Corona hat vieles verändert: wie wir miteinander umgehen, wie nah wir uns sind, wie wir arbeiten – und wie wir studieren. Die einen wurden von der Universität in Präsenz nach Hause geschleudert und aus dem Hörsaal ins Homeoffice geschickt. Die anderen haben das Studieren bis heute nicht anders kennengelernt als digital. Unsere Fotografin hat Studierende aus Würzburg besucht und festgehalten, wie sie die Corona-Semester erlebt haben.

Anna Lükewille, 22, Medizin im 6. Semester

„In meinem Studium gibt es noch einen kleinen Präsenzanteil, der Rest wird durch ein Selbststudium zu Hause ausgeglichen. Das erfordert eine hohe Selbstdisziplin und eine Struktur und Routine, die man sich selbst aufbauen muss. Ich finde es herausfordernd, sich zu Hause nicht ablenken zu lassen. Außerdem fällt für mich der Ausgleich durch das Tanzen im Tanzraum, das Weggehen am Wochenende oder fehlende Besuche in Museen oder anderer kultureller Veranstaltungen im Cairo oder Studentenhaus weg – das finde ich super frustrierend.

Aber an sich lerne ich recht gerne selbstständig und finde es daher gar nicht so schlecht, nicht so viel Zeit in der Uni verbringen zu müssen. Ich habe auch das Gefühl, dass auf die besonderen Umstände, das Zu-Hause-Lernen und die emotionale Belastung nicht wirklich Rücksicht genommen wird. Von uns Studierenden wird trotzdem viel erwartet und der Stoff nicht eingegrenzt. Mir scheint es, als wäre das Pensum sogar höher. Von den Lehrenden wird nicht kommuniziert, dass es okay ist, unter den aktuellen Umständen langsamer zu machen oder einfach nicht alles zu schaffen.

Ich habe mein Physikum – das Erste Staatsexamen – während Corona abgelegt und das wurde auch nicht an die erschwerten Umstände angepasst. Ich hatte keine Möglichkeit, in der Uni zu lernen, an Prüfungsmodellen zu üben, Lehrmaterialien einzusehen oder den praktischen Teil der Prüfung mit Präparaten und Mikroskopen zu üben.“

Mark Balint, 25, Architektur im Master
Mark Balint, 25, Architektur im Master Foto: Ivana Biscan
Mark Balint, 25, Architektur im Master

„Ich studiere eigentlich in Münster, aber bin zum Schreiben meiner Masterarbeit nach Würzburg gekommen. Mein Master wird ein Buch mit dem Titel ,Raumbeschleuniger', das sich mit der Transformation (öffentlicher) Räume beschäftigt. Dabei hat Corona mir tatsächlich in die Karten gespielt, da sich auf meiner Suche nach Arbeitsplätzen im Freien viele Schwachstellen im öffentlichen Raum herausgestellt haben.

So ist zum Beispiel der Berliner Ring eine offizielle Parkfläche, zu der es keinen Zugang gibt. Eine Aktion im Zuge meiner Masterarbeit war es, zwei Plastikstühle auf die schöne Verkehrsinsel zu stellen. Ich war oft hier, um zu lesen oder mir Gedanken darüber zu machen, was ich schreiben will. Schwierig fand ich während Corona, dass die räumliche Trennung, die durch den Weg zum Arbeitsplatz entsteht, komplett wegfällt. Anfangs habe ich noch versucht, mich selbst zu verarschen, indem ich durch einen Spaziergang den Weg zum Arbeitsplatz inszeniert habe. Aber ich habe dann schnell angefangen, mir draußen andere Orte zu suchen.

Ich glaube, dass in meinem Studiengang der ungeplante Austausch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen super wichtig ist, da wir kontinuierlich über das Semester an Projekten arbeiten und man sich über die Fortschritte austauschen kann. Positiv finde ich, dass ich zwar nicht mehr mit so vielen fachspezifischen Menschen im Austausch bin, dafür aber enger als zuvor mit den Leuten, mit denen ich ohnehin zu tun habe – wie etwa in meiner WG. Ich habe mehr darüber geredet, womit sie sich in ihren Studiengängen beschäftigen und mich nicht nur über Architektur ausgetauscht.“

Jana Braun, 22, Kommunikationsdesign im 6. Semester
Jana Braun, 22, Kommunikationsdesign im 6. Semester Foto: Ivana Biscan
Jana Braun, 22, Kommunikationsdesign im 6. Semester

„Anfangs fand ich das Online-Studium gar nicht so schlimm. Ich habe mir im Studium weniger Stress gemacht – unter anderem weil ich mich nicht so sehr mit den anderen verglichen habe und die angespannte Stimmung vor den Abgaben mich nicht angesteckt hat. Mit meinen Ergebnissen war ich auch genauso zufrieden wie davor.

