Da sitzt sie also. Thront mit ihren haarigen Beinen und dem wuscheligen Rücken auf ihrer Kamillenblüte und sucht Nektar, selbst überall von Pollenkörnchen bedeckt. In jedem Haar scheint eine goldgelbe Kugel zu kleben, nur die Flügel schimmern und glänzen unbestäubt. Und der Betrachter, selbst der Winzling und nur einen Bruchteil so groß, wird nicht satt daran, ihr in die riesigen dunklen Facettenaugen zu schauen, auf deren Borsten auch noch ein paar Pollenkörner hängen. Die 25-Meter-Biene, die Königin des Riesenreichs im 360-Grad-Panorama, lässt sich nicht stören – und sucht Nektar und leckt.

Riesenbiene auf Riesenkamillenblüte: Ausschnitt aus dem Asisi-Panorama im Leipziger Panometer. Foto: Tom Schulze/Asisi 

Seit zwei Wochen blüht im Leipziger Gasometer ein Vorstadtgarten. Mit Blumen und Kirschbaum, mit Käfern, Ameisen, Komposthaufen, Gemüsebeet. Ein Garten, in der die Riesenbiene auf der Riesenblüte alles überragt. Vor wenigen Wochen lag diese Biene, kaum mehr als einen Zentimeter klein, in Würzburg im Labor bei Stefan Diller. Zum Fotoshooting, wenn man das Shooting nennen kann. Diller ist Makrofotograf, Spezialist dafür, das Unsichtbare zu zeigen, das Kleine ganz groß zu machen. Da lag das winzige Insekt.

Stefan Diller in seinem Würzburger Labor. Foto: Fabian Gebert

Und Stefan Diller wusste nur: Sein Auftraggeber, Künstler Yadegar Asisi, will diese Biene richtig, richtig groß. Diese Biene auf einer Blüte. Alles andere: „Hohe Geheimnisstufe.“ Stefan Diller hat schon viele Bienen abgebildet. Hat Milben und Fruchtfliegen fotografiert. Oder Petersilie, Broccoli und Dill, Huflattich, Kartoffelblüte und Bachminze. Er war irgendwann an ein Gerät gekommen und hatte begonnen mit Elektronenmikroskopen zu experimentieren, hobbyhalber. Daraus wurden Beruf und Profession: Wissenschaftliche Fotografie. Diller hilft Umweltlaboren bei der Bestimmung von Asbestfasern, untersucht für Werkstofftechniker Ultrastrukturen von Material, nimmt für Prüflabore Lackschichten unters Mikroskop. Und immer aufs Neue fasziniert von der Ästhetik des Verborgenen, bringt er wundersame Strukturen der Nanowelt ans Licht.

Vor drei Jahren erhielt Stefan Diller in seinem kleinen Hinterhoflabor in der Würzburger Sanderau eine E-Mail von Yadegar Asisi. Jenem Architekten und Künstler, der die größten 360-Grad-Panoramen der Welt erschafft. Vor 16 Jahren hatte Asisi im alten Gasometer in Leipzigdamit angefangen: Er brachte den Himalaya mit dem Mount Everest auf 110 Metern Umfang im historischen Backsteinspeicher in ein 32 Meter hohes Bild. Zwei Jahre später entführte Asisi dort auf 3500 Quadratmetern bedrucktem Stoff die Besucher in das Rom des Jahres 312. Und an immer mehr Orten schuf der Illusionskünstler riesige Rundumbilder und Szenerien: Inzwischen gibt es Asisi-Panoramen in Berlin, Dresden, Pforzheim, Hannover, in Wittenberg oder Rouen. Es gibt sie zur Berliner Mauer, zum Great Barrier Reef, zur Dresdner Bombennacht, aus Amazonien oder mit den Überresten der untergegangenen Titanic.

Asisis neue Idee: ein Garten. Ein Garten, den der Betrachter aus der Sicht einer Ameise, vielleicht aus der Perspektive eines Pollenkorns sogar erleben soll. Ein Garten, in dem der Mensch – geschrumpft – zwischen riesenhaft vergrößerten Käfern, Gräsern, Blumen wandelt.

