WÜRZBURG

Gemeinschaftsunterkunft: Schlimme Kindheit im Lager

Das Leben im Flüchtlingslager kann man eine Zeit lang aushalten. Aber nicht über Jahre. Besonders schlimm ergeht es Kindern - so auch in der Unterkunft in Würzburg. Die Wohlfahrtsverbände in Bayern fordern in einer gemeinsamen Erklärung neue Standards für die Unterbringung der Flüchtlinge


...hygienische Missstände (zahlreiche Bewohner teilen sich Toilette und Bad), Lärmbelastung, die große Enge (bis zu fünf einander fremde Männer in einem Zimmer, 57 Quadratmeter Wohnraum für eine neunköpfige Familie) und die Kälte in den Räumen (viele Blasenentzündungen und Atemweginfekte). Viele Insassen leiden Stich zufolge unter depressiven Erkrankungen.

Manche Kinder sind in die GU hineingeboren, einige verbringen hier die längste Zeit ihrer Kindheit. Sie dürfen zwar den Kindergarten oder die Schule besuchen. Aber sie finden keine konzentrierte Umgebung zum Hausaufgaben machen und können kaum Freunde mit nach Hause bringen. Sie leben in einer verkleinerten Welt, dürfen wie ihre Eltern die Stadt nicht verlassen, bekommen die Eruptionen von Gewalt in der GU hautnah mit und erlernen Gewalt als Überlebensstrategie. Und immer wieder, so das Missio, werden Kinder Opfer von sexualisierten Übergriffen und anderer Gewalt. Eva-Peter vom Ökumenischen Asyl-Arbeitskreis berichtet von Kindern, die zusammenzucken, wenn sie ein Martinshorn hören; sie fürchteten die Abschiebung. Peter fragt: „Wie können Kinder unter diesen Bedingungen Vertrauen entwickeln in die Zukunft? Das ist an der Grenze zur psychischen Tortur.“

Frau S., die Roma, die sich in ihrer Verzweiflung selbst verletzt, hat vier Kinder, die mit ihr in der GU wohnen. Das Missio diagnostiziert bei allen vieren vermehrte Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, Wurmbefall „und im Vergleich zu Kindern, die nicht in der GU leben, gehäufte Virusinfekte“. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni-Klinik stellte zudem fest: Gefühle und Sozialverhalten des zehnjährigen Sohnes seien gestört, als Folge gewalttätiger Konflikte in der GU. Auch seine drei Geschwister seien in physisch-psychischen Nöten, mit gestörter körperlicher und sprachlicher Entwicklung. Alle vier Kinder der kranken Frau S. besuchen einen Förderkindergarten oder die Förderschule.

März 2005: mit Bobbycar auf dem Hof.
| März 2005: mit Bobbycar auf dem Hof.
Dem Würzburger Rechtsanwalt Michael Koch kommt die Contenance abhanden, wenn er über die Regierung von Unterfranken spricht. Sie agiere „wider besseres Wissen der Ärzte“. Da ist das Attest einer Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, betreffend vier der fünf Kinder der Flüchtlingsfamilie K., die auf 54 Quadratmetern in der GU in Kitzingen lebt. Die achtjährige Tochter kam mit Trisomie 21 (im Volksmund Mongolismus) auf die Welt; ihre Entwicklung sei gestört, sie sei anfällig für Infekte. Ihre drei- und einjährigen Geschwister leiden unter Asthma bronchiale. Die Ärztin befand im Juli des vergangenen Jahres: „Außer der räumlichen Enge ist die Wohnung kalt, feucht und von Schimmelpilz befallen.“ Sie halte die baldige Zuweisung einer größeren Wohnung „für dringend notwendig, um weitere Gesundheitsrisiken zu verhindern“.

Koch vertritt die Familie; er beantragte bei der Regierung ihren Umzug. Bald wurden wichtige Unterlagen vermisst; sie tauchten wieder auf, als Koch eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichte. Die Regierung stellte eine Genehmigung des Auszugs für den Fall in Aussicht, dass die siebenköpfige Familie ihren Unterhalt alleine aufbringt. Nach langem Hin und Her entdeckte die Behörde, dass...

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