Außerdem tanze ich Hip Hop und es wurden viele Online-Tanzklassen angeboten, von Tanzlehrern, bei denen ich sonst niemals eine Stunde hätte nehmen können. In Sachen Tanz habe ich auch davon profitiert, dass ich mein Praxissemester in Berlin gemacht habe und jetzt immer noch dort bleiben kann, da mein Studium gerade nicht ortsgebunden ist. Hier gibt es teilweise auch Tanzklassen in Präsenz und viele starke Tänzerinnen und Tänzer im Bereich Hip Hop, House und Contemporary, von denen man lernen kann. In Berlin habe ich auch wieder eine neue Tanzcrew, was sehr schön für mich ist.

Gleichzeitig hätte ich aber auch gern mein normales Studium zurück. Ich habe mich zwar mittlerweile ans Homeoffice gewöhnt und die Zeit der Stubenkoller ist durch den Ausgleich, den ich durchs Tanzen bekomme, auch vorbei, aber so langsam fehlt mir der Austausch. Ich gewinne durch den Kontakt zu anderen aus meinem Studium so viel Energie zum kreativen Arbeiten und das fällt gerade weg. Ich denke, gerade in meinem Studiengang ist es super wichtig, sich auszutauschen, gegenseitig zu inspirieren, anderen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und sich gegenseitig helfen zu können.“

Rudi Goschler, 24, Sonderpädagogik im 8. Semester
Rudi Goschler, 24, Sonderpädagogik im 8. Semester Foto: Ivana Biscan
Rudi Goschler, 24, Sonderpädagogik im 8. Semester

„Ich hatte im letzten Jahr – glaube ich – relativ viel Glück. Ich habe die ganze Zeit so viel Negatives gehört und mir gedacht, dass ich mich auf die positiven Dinge im Leben konzentrieren muss. Dabei habe ich sehr viel über mich selbst herausgefunden. Hinzu kommt: ich hatte auch großes Glück mit meinem sozialen Umfeld. Ich habe eine tolle Freundin, meinen Freund Jakob und eine tolle Familie und wir haben uns alle gegenseitig hochgezogen.

Ich bin immer super gern in die Uni gegangen, als es noch ging – genau wie früher in die Schule. Ich fand es toll, meine Freunde und Kommilitonen zu sehen und das fällt gerade alles weg. Aber ich fand es auch spannend, neue Dinge für mich und die dazugewonnene Zeit zu finden. Ich bin seit Corona viel mehr joggen gegangen, weil es ein guter Ausgleich zum Selbststudium drinnen war. Man kann es mit anderen machen und es hat mir einfach gute Laune gemacht. Nach dem Joggen habe ich einen freien Kopf und kann gut Entscheidungen treffen.

Jakob und ich haben in den letzten drei Semestern vermutlich mehr zusammen Uni gemacht als jeder von uns allein. Wir haben teilweise sogar zusammen Hausarbeiten geschrieben. Wir konnten uns einfach super gegenseitig motivieren und so hat die Uni auch Spaß gemacht. Aber ich verstehe auf jeden Fall, dass das für viele ein ganz schlimmes Jahr war und ich glaube, da muss man auch sehr einfühlsam sein. Ich hatte einfach viel Glück – aber das hätte auch ganz anders laufen können.“

Jakob Kazmaier, 25, Sonderpädagogik im 8. Semester
Jakob Kazmaier, 25, Sonderpädagogik im 8. Semester Foto: Ivana Biscan
Jakob Kazmaier, 25, Sonderpädagogik im 8. Semester

„Vor Corona war ich definitiv ein Uni-Gänger, ich habe echt alles dort gemacht: Ich bin in die Vorlesungen gegangen, habe in der Bibliothek gelernt und mich in der Mensa mit anderen ausgetauscht. Als das Online-Studium losging, hat sich erst einmal alles geärgert. Aber nach etwas Eingewöhnungszeit finde ich es mittlerweile super, wie es ist. Man kann wirklich was draus machen!