Der Mensch so klein wie eine Ameise: Besucher im Asisi-Panorama.  Foto: Tom Schulze/Asisi

Deshalb rief Asisi in Würzburg an. „Klar war, dass das Gartenpanorama etwas zwischen Mikro und Makro sein soll“, sagt Stefan Diller. In den Welten, die Yadegar Asisi schafft, verschmelzen dank digitaler Bildbearbeitung Malerei und Fotografie, Künstlerfantasien mit exakten Abbildungen der Realität. Den Garten, den er zeigen wollte, hatte der 63-Jährige am Stadtrand von Leipzig gefunden: das kleine wilde Paradies einer langjährigen, gerade verstorbenen Mitarbeiterin – Carola. Asisis Team schwärmte vor zwei Jahren in den Garten aus, fotografierte, dokumentierte. Und der Künstler selbst schuf dort, im Gras, Zeichnungen, Aquarelle, Acrylmalereien, Skizzen. „Carolas Garten“ wollte er als Sehnsuchtsort zeigen – und als Sinnbild für die großen Fragen des Lebens, für das Wachsen und Vergehen. Und er wollte eine Biene in diesem Garten haben. Auf einer Mohnblüte.

Yadegar Asisi beim Fotografieren im Leipziger Vorstadtgarten - dem Garten seiner langjährigen, verstorbenen Mitarbeiterin Carola. Foto: Asisi

Mohnblüte? „Da habe ich Blut und Wasser geschwitzt“, erzählt Stefan Diller. „Eine Mohnblüte braucht man nur schräg anschauen, dann fällt sie in sich zusammen.“ Wie sollte er, der Nanofotograf, ein so empfindliches Objekt aufnehmen können? Die Aufnahmen des Kleinsten, die Diller macht, sind mit gewaltigem Aufwand verbunden. Der Fotograf muss das Material präparieren, muss den Pflanzenteilen Wasser entziehen, ohne Struktur zu zerstören und Form zu verändern, muss seine Objekte mit Gold oder Platin bedampfen, um sie im Elektronenmikroskop sichtbar machen zu können. „Feuchtigkeit ist der Feind einer guten Elektronenmikroskop-Aufnahme“, sagt Diller. Und redete dem Panorama-Künstler den Klatschmohn aus.

Die Honigbiene, gescannt von Wissenschaftsfotograf Stefan Diller im Rasterelektronenmikroskop: So sah die Vorlage für das Asisi-Panorama aus.  Foto: Stefan Diller

Stattdessen fixierte, stabilisierte, präparierte der 60-jährige Spezialist in giftigen Lösungen und einem langwierigen Prozess vier Dutzend 18 Millimeter kleine Kamillenblüten. „Eine Wahnsinnsarbeit“, seufzt Diller, „aber beim Panorama will man alles scharf sehen, da akzeptiert man keine Unschärfe.“ Er wusste nicht, was Asisis Team später an den Computern im Berliner Atelier aus seiner REM-Aufnahme der Biene machen würde. Wusste nicht, welche Rolle die gewünschte Blüte später auf dem riesigen Leipziger 360-Grad-Bild spielen würde. Er wusste nur: Es musste gut werden.

Präpariert für den Scan: Die metallbedampfte Biene. Foto: Fabian Gebert

Für die große Schärfentiefe nutzte Diller das Foto-Stacking, also ganze Bildfolgen, die er dann am Computer zu einem Bild vereinte. „51 Felder à 20 Ebenen nur für die Blüte, und für jede Ebene 19 Minuten.“ Ergibt ungefähr 1000 Bilder, also 19 000 Minuten . . . „Manche Szenen habe ich fünf-, sechsmal überarbeitet, damit die innere Logik stimmt“, erzählt der Würzburger Fotograf. Manchmal habe er nicht gewusst, „ob ich es überhaupt hinbekomme“.

Während der Stunden im Mikroskop tastet ein fein gebündelter Elektronenstrahl – bei modernen Geräten nicht einmal ein Nanometer, also ein Millionstel Millimeter dünn – die metallbedampfte Oberfläche des Objekts ab und wird von ihr auf Detektoren zurückgeworfen. Die Detektoren erzeugen aus den eingefangenen Elektronen einen entsprechenden Helligkeitswert. Wie bei einem Scanner entsteht so Bildpunkt für Bildpunkt, Zeile für Zeile ein Bild in Schwarz-weiß. Doch die einen Präparate verpilzten. Bei anderen waren die Knospen beschädigt. Die Natur, sagt Diller, „stellt sich stellenweise einfach dagegen“.

