Manchmal ist das Einfache das Beste. Wie dieses Holzbein, das da zwischen aufwendigen Prothesen und computergesteuerten Kniegelenken an der Wand hängt. Ein Piratenstumpf quasi, eine Stelze, wie sie seit dem 15. Jahrhundert Versehrte nutzten. Oben ein Schaft aus Leder, dann ein schwarzer, stabiler Stumpf. Anfertigungsjahr 1981? Wurde tatsächlich vor 40 Jahren so ein Knieruhebein noch verschrieben?

Zweites Bein von links: Die Beinprothese eines Landwirts aus Stahl, Holz, Leder. Einfach, aber ideal für die Arbeit auf dem Feld und im Stall. Foto: Daniel Biscan

„Nicht für jeden ist die maximale Versorgung auch die beste“, sagt Dr. Anton Holderied, Arzt und Prothesenfachmann vom Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS). Mit dem Stahl-Holz-Lederbein, das hier im Strahlerlicht hängt, ging ein Landwirt irgendwo aus Unterfranken in den Stall. „Er war mobil, hatte damit einen festen Stand“, sagt Holderied. „Und er konnte die Prothese leicht reinigen.“ Nach der Arbeit im Mist und Dung spritzte der Bauer mit dem Schlauch die Stelze einfach ab.

Zum Greifen, Tasten, Fühlen? Hände und Finger zu ersetzen ist schwierig. Foto: Daniel Biscan

Jetzt erzählt das Holzbein, zusammen mit über 150 anderen Hilfsmitteln, die Geschichte der Prothetik – und auch der Würzburger Orthopädie. Die simple, aber praktische Beinprothese war nach dem Tod ihres Benutzers wieder in der Orthopädischen Versorgungsstelle in Würzburg gelandet, im Keller. Dr. Dieter Schneider, der Leiter und Leitende Arzt des Amtes, dessen zentrale Aufgabe einst die Versorgung der Kriegsopfer war, hatte über viele Jahre ausrangierte Hilfsmittel aufgehoben und gesammelt. Besondere, interessante, solche, die Geschichten erzählten und mit denen man in der Ausbildung anschaulich Funktionen erklären konnte.

Blick in den Ausstellungsraum: "Second Hand" im Zentrum für Familie und Soziales, dem ehemaligen Versorgungsamt. Foto: Daniel Biscan
Vom Hörgerät bis zum Rollstuhl: Hilfsmittel in allen Formen. Foto: Daniel Biscan

„Wir hatten den Keller voll!“, sagt Waltraud Asbahr, Regionalleiterin am Zentrum Bayern Familie und Soziales. Hunderte Armprothesen, Beinprothesen, Hörgeräte, Gehhilfen, Rollstühle, orthopädische Schuhe . . . was damit tun? Am ZBFS entschied man sich, ausgewählte Stücke auszustellen. Und, so Waltraud Asbahr, damit zu zeigen: „Die Prothese ist im wahrsten Sinn des Wortes die zweite Hand.“

Das Zentrum für Familie und Soziales, das ehemalige Versorgungsamt, hat eine besondere Sammlung. Foto: Daniel Biscan

Und mit einer Zehe fängt die Geschichte der orthopädischen Hilfsmittel an. An der Mumie einer 50 bis 60 Jahre alten Frau hatte man in Ägypten das künstliche Fußglied gefunden, rund 2600 bis 3000 Jahre alt. „Nicht nur eine Grabbeigabe“, sagt Anton Holderied, „dass die sogenannte Kairozehe eine funktionelle Prothese war, sieht man an den Gebrauchsspuren.“ Großzehen nehmen beim Gehen rund 40 Prozent des Körpergewichts auf. Die Ersatzzehe aus Leder und Holz hatte bei der Frau aus Theben die Folgen der Amputation wohl ausgleichen können. Aus dem antiken Rom oder dem Mittelalter kennt man Prothesen aus Bildern oder Darstellungen, erhaltene Fundstücke gibt es dann erst wieder aus dem 15., 16. Jahrhundert.

„Bestes Beispiel: die eiserne Hand von Götz von Berlichingen“, sagt Chirurg Anton Holderied und zeigt in der Ausstellung auf eine Metallprothese hinter Glas. Der fränkische Reichsritter hatte anno 1504 durch einen Kanonenschuss die rechte Hand verloren. Nach seiner Rückkehr nach Jagsthausen bekam er eine Art eisernen Handschuh, festgeschnallt am Unterarm. Die Stellung der Finger ließ sich dank eines künstlichen Mechanismus' mithilfe von Zahnrädern fixieren. „Es heißt, dass er damit den Schwertgriff kräftig umfassen und kämpfen konnte.“

Osteotom: die Knochensäge, die Bernhard Heine erfand. Foto: Daniel Biscan

Die Ausstellung, die zeigen will, wie Versehrte durch Prothesen nach dem Verlust eines Körperteils wieder im Alltag zurechtkommen, erzählt auch, wie und warum Würzburg zur Wiege der Orthopädie wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Instrumentenmacher und Orthopädiemechaniker Johann Georg Heine, 1771 im Schwarzwald geboren, in Würzburg die erste orthopädische Heilanstalt eröffnet, das Karolineninstitut. Und sein Neffe Bernhard Heine erfand das Osteotom: eine Knochensäge, mit der ohne Hammer und Meißel auch die Schädeldecke geöffnet werden konnte.

