Bloß nicht zu heftig atmen, zu schnell laufen, Luft aufwirbeln. Firmenchef Christian Scheuring hat die Tür zu jenem Raum geöffnet, in dem ein wenig Unterdruck herrscht und in dem ein Dutzend Frauen konzentriert bei der Arbeit sitzt. Die Blattgoldbeschneiderinnen.

Mit dünnen, langen Zangen aus Ebenholz greifen sie die hauchdünnen Quadrate, die sie mit dem zweischneidigen Messer, dem Beschneiderkarren, aus den hauchdünnen Bögen geschnitten haben. Und legen sie in kleine Papierhefte ein, die vor ihnen liegen. 25 Bögen je Büchlein. Fein säuberlich, passgenau, akkurat. Die Beschneiderinnen sind so flink, so geschwind - die Augen kommen beim Gucken, Staunen kaum mit.

Ein goldener Hauch von fast nichts zwischen Seidenpapier: Blattgold vor dem Beschneiden.  Foto: Thomas Obermeier
Mit dem Beschneiderkarren wird ein Quadrat aus dem hauchdünnen Blatt gestanzt. Foto: Thomas Obermeier
Mit viel Konzentration und Fingerspitzengefühl: "Eine ruhige Hand braucht man halt." Die Beschneiderinnen greifen das hauchdünne Blattgold mit einer Ebenholzzange und legen es in ein Goldbüchlein aus Seidenpapier. Foto: Thomas Obermeier

Acht auf acht Zentimeter messen die Quadrate, 1000 davon ergeben ein Gewicht von gerade mal 17 Gramm. Legt man 8000 Blatt aufeinander, misst der Stapel gerade einen Millimeter. Das Blattgold, das die Beschneiderinnen mit den dünnen Holzzangen so geschickt in die Seidenpapierhefte legen, ist so dünn, so zart, so empfindlich, dass es bei jeder Luftbewegung reißen kann. Einmal zu stark geatmet - und das gut anderthalb Euro wertvolle Quadratfetzchen Gold ist dahin.

"Eine Kunst, das Material zu händeln", sagt Christian Scheuring, der Chef der Goldschlägerei Eytzinger. Und erzählt nebenbei, dass sie hier inzwischen auch die Büchlein aus Seidenpapier herstellten. Weil es sonst dafür keine Lieferanten mehr gibt.

Die Goldschlägerei Eytzinger mit Sitz in Schwabach, im Mittelfränkischen kurz hinter Nürnberg, gehört zu der allerletzten, die das laute, staubige, schwierige Handwerk betreibt. Und zu den ältesten ihrer Art. "Wir sind alt, aber so alt wie eine Brauerei sind wir nicht", sagt Scheuring, ein Meister spitzer Ironie und feiner Pointen.

So fängt es an: rohes Gold. Foto: Thomas Obermeier

Seit 1867 gibt es die Firma Eytzinger in Schwabach, der Goldschlägerstadt. Es war eine von vielen Blattgoldschlägereien damals in Schwabach, in Mittelfranken. Über 200 waren es mal, noch 1930 gab es 120 Blattgoldschlägerein. Heute sind es im Prinzip nur noch zwei. "Und wir", Scheurings Stimme wird noch leiser, "sind die Einzigen, die noch ausschließlich in Deutschland fertigen. Das sagt alles."

"Wir sind die Einzigen, die noch ausschließlich in Deutschland fertigen", sagt der Geschäftsführer in dritter Generation, Christian Scheuring. Foto: Thomas Obermeier

Seit 1980 ist Scheuring im Unternehmen. Er hat es vom Großvater übernommen, während einer der vielen Krisen der Branche. 15 Betriebe gab es damals noch in der Goldschlägerstadt an der Rednitz. "Die alle gekämpft haben", sagt Scheuring. "Kriege sind sehr ungesund für das Geschäft." In Kriegen wird zu viel zerstört, in Krisen denkt niemand an Restaurierung.

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Aber die Eytzingers haben in Kriegszeiten und Krisen "was Neues erfunden" und geschaut, wie sich das geschlagene Gold sonst noch vermarkten lässt außer als Werkstoff für Vergolder. Vor gut einem Jahrzehnt zum Beispiel. Da gründete Eytzinger den Geschäftszweig "Goldgourmet" und wurde offiziell zum Lebensmittelhersteller. Seitdem können Köche in aller Welt ihre Steaks oder Sushi mit Blattgold aus Schwabach umhüllen. Seitdem kommt einmal im Jahr der Rabbiner und stellt das Koscher-Zertifikat aus. Seitdem bekommt der Besuch im Firmengebäude winzige goldene Quadrate auf den servierten Cappuccino gestreut. "Ein Stoff für die Seele", sagt Scheuring dann über das besondere Edelmetall, bevor er sachte im Kaffee mit den Goldflittern rührt. "Gold bringt im Menschen etwas zum Klingen."

Blattgoldflitter für das kleine Etwas im Kaffee. Foto: Thomas Obermeier

Der neueste Bereich: Goldkosmetik. "Gold hat positive Wirkung auf die Haut, das ist von Instituten nachgewiesen", sagt Scheuring nur. Und wenn man schon was Essbares produziere, wieso nicht auch äußerlich nutzen? Aber dass er heute auf Lebensmittel- und Kosmetikmessen fährt - der Firmenchef hebt die Augenbraue, um dem Satz Nachdruck zu verleihen: "Im Herzen und eigentlich sind wir Blattgoldhersteller!"

