Wenn man wissen will, wie Michael Nätscher macht, was er macht, kann man ihn bitten, zu erklären und zu erzählen. Denn Nätscher erzählt gerne und gut. „Man kann es drehen und wenden wie man will: Beim Drechseln dreht sich alles um die Form“, sagt Nätscher dann. Oder: „Einmal zu heftig angesetzt, und das Ding kann in den Ofen.“ Oder: „Draufdrechseln hab' ich nicht gelernt. Wenn es einmal weg ist, ist es weg.“

Der Drechsler Michael Nätscher in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart. 
Der Drechsler Michael Nätscher in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart.  Foto: Daniel Peter

Und dann nimmt Nätscher ein Stück Holz, das er in der Mache hatte, in die Hände. Dreht und wendet das Tischbein, wendet und dreht die kleine Säule. Und erzählt dabei, wie der Opa einst in Köln die Drechslerwerkstatt gegründet hat, wie er dann acht mal ausgebombt wurde. . .

Er erzählt, warum er Palisanderholz so sehr liebt, warum Ebenholz zwar wunderschön ist, aber nicht schön ist beim Drechseln. . . warum er als Drechsler Perfektionist sein muss und unfassbar viel Geduld braucht. . . warum das Augenmaß so wichtig ist und . . . warum die Hände auch Augen sind . . . Michael Nätscher kann stundenlang erzählen auf direkte und ungedrechselte Art. Und man kann ihm stundenlang zuhören, ohne dass es irgendwie langweilig würde.

Der Drechsler Michael Nätscher arbeitet am Mittwoch (20.03.19) in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart. Nätscher ist einer der letzten seiner Zunft, computergesteuerte Präszisionsfräsen haben weite Bereiche der manuellen Drechslerei ersetzt.
Der Drechsler Michael Nätscher arbeitet am Mittwoch (20.03.19) in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart. Nätscher ist einer der letzten seiner Zunft, computergesteuerte Präszisionsfräsen haben weite Bereiche der manuellen Drechslerei ersetzt. Foto: Daniel Peter

Wenn man wissen will, wie er macht, was er macht, kann man ihm in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart aber einfach auch nur zusehen. Der 61-Jährige hat ein weinkistengroßes Stück Nussbaumholz aus seiner Scheune hinter der Werkstatt geholt und in die alte Maschine eingespannt. Dann knüpft er erst einmal seinen blauen Kittel zu bis weit unters Kinn – „muss sein, sonst hat man hinterher die Unterhose voll“.

Video

Dann wirft er den Motor an, der Transmissionsriemen setzt sich in Bewegung, Nätscher nimmt ein langes Stück Eisen, hält es ans Holz und . . . Späne spratzen, Späne fliegen, Späne locken, drehen, winden sich. Eine halbe Stunde später steht der Drechsler hüfthoch in einem einzigen riesigen Spänegebirge. Und auf der Werkbank liegt glatt und glänzend ein überdimensionales Osterei.

Auf dem Weg zum Riesenosterei aus einem Stück Nussbaumholz . . .
Auf dem Weg zum Riesenosterei aus einem Stück Nussbaumholz . . . Foto: Daniel Peter
. .  . nach wenigen Minuten ist der Klotz schon oval.
. .  . nach wenigen Minuten ist der Klotz schon oval. Foto: Daniel Peter

Was Nätscher macht, machen nicht mehr viele in Deutschland. Drehteile zu fertigen, wenige Zentimeter kleine bis fast acht Meter lange. In höchster Präzision. Vor allem aber: von Hand. So wie Großvater Jakob vor just 100 Jahren. Den Drechslermeister, 1880 in Wombach bei Lohr geboren, hatte es während der Walz ins Rheinland verschlagen. In Köln eröffnete er 1919 eine eigene Werkstatt und drehte Haushaltswaren, Kunsthandwerkliches, Stücke für den Bau. „Und bis zu drei Meter Durchmesser große Schwungräder“, sagt Michael Nätscher. „Für Dampfmaschinen.“

Der Drechsler Michael Nätscher arbeitet am Mittwoch (20.03.19) in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart. Nätscher ist einer der letzten seiner Zunft, computergesteuerte Präszisionsfräsen haben weite Bereiche der manuellen Drechslerei ersetzt.
Der Drechsler Michael Nätscher arbeitet am Mittwoch (20.03.19) in seiner Werkstatt in Neuhütten im Spessart. Nätscher ist einer der letzten seiner Zunft, computergesteuerte Präszisionsfräsen haben weite Bereiche der manuellen Drechslerei ersetzt. Foto: Daniel Peter

Großvater Nätscher drechselte in Köln bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Dann hatte er – acht Mal ausgebombt, sieben Mal neu begonnen – dort keine Lust mehr. Mit seiner Familie kam er nach Wombach zurück und baute dort mit Sohn Leo die Drechslerei wieder auf. „Unter äußerst beschwerlichen Umständen“, wie der Enkel sagt. Als der Firmengründer 1963 starb, übernahm Leo Nätscher den Betrieb, drechselte mit einem Dutzend Mitarbeitern gedrehte Rückwände für Thermometer, Barometer und Wetterstationen. Bis durch die billige Massenherstellung im Ausland die Artikel aus dem Spessart nicht mehr konkurrenzfähig waren. Und in Lohr die Industrie dringend Arbeitskräfte suchte – und besser zahlte.