Wenn die Prothese gleichzeitig das Werkzeug ist: Arbeitshand mit funktionalen Aufsätzen. Foto: Daniel Biscan
Funktionswerkzeug, Hilfsmittel, künstliche Hand: Dank Prothesen gelingt Teilhabe. Foto: Daniel Biscan 

Johann Georg Heine, der sich bald einen Namen für die Anfertigung besonderer Prothesen gemacht und Tausende Menschen wieder zum Gehen gebracht hatte, entwickelte in Würzburg ein ganzes System von Modellen, sogenannter Heine-Puppen, und Apparaten. Mit ihnen machte er die Behandlung von krankhaften Veränderungen des Körpers, aber auch Knochenbrüchen an Armen und Beinen anschaulich. Einen Satz seiner Puppen bestellte damals der russische Zar Alexander. Die Originale sind heute in St. Petersburg im Museum. Ein zweiter Originalsatz war in Würzburg am Juliusspital geblieben – und wurde zerstört in der Bombennacht vom 16. März 1945.

Nachbildung der berühmten Heine-Puppen: Instrumentenmacher und Orthopädiemechaniker Johann Georg Heine begründete in Würzburg die Orthopädie. Foto: Daniel Biscan

Für Waltraud Asbahr, die Regionalleiterin des ZBFS, ist die Prothesenausstellung nicht nur aus medizinhistorischen Gründen wichtig. Und nicht nur, weil sie die Arbeit des Amtes, das lange die Funktion eines „Versorgungsamtes“ hatte, spiegelt. Sondern weil sie Verständnis schafft für Menschen mit Behinderung. „Hinter jedem Exponat steckt die Geschichte eines Betroffenen“, sagt Asbahr. „Und wir wollen zeigen, welche mentale Stärke man neben der körperlichen Kraft beim Leben mit Prothesen braucht.“

Orthopädische Schuhe: alles Maßanfertigungen, alles Einzelstücke. Und oft trug der Besitzer den Schuh jeden Tag. Foto: Daniel Biscan

Die spezialangefertigten Schuhe zum Beispiel. Oft hatte der Träger nur dieses eine, einzige Paar und ging damit tagtäglich. „Sie mussten das aushalten und selbst aushaltbar sein“, sagt Dr. Sabine Schlegelmilch, Sammlungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät an der Uni Würzburg. „Jede Prothese wurde erst dann als gute Prothese erachtet, wenn sie das Normalsein ermöglichte“, sagt Schlegelmilch. „Und das hieß auch: zu arbeiten.“ Dafür war es egal, ob eine künstliche Hand aussah wie die lebensechte – „solange sie nur zum Beispiel einem Schuster ermöglichte, einen Hammer zu halten.“ In einfachen wie praktischen Modellen der Ausstellung wird das Werkzeug – Hammer, Bürste, Haken – einfach vorne an die Prothese geschraubt.

Zu leicht darf eine Prothese nicht sein - sie braucht Gewicht wie ein "echter" Arm.  Foto: Daniel Biscan 
Unterarmprothese nach Ferdinand Sauerbruch. Foto: Daniel Biscan

Prothesen für Hände: eine Herausforderung. Die hochkomplexe Greiffunktion erfordert Feinmotorik und hohe Sensibilität. Und so zeigt die Würzburger Sammlung eindrucksvoll, wie Mediziner und Techniker mit verschiedenen Ansätzen experimentierten. Chirurg Ferdinand Sauerbruch zum Beispiel entwickelte ein Modell, in dem Hornstäbe in einen Oberarmmuskel eingenäht wurden. Spannte der Träger den Muskel, zogen sich die Finger der Prothesenhand zusammen.

Bei künstlichen Beinen bestand lange die Schwierigkeit, dass die Prothese nicht gleichzeitig belastet und gebeugt werden konnte, sagt Holderied: „Der charakteristische Gang Verletzter beim Treppensteigen war das Nachziehen des steifen Prothesenbeins.“ Heute sind Kniegelenke computergesteuert und erlauben in jeder Beugestellung Stabilität. „Mit solchen Prothesen kann man sogar auf Kletterwände.“

Exoskelett: So sieht die Zukunft der Hilfsmittel auf. Wer dieses Exemplar trägt, kann ohne Stuhl sitzen. Foto: Daniel Biscan

Apropos Zukunft: In dieser Woche wurde die Erweiterung der Würzburger Prothesensammlung eröffnet. Es gibt dort nun nicht nur viele Stücke aus dem Keller, vor allem Exponate aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, zu sehen. Sondern hochmoderne und digitale Hilfsmittel. Und die Besucher können in einen Alterssimulationsanzug steigen und körperliche Behinderung und Beeinträchtigung selbst erfahren. Asbahr ist sicher: „Wer die Schwierigkeiten selbst erlebt, wird toleranter gegenüber seinen Mitmenschen.“

Würzburger Prothesensammlung
Die Ausstellung „Second Hand“ beim Zentrum Bayern Familie Soziales (ZBFS), Georg-Eydel-Str. 13, in Würzburg kann man mit fachkundiger Begleitung besichtigen. Der Eintritt ist frei, Termine kann man unter Tel. (0931) 4107-107 vereinbaren.
Hängepartie  Foto: Daniel Biscan

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