Es gibt auch Vorteile und Freiheiten, wie, dass man arbeiten kann, wo man will. Zum Beispiel lerne ich jetzt viel auf meinem Balkon. Auch Bücher auszuleihen ist jetzt entspannter. Aber das Zusammenkommen in der Mensa vermisse ich immer noch. Als Ausgleich zum Online-Studium mache ich viel mehr Outdoorsport wie Joggen und Rennradfahren. Ich finde es wichtig, auch mal das Haus zu verlassen und mal etwas zu erleben. Sport kann man ja auch mit anderen machen. Auch meine Arbeit als Gärtner neben dem Studium ist ein guter Ausgleich. Da bin ich draußen und habe Kontakt zu meinen Arbeitskollegen.

Insgesamt hat sich viel verändert, aber ich sehe das auch als Chance, da man kreative Antworten auf diese Veränderungen finden musste. Das meiste fürs Studium habe ich in den letzten Semestern mit Rudi gemacht: Wir haben zusammen gelernt und Vorlesungen angeschaut. Und wir haben die To-go-Option der Mensa genutzt. Ich bin super dankbar, dass wir uns gegenseitig in der Corona-Zeit hatten.

Anna Schärmann, 19, Grundschullehramt im 2. Semester
Anna Schärmann, 19, Grundschullehramt im 2. Semester Foto: Ivana Biscan
Anna Schärmann, 19, Grundschullehramt im 2. Semester

„Ich war vor meinem Studium ein Jahr in Wien und habe dann abgewägt, ob ich dort oder in einer anderen Stadt studieren sollte. Aber durch Corona wäre das Pendeln in die Heimat und auch das Aufbauen neuer Kontakte sicher schwierig gewesen, weshalb ich dann im Herbst 2020 mein Studium in Würzburg begonnen habe. Die ersten zwei Monate meines Studiums habe ich bei meinen Eltern auf dem Land verbracht. Und das, obwohl ich eine WG in Würzburg hatte. Aber dort ist mir einfach die Decke auf den Kopf gefallen.

Bei meinen Eltern hatte ich allerdings gar nicht das Gefühl eine Würzburger Studentin zu sein, sondern als würde ich einfach nur irgendwelche Kurse machen, die standortunabhängig sind. Präsenz-Unterricht hatte ich überhaupt nicht. Erst im Februar – kurz vor meinen Klausuren – habe ich das erste Mal mit anderen Studentinnen und Studenten in einer kleinen Lerngruppe über das Studium geredet und mich mit ihnen ausgetauscht – das Ganze wurde also endlich mal realer.

Ansonsten war ich super froh über meinen Job im Cafe Vollmund, da er für mich während der Corona-Pandemie ein Stück Normalität dargestellt und es mir einfach gutgetan hat, dort zu sein. Die aktuelle Situation geht schon stark an die Psyche und daher gestehe ich mir gerade auch in Bezug aufs Studium mein eigenes Tempo zu und bin zum Ausgleich oft hier im Café und backe den ganzen Tag.“

Benedikt Zöller, 20, Kommunikationsdesign im 2. Semester
Benedikt Zöller, 20, Kommunikationsdesign im 2. Semester Foto: Ivana Biscan
Benedikt Zöller, 20, Kommunikationsdesign im 2. Semester

„Mein Studium hat im letzten Wintersemester und somit schon während Corona begonnen. Anfangs gab es noch ein paar Präsenzveranstaltungen. Für diese mussten wir mitten im Winter vor der FH warten, bis wir abgeholt wurden, dann wurden wir auch direkt wieder rausgeworfen – ich habe also den richtigen FH-Alltag nie erlebt, es ging schnell ins Online-Studium über. Ich habe mich aber zum Glück mit ein paar Kommilitonen angefreundet, mit denen ich mich hin und wieder treffen und über das Studium austauschen kann.

Dennoch finde ich es schwierig, die meiste Zeit über alleine vorm PC zu sitzen und kreativ arbeiten zu müssen. Ich finde es viel schwerer, wenn ich mich nicht austauschen kann und man sich nicht gegenseitig helfen kann – auch bei technischen Fragen. Gerade kann ich nicht einfach jemanden fragen, ob er mir mit meinem Problem bei Photoshop helfen kann, sondern muss erst ewig lang Youtube-Tutorials durchforsten. Ich glaube, man braucht gerade doppelt so viel Zeit und Motivation als ohne Corona.

In mein jetziges Zimmer bin ich kurz nach Studienbeginn gezogen und mir war gleich klar, dass ich es gemütlich einrichten muss, weil ich hier die meiste Zeit verbringen werde. Also habe ich viel Energie in die Gestaltung gesteckt und halte es auch sehr ordentlich, weil ich nicht arbeiten kann, wenn es um mich herum chaotisch ist. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich in eine WG gezogen bin und mit meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern Kontakt habe – ansonsten würde ich total vereinsamen.“

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