ASCHAFFENBURG

Exklusiv-Interview mit Urban Priol: Wie es mit seiner Anstalt weitergeht

Urban Priols "Neues aus der Anstalt" ist mit im Schnitt gut drei Millionen Zuschauern die erfolgreichste Kabarettsendung im Fernsehen. Sein Partner Georg Schramm ist soeben nach dreieinhalb Jahren ausgestiegen, 3,51 Millionen sahen vorigen Dienstag im ZDF die letzte gemeinsame Sendung. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Aschaffenburger Priol darüber, was aus seiner "Anstalt" wird.
Urban Priol: „Ich muss einen Westerwelle nicht ernst nehmen.“
Foto: Norbert Schwarzott | Urban Priol: „Ich muss einen Westerwelle nicht ernst nehmen.“

Frage: Wie geht's denn nun, nach dem überraschenden Ausstieg von Georg Schramm, mit der „Anstalt“ weiter?

Urban Priol: Wäre ich Politiker, würde ich sagen: Wir sondieren jetzt in aller Ruhe in der Sommerpause. Und dann schauen wir mal (lacht).

Sie sind aber kein Politiker.

Priol: Ich werde natürlich alles tun, damit wir dieses Format mit diesen wahnsinnigen Spiel- und Gestaltungsmöglichkeiten beibehalten.

Georg Schramm hat den ARD-„Scheibenwischer“ im Streit verlassen, bevor Sie gemeinsam in die „Anstalt“ gingen. Hatten Sie nun auch Knatsch mit ihm?

Priol: Nein. Überhaupt nicht. Es waren rein persönliche Gründe von Georg. Er hat gesagt, er kann beides, Sendung und Bühne, nicht mehr machen. Er ist ja zwölf Jahre älter als ich. Die Sendung erfordert viel Kraft, und die Bühne aufgeben wollte er nicht, was ich auch sehr gut verstehen kann. Natürlich war ich auch enttäuscht. Ich hätte sehr gerne mit ihm weitergemacht.

Gibt es schon Ersatz?

Priol: Man kann Georg weder ersetzen noch kopieren. Ich werde versuchen, dass wir das auf mehrere Schultern verteilen. Klar ist nur: Ich mache nur weiter, wenn ich wieder einen Partner zur Seite habe. Diese Spielmöglichkeiten müssen erhalten bleiben.

Sie haben – nicht nur in der „Anstalt“ – auch immer gegen Horst Köhler gewettert. Sie haben Ihr erklärtes Ziel erreicht, Glückwunsch. Er ist nicht mehr Bundespräsident.

Priol: Ja, aber das kann noch nicht alles sein. Es fehlt ja noch die Chefin.

Beim Volk war Köhler doch recht beliebt. Was hatten Sie denn gegen ihn?

Priol: Der falsche Mann auf dem falschen Posten, der auch dazu beigetragen hat, dass das Volk sediert werden sollte. Denkanstöße hat er nicht gegeben. Mal ein Fohlen getauft, okay, ja. Aber dafür brauchen wir das Amt wirklich nicht. Ich bin schon lange der Meinung, dass dies nur ein Kostenposten ist, den man wirklich einsparen kann. Jetzt füttern wir vier durch, mit Büro, Sekretärin, Leibwächtern, Fahrern, alle drei Jahre ein neues Auto . . . Sie dürfen diese Vergünstigungen ja neben dem Gehalt lebenslang behalten. Da wäre ich auch gern mal Bundespräsident.

Hätten Sie vergangenen Herbst gedacht, dass das Bild der schwarz-gelben Regierung nach einem dreiviertel Jahr derart katastrophal ausfällt?

Priol: Nein. Niemals. Ich glaube, es hat viele überrascht, auch in unserer Zunft. Es haben alle gewusst: Die werden nicht die großen Dinger reißen. Aber dass sich eine selbst ernannte bürgerliche Mehrheit innerhalb weniger Monate derart zerfleischt und es so offenbar macht, dass sie nichts, aber auch gar nichts auf der Pfanne haben . . . Das zu beobachten, ist einerseits natürlich für das Land sehr unschön. Aber es macht mir einen Heidenspaß.

Was sagt es denn aus, wenn der Außenminister, traditionell der mit Abstand beliebteste Politiker der Republik, nun der mit Abstand unbeliebteste ist?

Priol: Das ist ein Irrsinn. Auf der anderen Seite: Wenn man sich Westerwelle anguckt, ist es nur konsequent. Schlimm genug, dass wir von ihm im Ausland vertreten werden.

Man hätte erwarten können, dass er sich hineinfindet ins Amt . . .

Priol: Er ist verbohrt, und er hat eine Geisteshaltung, die weit in die 50er Jahre zurückreicht. Das fängt schon beim Wortschatz an, als er am Wahlabend gesagt hat: „Jetzt müssen wir uns alle auf den Hosenboden setzen.“ Der ist so alt wie ich und benutzt noch solche Formeln . . . Auf den Hosenboden setzen . . . Irgendwann hängt er noch ein „Pardauz“ hintendran! Bei ihm fällt mir immer nur ein: Schockschwerenot! Das wäre ein Ausdruck für ihn. Der sieht Umfragewerte der FDP und sagt als Erstes: Schockschwerenot. So etwas kannst Du nicht ernst nehmen.

'tschuldigung, Sie müssen ihn ernst nehmen: Er ist auch Ihr Außenminister.

Priol: Nein! Nein! Nein! Ich muss einen Westerwelle nicht ernst nehmen. Jetzt sagen ja viele: Es sind nur noch 24 Prozent, die mit ihm einverstanden sind. Ich sage: Um Himmels Willen! Das muss Ansporn sein weiterzukämpfen. Wer sind die 24 Prozent, die einem Würstchen wie Westerwelle immer noch was zutrauen?

Hält die Koalition bis 2013?

Priol: Ich rechne eigentlich stündlich mit dem Ende. Ich hoffe mal, spätestens am 30. 6., wenn der Nachfolger von Köhler gewählt wird, ist Feierabend. Wir haben natürlich jetzt das Pech, dass durch den Traumstart unserer Fußballer bei der WM alles überlagert wird. Das ist natürlich auch wieder geschickt: Bei jedem Torjubel der deutschen Mannschaft wird uns irgendeine Sauerei aus dem Sparpaket untergejubelt.

Sie glauben, der Termin der Verkündung des Sparpakets war Berechnung?

Priol: Selbstverständlich. War ja vor vier Jahren bei der WM, beim Sommermärchen, auch so. Da haben sie doch auch die Pendlerpauschale und mehr einkassiert. Und so wird es auch diesmal laufen. Das wirklich Schlimme aber ist: Man merkt doch allen an mittlerweile, dass sie gar keine Lust mehr haben am Regieren und am Gestalten, was sie immer so groß wollten, die Gestalten.

Themen & Autoren
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (2)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!