Berlin zieht an. Viele kommen kurz – und bleiben für immer. Fotograf Daniel Peter hat Menschen besucht, die lange in Würzburg, Schweinfurt oder anderswo in der Region lebten – und jetzt in der Hauptstadt. Was bedeutet für sie die Stadt? Wie sieht es aus mit dem Umzug zurück? Elf Porträts.

Madeleine Hofmann & Alexander Vogt

Madeleine Hofmann und ihr Freund Alexander Vogt stehen am Landwehrkanal in der Nähe der Admiralbrücke im Herzen von Berlin-Kreuzberg. Foto: Daniel Peter

Ich komme aus Bühler, Alex aus Hundsbach – zwei benachbarte Dörfer in der Gemeinde Eußenheim in Main-Spessart. Wir sind im Frühjahr 2012 nach Berlin gezogen. Ich war gerade mit dem Studium fertig und Alex war Trainee bei Bosch Siemens Hausgeräte. Da wir immer eine Fernbeziehung hatten, wollten wir nach dem Studium mal am selben Ort wohnen. Ich wollte in den Medien arbeiten, mir war also wichtig, dass es eine große Stadt mit vielen Verlagen ist. Alex hatte dann die Möglichkeit, eine seiner Trainee-Stationen in Berlin zu machen und danach dort fest zu arbeiten. Da bin ich nach dem Studium erst einmal mit. Als wir da waren, hat es uns so gut gefallen, dass wir uns unsere erste gemeinsame Wohnung in Kreuzberg gesucht haben. An Berlin gefällt uns vor allem die Offenheit und Vielseitigkeit der Stadt. Man kann jeden Tag etwas Neues entdecken, anonymer leben als auf dem Dorf – und doch heimisch werden im eigenen Kiez. Natürlich vermissen wir oft die Nähe zu Freunden und Familie in Unterfranken. Und die Krapfen mit Hiffenmark. Die heißen in Berlin nämlich Eierkuchen und sind mit Pflaumenmus oder Kirschmarmelade gefüllt.

Anna Maria Döbereiner

Die Philosophiestudentin Marie Ann steht an der Spree hinter dem Reichstag in Berlin-Mitte. Foto: Daniel Peter

Ich bin in Hessen aufgewachsen und mit 16 nach Würzburg gezogen. Mit 20 dann nach Berlin, um Mediengestaltung lernen zu können. Jetzt studiere ich Philosophie/Ethik, Geschichtswissenschaft und Pädagogik. Berlin bedeutet für mich: erwachsen werden. Erstmals mit Problemen konfrontiert sein, die über meine eigene Person hinausgehen: Gentrifizierung, Benachteiligung sozial Schwächerer, historische Kriminalität und Gewalt auf der Straße. Tatsächlich kann ich mir nicht vorstellen, nach Unterfranken zurückzukommen, allein, weil ich in Bayern keine Anstellung als Lehrerin kriegen würde. Aber ich kann mir ebenso wenig vorstellen, für immer im Berliner Zentrum zu bleiben. Die meisten Leute hier sind doch auch keine Berliner. Sie kommen meistens aus dem Süden Deutschlands, den kenne ich schon. Die unterfränkische Mentalität fehlt ihnen aber. Und mir auch! Ein schöner Schoppen dann und wann und sich liebevoll necken und grüßen ist etwas, was den Wahlberlinern leider allzu oft fehlt. Darum fühle ich mich mit Berlinern, die eher außerhalb des Zentrums anzutreffen sind, auch wohler. Sie sind den Unterfranken sehr ähnlich, außer dass sie den Unterschied zwischen „als“ und „wie“ kennen und glauben, dass man „Sterni“ gut trinken kann.

David Rollik

David Rollik steht zwischen zahlreichen Bussen auf einem Betriebshof der Berliner Verkehrbetriebe (BVG) im Stadteil Charlottenburg in Berlin. Foto: Daniel Peter

Ich bin aus Würzburg und 2012 nach Berlin gezogen, war aber bereits 1999 für mehrere Wochen und 2005 für mehrere Monate dort. Warum Berlin? Für den Job. Etwas Adäquates war in der Heimat nicht zu finden. Wobei es nicht zwingend Berlin sein musste, ich arbeitete in den vergangenen 20 Jahren auch unter anderem in Hamburg, München, Hannover, Erfurt und Bamberg. Heute leite ich die Stabsabteilung Kommunikation der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), des größten Nahverkehrsunternehmens Deutschlands. Berlin bedeutet für mich: Arbeit, Fernbeziehung, Freundeskreis, Hauptstadtatmosphäre. In Berlin steht die Arbeit im Mittelpunkt. Daneben genieße ich die Vorzüge einer Metropole mit Blick auf Gastronomie, Kultur und Mobilität. In Würzburg dreht sich hingegen alles um Beziehung, Familie und Erholung. Und so ganz weg bin ich ja nicht – drei bis vier Wochenenden im Monat bin ich seit jeher in Würzburg, da mein Partner und meine Eltern dort leben. Und sollte sich es einmal beruflich ergeben, käme ich auch gerne dauerhaft wieder in die Region.