Michael Nätscher ist einer der letzten seiner Zunft, anderswo haben computergesteuerte Präszisionsfräsen weite Bereiche der manuellen Drechslerei ersetzt.
Michael Nätscher ist einer der letzten seiner Zunft, anderswo haben computergesteuerte Präszisionsfräsen weite Bereiche der manuellen Drechslerei ersetzt. Foto: Daniel Peter

Übrig blieb ein reiner Familienbetrieb. Den übernahm – „ich bin nicht gefragt worden“ – in dritter Generation 1985 Michael Nätscher. Weil die Werkstatt in Wombach viel zu groß geworden war, nahm er die alten Maschinen, die der Großvater noch zu Kaisers Zeiten erworben hatte, und zog nach Neuhütten in einen alten, sanierungsbedürftigen Hof. Und seitdem drechselt Michael Nätscher dort. Einzelstücke, für die ein CNC-Dreher den Computer nicht einschalten würde. Sonderanfertigungen, die Architekten bestellen. Sockel, Geländer oder Kerzenständer, die beim Restaurieren in Schlössern oder Kirchen ersetzt werden müssen.

Eisen und Stahl: Werkzeug des Drechslers. Die Holzgriffe natürlich aus eigener Produktion.
Eisen und Stahl: Werkzeug des Drechslers. Die Holzgriffe natürlich aus eigener Produktion. Foto: Daniel Peter

„Wenn Sie ein rundes Problem in Holz haben, dann löse ich es“, sagt Michael Nätscher und streicht übers riesige Osterei. „Am schönsten ist der europäische Nussbaum.“ Überhaupt mag der Drechsler Obstbaumholz gern. Oder Esche – „die dreht sich angenehm und weil's gut riecht“. Exotische Hölzer dagegen „stinken wie Sau“, wenn die Späne fliegen. Und Ebenholz? Nätscher verzieht das Gesicht: „Wie Katzenscheiße.“

Michael Nätschers Meisterstück: eine Holzkette, gedrechselt aus einem einzigen Stück Holz. 
Michael Nätschers Meisterstück: eine Holzkette, gedrechselt aus einem einzigen Stück Holz.  Foto: Daniel Peter
Kleine Kugeln, kleine Döschen: Michael Nätscher drechselt nicht nur Großes.
Kleine Kugeln, kleine Döschen: Michael Nätscher drechselt nicht nur Großes. Foto: Daniel Peter
Gedrechselte Klassiker: Säulen, Pfosten, Geländerstangen. 
Gedrechselte Klassiker: Säulen, Pfosten, Geländerstangen.  Foto: Daniel Peter
Abfallprodukt fürs Verheizen: Späne und Holzlocken.
Abfallprodukt fürs Verheizen: Späne und Holzlocken. Foto: Daniel Peter

Aber wenn's der Kunde wünscht, drechselt der 61-Jährige alles. Kugeln. Eier. Drehstäbe. Eckiges. Griffstangen. Eheringe aus Palisander. Holzdöschen. Siebeneinhalbmeter-Säulen. Ein drei Meter langes Nudelholz als Hingucker für eine Bäckerei. Manchmal kommen Innenarchitekten oder Künstler mit exakten Vorgaben. Manchmal kommt jemand und sagt, „machen sie's halt schön“. Gerade hat ihm jemand ein Hirschgeweih gebracht, weil er zur gestrickten Jacke von der Oma gedrechselte Hornknöpfe haben will.

„In Rente gehen? Nichts tun? Ich werd' bestimmt bis 70 Sachen drehen, an denen ich Spaß hab.“

„In Rente gehen? Nichts tun? Ich werd' bestimmt bis 70 Sachen drehen, an denen ich Spaß hab.“
Foto: Daniel Peter

Die schönsten Stücke, die spannendsten Aufträge postet der Meister der alten Handwerkskunst – „ja selbstverständlich!“ – auf Facebook und Instagram. Es könne schon sein, „dass man einen Auftrag annimmt und man weiß noch gar nicht, wie man's macht.“ Aber Probleme seien ja „nicht da, um mich zu ärgern“, sagt Nätscher und kehrt die Spanlocken zur Seite. „Sondern um Lösungen zu finden.“ 

Gerettet aus Opas ausgebombter Kölner Werkstatt: der gerahmte Leitspruch - „Jeder ist anders närrisch!“
Gerettet aus Opas ausgebombter Kölner Werkstatt: der gerahmte Leitspruch - „Jeder ist anders närrisch!“
Foto: Daniel Peter

Der Autor

Kommentare

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!