  Foto: Martina Müller

Leben und überleben? Die Wolle spielt die geringste Rolle. Auch das Fleisch bringt dem Schäfer wenig, nur noch 40 Prozent des hierzulande verspeisten Lammfleischs kommt von hier. Wie es also noch geht? „Zu 60 Prozent von der Förderung“, sagt Papp senior. Als Landschaftspfleger sind Schäfer und Schafe im Sommer auf dem Truppenübungsplatz in Hammelburg unterwegs. Im Herbst zieht Michael Papp mit der halben Herde aus der Heimat im Landkreis Würzburg Richtung Haßbergkreis. Da findet er noch ein paar Weideflächen für 400 Schafe.

Dass zwei seiner drei Söhne auch Schäfer geworden sind? Ein Glücksfall. Die Zahlen des Berufsstandes? Ein Elend. Vor 20 Jahren gab es im schafreichen Unterfranken noch rund 850 Betriebe mit knapp 50 000 Tieren. Die meisten Schafhalter haben weniger als zwei Dutzend Tiere und betrieben das Ganze als Hobby oder Nebenerwerb. Jetzt? Mindestens 200 Betriebe und 10 000 Schafe weniger.  Und gerade mal noch 55 Berufsschäfer. „Wenn Du Schäfer lernst, musst Du Idealist sein“, sagt Pascal Papp. „Und das Zeiteisen kannst Du wegschmeiß'.“

Gut zu sehen, welche Schafe in welchem Gatter noch geschoren werden müssen. Foto: Martina Müller
Jedes geschorene Schaf ein Klick. So weiß er am Ende des Tages wie vielen Schafen er aus dem Pelz geholfen hat. Foto: Martina Müller
Gut 700 Schafe hat die Opferbaumer Schäferfamilie Papp zu versorgen. Hier mit Sommerfrisur. Foto: Martina Müller

Enorm viel Bürokratie, Arbeit an 365 Tagen im Jahr, geringer Lohn, steigende Kosten, fast keine Wiesen und Felder mehr. Und jetzt kommt auch noch der Wolf. Kein gutes Thema im Stall der Papps. „Wir hoffen, dass er nit künnt.“ Also weiterrasieren. Nächstes 90-Kilo-Tier rauf auf die Holzbank, Schermesser ansetzen. Auf, ab, hoch, runter . . . ein paar Minuten und etwas Blöken später liegt ein weiterer Vlies auf dem Stapel.

Fast alle Mutterschafe haben bereits Nachwuchs. Pascal Papp hat eines der Lämmer auf dem Arm Foto: Martina Müller
Und Du? Foto: Martina Müller
Nachwuchs vor Oster: 14 Tage alten Lämmer im Stroh. Foto: Martina Müller

Irgendwo im Stall kommt gerade ein Lämmchen zur Welt. Määh. Mäh-ä und Mööö. „Zur Zeit ist immer Rambazamba“, sagt Pascal Papp mit Blick auf die vielen kleinen Schäfchen. „Da kann man sich schon freuen.“ Und die großen Schafe? Die riechen den Frühling. „Die wollen raus.“

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