Marc Miroir

Der DJ und Lebenskünstler Marco Spiegel alias Marc Miroir steht auf dem Disco-Schiff "Hoppetosse" in Berlin Kreuzberg. Miroir legt am Abend beim 6-jährigen jubiläum einer großen Elektroparty auf. Foto: Daniel Peter

Ich komme aus Höchberg bei Würzburg und bin 2007 nach Berlin gezogen. Vorwiegend wegen der Musik und weil mein Leben eine neue Herausforderung brauchte, getreu nach dem Motto: Stillstand ist Rückschritt. Was ich in Berlin mache? Leben und leben lassen mit allem was dazu gehört! Berlin bedeutet: Freiheit, Vielfalt und Techno auf internationalem Niveau! Wenn ich noch in Würzburg wohnen würde, würde ich vermutlich nicht mehr auflegen und nur selten bis gar nicht ausgehen. Ansonsten gab und gibt mir Berlin in jeder Hinsicht Chancen und Perspektiven, die ich in Würzburg nicht gehabt hätte. Trotzdem mag ich Würzburg immer noch sehr. Zurück? Einerseits finde ich es zunehmend ansprechend, in die saubere, schöne und einigermaßen sichere Stadt zu kommen. Mit steigendem Alter nervt mich der Dreck in Berlin. Andererseits, wenn ich die Diskussion über die Sperrzeitverlängerung verfolge, zieht mich gar nichts zurück. Ich möchte doch bitte selbst entscheiden, wie lange ich ausgehe. Dieses Beispiel ist exemplarisch für die zum Teil einschränkenden Bayrischen Regelungen und Gesetze, die es ziemlich unattraktiv machen, zurück zu ziehen.

Umut Özdemir

Umut Özdemir steht in einem typischen Berliner Hinterhof im Statteil Mitte. Foto: Daniel Peter

Ich bin gebürtiger Aschaffenburger, komme aus Kleinwallstadt und habe in Würzburg Psychologie studiert. Die ersten 26 Jahre meines Lebens haben in Unterfranken stattgefunden. 2012 bin ich nach Berlin gezogen, um Sexualtherapeut zu werden. Ich hatte keinen Job und ein WG-Zimmer für nur sechs Monate – aber alles hat geklappt! Heute, sieben Jahre später, arbeite ich als Psychotherapeut und Sexualtherapeut in Berlin. Der vermutlich größte Unterschied zum Leben in Unterfranken ist, dass man in Berlin unterschiedlichste Menschen aus allen Ecken der Welt, mit allen möglichen Geschichten trifft. Und das bedeutet Berlin auch für mich: Dass man – egal welche Biografie man hat – versuchen kann, seine Träume zu verwirklichen. Aktuell kann ich mir nicht vorstellen, zurück nach Unterfranken zu ziehen – aber man soll niemals „nie“ sagen.

Anna-Lena Liedtke

Anna-Lena Liedtke sitzt mit ihren Katzen in ihrer Wohnung im Stadtteil Friedrichshain in Berlin. Foto: Daniel Peter

Vor sechs Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Mir wurde Würzburg einfach zu eng. Jeder kannte jeden. Noch dazu ist es eine „Studenten/Rentner“-Stadt. Nach dem Studium wurde es etwas einsam. Ich habe noch eine Weile in Würzburg gearbeitet, aber mein privater Kreis hat sich immer mehr und mehr nach Berlin verlagert. Von daher war das der logische Ausweg aus Würzburg. In Berlin ist es wirklich egal, wie du aussiehst. Völlig egal. Du kannst damit so ziemlich alles sein – ob Top-Manager oder Handwerker. Du möchtest deinen Latex-Fetisch öffentlich ausleben? Kein Problem. Vielleicht schaut jemand blöd, aber mehr wird da nicht kommen. Und du findest wirklich alles, was du suchst: Clubs, Konzerte, Restaurants und alle erdenklichen Arten Mensch. Aber es hat auch seine negativen Seiten: Alle sind ständig auf der Suche und kommen nie an. Das macht auf die Dauer nicht glücklich. Ich vermisse Ruhe und die Natur. Sicher gibt es schöne Parks, aber auch diese sind vollgestopft mit Mensch und Müll. Ich möchte nicht eine Stunde mit der S-Bahn fahren müssen um in der richtigen Natur zu stehen.