Also machen die 50 Mitarbeiter Blattgold. Blattgold und Blattsilber und Blätter aus Palladium und Platinmetallen. Blattgoldflocken, Rollengold und Pudergold. Blattgold von sechs bis 24 Karat, Blattgold in mehr als zwei Dutzend verschiedenen Farbtönen. Blattgold lose, Blattgold für Innenräume, Blattgold für Außenvergoldungen.

Erst einmal in den Ofen: Der Weg des fränkischen Blattgoldes beginnt im Schmelztiegel von Susanne Wegler. 

Foto: Thomas Obermeier
Glühend: Die Schmelztemperatur von Gold liegt bei über 1000 Grad. Foto: Thomas Obermeier

Mit dicken Handschuhen und schwerer Zange: Das flüssige Gold wird aus dem Schmelztiegel in eine Barrenform gegossen. Foto: Thomas Obermeier
Dünn wie eine Tafel Schokolade, 700 Gramm schwer und 20.000 Euro wert.  Foto: Thomas Obermeier
Der Barren auf dem Weg zum Blatt: Erst einmal kommt das Gold in die Walze. Foto: Thomas Obermeier
Schon dünner, aber noch lange nicht hauchdünn . . . Gut 15 Mal wird der Goldbarren durch die schweren Walzen gepresst - wie Nudelteig in der Nudelmaschine. Foto: Thomas Obermeier
Bis der Barren ein schmales Band ist: Susanne Wegler wickelt das Gold nach dem Walzen auf. Foto: Thomas Obermeier

"Glaube ist für uns ein ganz wichtiges Thema", sagt Christian Scheuring. Mit Blattgold von Eytzinger sind Ikonen und andere sakrale Kunstgegenstände, sind Kirchen und Moscheen in aller Welt vergoldet. "Sonst streiten sie über alles, beim Gold sind sich alle einig", sagt der Firmenchef über die Religionen. Und erzählt, dass man bei einem Großauftrag anderthalb Jahre lang Blattgold schlug mit unbekanntem Zweck. Als in Mekka dann das Royal Clock Tower Hotel eröffnete, der gigantische Wolkenkratzer direkt neben der Heiligen Moschee, war den Goldschlägern klar: Sie hatten das Gold für die weltgrößte Turmuhr geliefert.

"Wir sind stark exportabhängig", sagt der Firmenchef und rührt weiter im goldbestäubten Kaffee. "Wenn sich Putin, Trump und Erdogan streiten, gibt es keine Aufträge." Was Scheuring aber vielmehr umtreibt, was ihn ärgert: Dass bei großen Restaurierungen im Land das Blattgold aus heimischer Produktion missachtet und ignoriert wird. Die Staatsoper Unter den Linden in Berlin zum Beispiel- renoviert mit Imitationsgold aus China. 85 Prozent Kupfer, 15 Prozent Zink: "Das oxidiert nach ein paar Jahren. Frech zu behaupten, dass sie schön geworden ist", sagt Scheuring zornig in Richtung Bundesregierung. Wäre das Gold für die Oper echt und aus Schwabach gekommen - die geschätzt 340 000 Blätter hätten einen Rohwert von 400 000 Euro gehabt. Man sparte. Und Scheuring sagt: "Da wurde dem Handwerk die Türe vor der Nase zugeschlagen."

Wichtigstes Werkzeug der Goldschläger: der Hammer. Foto: Thomas Obermeier
Goldschlägermeister Werner Auer ist einer der Letzten, die das alte Handwerk beherrschen. Foto: Thomas Obermeier
Ein Schlag in die Mitte, zwei Schläge auf die Ecke. "Ich hab' scho' Angst, glauben's mers", sagt Werner Auer und hält mit den Fingern das Päckchen fest. Ständig muss es gedreht werden, damit das Gold darin gleichmäßig dünn wird. Foto: Thomas Obermeier
Das Schlagen übernehmen inzwischen Maschinen - im supergedämmten Raum, weil das Hämmern so laut ist. Foto: Thomas Obermeier

Man brauche Aufträge und Arbeit, sonst gingen Fertigkeiten und Wissen verloren. "Wer soll in 30, in 50 Jahren restaurieren? Eines Tages muss Neuschwanstein neu vergoldet werden, aber es gibt keinen Blattgoldhersteller mehr."Aber noch wird hier in Schwabach im Glühofen Gold geschmolzen, zu kleinen, 700 Gramm schweren Barren gegossen und dann so lange gewalzt und gerollt und schließlich von zwei Riesenhammer-Maschinen zwischen Ziegenpergament geschlagen, bis es nur noch hauchfeine 0,000125 Millimeter dünn ist. Ein güldener Hauch von fast nichts . . . . . . den die Blattgoldbeschneiderinnen zwischen das Seidenpapier zaubern.

Besuch in der Blattgoldschlägerei Eytzinger: Die Goldschlägerei produziert in Schwabach Blattgold seit 1867.  Foto: Thomas Obermeier

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