Kamillenblüten. präpariert für die Rasterelektronenmikroskopie. Foto: Fabian Gebert

Ende des Jahres, als draußen längst nichts mehr blühte, habe er dringend noch mal frische Blüten gebraucht. Diller ließ sich, leicht panisch, im Dezember vom Spezialhändler „noch mal einen Strauß Kamillen schicken“. Zwei Monate Arbeit für die Kamille, noch mal einen Monat Arbeit für die Biene – „viel Zeit für nur zwei Bilder“, sagt der Fotograf, der das, was das bloße Auge nicht sieht, ins Überdimensionale vergrößert. Und in Leipzig, im Panometer, ist nun der Mensch quasi ums 1000-fache geschrumpft. Er kann im riesigen historischen Gasspeicher einen 15 Meter hohen Treppenturm emporsteigen – und aus der Insektenperspektive durch den Kleingarten von Carola spazieren.

Dass das möglich wurde – dafür sorgten noch zwei weitere Unterfranken: die Biologen Mirko Wölfling und Britta Uhlaus Niederwerrn. Wölfling hatte Yadegar Asisi schon beim Amazonas-Projekt unterstützt, hatte Präparate beigesteuert, im Museum nach Objekten gesucht. Und auch beim „Great Barrier Reef“ waren sie die wissenschaftlichen Berater.

Für den Berliner Künstler nahmen sie den kleinen Leipziger Garten vor Ort eine Woche lang unter die Lupe. Was fliegt, was krabbelt da? Sie beobachteten und bestimmten tags und nachts Insekten, erstellten Artenlisten, züchteten aus den Raupen Nachtfalter und kontrollierten am Ende alle Präparate.

Riesige Blüten: Besucher auf der Plattform in "Carolas Garten". Foto: Asisi

Was sie entdeckten: eine erstaunliche Vielfalt! „In gerade mal vier Stunden Leuchtanlage hatten wir bereits über 80 Arten Nachtfalter am Licht“, sagt Expertin Britta Uhl. Und Mirko Wölfling zählt zig Arten weiterer Ordnungen wie Hymenoptera, Diptera, Coleoptera, Orthoptera, Odonata et cetera, et cetera auf. „Allein auf den Fotos, die nebenbei entstanden sind, finden sich nochmals 34 weitere, tagaktive Insektenarten“, sagt der Diplombiologe. „Aber das werden ein paar Hundert Arten mehr sein, die es dort gibt.“ Und dann fügt er an: „So ein Garten bietet eben mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde . . .“

Wissenschaftler und Fotograf im Labor: Die Biologen Mirko Wölfling und Britta Uhl am Mikroskop bei Stefan Diller.  Foto: Fabian Gebert

Jene Biene die Stefan Diller dann in seinem Labor rasterte und die jetzt als vermutlich größte je gedruckte Biene der Welt vor Tausenden von Besuchern im Gasometer Nektar sammelt – die besorgten und präparierten auch die beiden Biologen. Vor einem Jahr, im Januar. „Aber man will ja keinen Bienenstock dafür öffnen“, sagt Wölfling. Diese eine Biene fanden die beiden tot im Würzburger Ringpark – „durch Zufall, an jenem einen warmen Tag“. In einer Nussschale transportierten sie das Insekt nach Hause, um kein Beinchen, keinen Flügel, keinen Fühler zu verletzen.

Filigrane Arbeit des Biologen für das riesige Panorama: Mirko Wölfling präpariert das Insekt. Foto: Fabian Gebert

Zwei Wochen nach der Panorama-Eröffnung in Leipzig sagt der Niederwerrner Biologe: „Für mich das Größte, an dem ich bisher mitgewirkt habe.“ Auf wunderbare Weise, sagt Ökologin Britta Uhl, werde der Garten hier biologisch, kulturell und philosophisch beleuchtet. Sie hofft, dass die Besucher begreifen, „dass solch ein Paradies nicht mit einem englischen Rasen und auch nicht mit einem Schottergarten“ funktioniert“. Wölfling sagt: „Dieses Erlebnis kann man nur dann in den eigenen Garten holen, wenn man die Natur einfach mal machen lässt.“

Und Fotograf Stefan Diller, der bis zuletzt nicht wusste, was Yadegar Asisi mit seiner gescannten Biene und der Kamillenblüte vorhatte? „Sehr gelungen, technisch toll ausgeführt.“ Wie der Bildbearbeiter aus Asisis Crew, Alexander Stiller, die Scan-Rohdaten bearbeitete, die Würzburger Biene kolorierte und mit vielen, vielen einzelnen Blütenpollen nachträglich wieder bestäubte: „Ich würde sagen: besuchens- und sehenswert.“

Die Ausstellung: „Carolas Garten – Eine Rückkehr ins Paradies“ im Panometer Leipzig, Richard-Lehmann-Straße 114. Geöffnet ist wochentags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 11,50 Euro, Kinder (ab 6 Jahren) 6 Euro. Infos:www.panometer.de

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