Christian Iffland

Christian Iffland steht in seinem Plattenladen in Berlin-Neukölln. Foto: Daniel Peter

Ich bin aus Schweinfurt und 2000/2001 nach Berlin gezogen – der Liebe wegen. Ich betreibe einen Schallplattenladen und ein Plattenlabel: Der Laden heißt „Static Shock“, das Label heißt „Static Age“. Was Berlin für mich bedeutet? Sagen wir so, es hat mal mehr für mich bedeutet, als es heute der Fall ist. Mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten als in der Kleinstadt, so konnte ich meinen Vinyl-Traum doch irgendwie umsetzen. Was mein Leben in Berlin von dem in Unterfranken unterscheidet? Da ich mich an das in Unterfranken gar nicht mehr so erinnern kann . . . hehe, nee, Spaß beiseite. Eigentlich genau das: Das, was ich hier mache, wäre in Unterfranken so nicht umsetzbar. Zurück nach Unterfranken? Eher nicht.

Sebastian Brux

Sebastian Brux, Pressesprecher des Berliner Justizsenators, steht in der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz im Stadtteil Schöneberg in Berlin. Foto: Daniel Peter

Ich komme aus Engenthal im Landkreis Bad Kissingen und bin 2006 nach Berlin gezogen – fürs Studium. Als Junge vom Land hatte die große Stadt aber auch ihren Reiz. Heute bin ich Pressesprecher des Berliner Justizsenators. Was Berlin für mich bedeutet? Berlin ist immer in Bewegung, vielfältig und oft auch ein bisschen irre. Es gibt einen funktionierenden ÖPNV, eine riesige Kulturszene, Supermärkte in Laufnähe. Und das Beste: keine CSU. Auf die Frage, ob ich mir vorstellen kann wieder nach Unterfranken zurückzukommen, kann ich nur antworten: Unterfranken ist immer eine Reise wert!

Damian Scholl

Der Fimkomponist Damian Scholl steht an einer Promenade am Weißen See in der Nähe seiner Wohnung in Weissensee in Berlin. Mit dem Soundtrack zu dem Film "Beuys" war der gebürtige Gernacher (Landkreis Schweinfurt) unter anderm für den Deutschen Filmpreis nominiert. Foto: Daniel Peter

Ich komme aus Gernach, einem kleiner Ort im Landkreis Schweinfurt, bin 31 Jahre alt und arbeite freischaffend als Komponist. Ich bin 2007 nach dem Abitur fürs Studium nach Berlin gezogen und seither lebe ich dort. Ich fahre gerne nach Unterfranken und besuche meine Eltern und Freunde – das Leben dort ist immer entschleunigend. Besonders im Sommer mache ich gerne Fahrradtouren, gehe fränkisch essen oder mit Freunden auf ein Weinfest. Unterfranken hat für mich also immer ein „Urlaubsfeeling“. Am 6. Juli erst hatte ich übrigens ein Konzert hier im Rahmen des Kissinger Sommers. Die Frage, ob ich mir vorstellen kann, wieder zurückzuziehen, würde ich gerne unbeantwortet lassen – ich habe hier keine klare Antwort. Berlin bedeutet für mich Freiheit, aber hin und wieder auch Überforderung.

Jacqueline Zschunke

Die Krankenschwester Jaqueline Zschunke besucht den Flohmarkt im Mauerpark am Prenzlauer Berg in Berlin. Foto: Daniel Peter

Ich komme aus Bad Kissingen und bin 2008 nach Berlin gezogen. Ich wollte einen Neuanfang in meinem Leben. Berlin bot sich da an: super Jobangebot plus neue Liebe. Fühlte sich alles richtig an. Heute? 39 Jahre, OP-Schwester, zwei Kinder. Berlin ist für mich eine super facettenreiche und lebendige City. Ich liebe das Multikulturelle, manchmal hab ich das Gefühl nicht unbedingt in Germany zu sein. Es ist eine besondere Art von Freiheit, die man hier fühlt. Am liebsten mag ich Flohmärkte und die absolute kulinarische Vielfalt, was das Essen in der Stadt betrifft. Ob ich mir vorstellen kann, nach Unterfranken zurückzukommen? Derzeit eher nicht. Aber alles ist offen ...

Anja Kullmann

Die Musikerin Anja Kullmann steh vor ihrem Laden "Kimu Haltestelle" in Berlin-Friedrichshain. Foto: Daniel Peter

Ich komme aus Bergtheim bei Würzburg und bin 2011 nach Berlin gezogen, da ich mich beruflich weiterentwickeln wollte. Neue Menschen kennenlernen, neue Denkweisen etc. Heute bin ich selbstständig mit meinem Unternehmen KiMu-Haltestelle, das Kurse für Eltern und Kinder anbietet – plus Mama eines fünfjährigen Sohnes. Berlin bedeutet für mich Freiheitsgefühl, aber auch Großstadtkampf. Berlin ist mittlerweile, nach acht Jahren, mein zu Hause geworden. Meine Heimat ist und bleibt aber Würzburg. Gerne komme ich unter dem Jahr mindestens drei-, viermal zu Besuch wegen Familie und Freunden. Ob ich wieder zurückziehe? Das weiß ich nicht. Wenn mich die Großstadt nervt, sag' ich das immer, jedes Jahr. Aber ich bin immer noch in Berlin.

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