Girlan

Interview mit Cacau: „Ich will ein Vorbild sein“

Der gläubige Nationalstürmer über Jesus und die Bibel, Ausländer in Deutschland, die Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika und seine Abneigung gegen Lügen.
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Cacau versprüht gute Laune. Auch wenn nach den jüngsten Verletzungen von Christian Träsch und Heiko Westermann im deutschen Trainingslager in Südtirol die Stimmung gerade etwas gesunken ist, der Stürmer des VfB Stuttgart lässt sich nicht anstecken.

Der 29-Jährige, Vater zweier Kinder, hat stets ein Lächeln auf den Lippen. Zum Interview auf die Terrasse des Mannschaftshotels in Girlan kommt Cacau leger in kurzen Hosen, und dann spricht der Nationalstürmer fast eine halbe Stunde über seinen Glauben, über Jesus und über Ausländer in Deutschland: „Sie sollten die Sprache lernen und sich mit dem Land identifizieren. Dann bietet Deutschland eine einmalige Chance.“

Frage: Herr Cacau, lassen Sie uns zunächst über Gott sprechen. Würden Sie heute hier bei der Nationalmannschaft sitzen, wenn es ihn für Sie nicht geben würde?

Cacau: Er hat mir geholfen, die richtige Einstellung zu finden, um schwierige Situationen zu bestehen. Er hat mir Kraft und Freude geben. Ohne Gott hätte ich viele Probleme nicht überstanden.

Der Stürmer Cacao.
Foto: Imago | Der Stürmer Cacao.
Welche zum Beispiel?

Cacau: Vor allem beim VfB Stuttgart hatte ich eine Zeit, in der es nicht gut lief. Bevor wir Meister geworden sind, hat der VfB mir gesagt, dass ich mir einen neuen Verein suchen muss, weil es keinen Platz mehr für mich gibt. Ich hatte die Möglichkeit, nach Bochum zu gehen oder nach Kaiserslautern in die Zweite Liga. Aber ich habe mir gesagt: Nein, ich bleibe hier und setze mich durch. Diese Kraft hat Gott mir gegeben.

Sie hatten keine leichte Jugend in Brasilien. Gab es ein einschneidendes Erlebnis, das Sie zum Glauben bekehrte?

Cacau: Es ist richtig. Ich habe viel leiden müssen. Wir hatten es schwer, meine Mutter hat als Putzfrau gearbeitet. Als ich 16 war, gab es bei meinem Verein Palmeiras dann eine Situation, in der ich mit dem Fußball nicht mehr weitergekommen bin. Ich hatte gehofft, mich dort durchzusetzen. Aber dann ist ein neuer Jugendtrainer gekommen, der mich nach Hause geschickt hat. Meine Karriere stand auf der Kippe. In dieser Zeit habe ich viel erlebt und hatte keine Ahnung davon, was Sinn macht im Leben, weshalb man auf der Welt ist. Dann habe ich viel mit meinem Bruder gesprochen, der sich zum Glauben bekannt hat. Er hat mir über Jesus und die Bibel erzählt. Ich habe angefangen, die Bibel zu lesen und gelernt, dass es einen Gott gibt, der einem ganz nah sein kann. Das hat mir Zuversicht gegeben. Ab da habe ich angefangen, an Jesus zu glauben, ihn als Freund anzusehen. Das hat mein Leben verändert.

Sie haben wieder Zuversicht geschöpft und sich auf Fußball konzentriert?

Cacau: Genau. Ich hatte wieder Freude am Leben und ein klares Ziel. Ich wusste, dass mir Gott einen Weg bereiten würde. Ich habe in kleineren Vereinen wieder angefangen.

Aber Fußball war nicht mehr das Wichtigste in Ihrem Leben?

Cacau: Wissen Sie, ich habe mein ganzes Leben alles auf die Karte Fußball gesetzt. Nach dieser Erfahrung und Enttäuschung bei Palmeiras habe ich gedacht, das kann doch nicht alles gewesen sein. Jesus hat mir die richtige Einstellung gegeben. Fußball war danach immer noch wichtig, aber von da an wusste ich, dass er nicht alles ist.

Dass es mehr gibt als ein Spiel, das Fußball heißt?

Cacau: Auf jeden Fall. Das war für mich der entscheidende Punkt. Aber ich habe auch neue Motivation bekommen. Auch wenn es ein kleiner Verein war, in dem ich neu begonnen habe, habe ich alles gegeben. Ich habe nicht weniger gemacht, sondern mehr.

Sie haben Ernsthaftigkeit gelernt?

Cacau: So könnte man es sehen.

Gehen Sie in Deutschland in die Kirche?

Cacau: Wir haben eine internationale Gemeinde in Stuttgart. Da gehe ich regelmäßig Sonntagnachmittags hin, wenn wir kein Spiel haben.

Verfolgen Sie die große Krise, in der die Kirche in Deutschland derzeit steckt?

Cacau: Ehrlich gesagt, schaue ich darüber hinweg. Glaube ist viel mehr als eine Institution. Glaube fängt bei jedem Einzelnen an. Wenn jedem Einzelnen bewusst ist, was es bedeutet, mit Jesus zu leben, was es bedeutet, Liebe weiterzugeben, dann ist es unabhängig, was in einer Institution passiert. Wir sind alle Menschen, und Menschen tendieren zu Fehlern. Wenn es Gott nicht gäbe, dann wäre es für uns nicht möglich, etwas Gutes zu tun. Wir sollten nicht enttäuscht sein, weil einzelne Menschen Fehler gemacht haben.

Es gibt in Deutschland auch eine Diskussion um den Zölibat, der Pfarrer zur Ehelosigkeit verpflichtet . . .

Cacau: Ich war früher Katholik. Aber ich habe erfahren, dass der Glaube an Jesus mehr ist als katholisch oder evangelisch zu sein. Deswegen will ich nach der Bibel leben. Die Bibel sagt, dass die Familie wichtig ist. Dass Gott die Familie erschaffen hat. Ich will mich nicht einmischen, aber ich denke, dass man danach leben muss, was die Bibel sagt und nicht danach, was die Menschen sagen. Dann kann man viel mehr erreichen, weil man authentisch ist.

Sie sprechen gerne von Familie. Nach Ihren ersten beiden Toren für die deutsche Nationalelf vor wenigen Wochen sagten Sie auch, dass Deutschland Sie adoptiert hätte. Was bedeutet Ihnen dieses Land?

Cacau: Deutschland hat mir eine Chance gegeben. Ich bin 1999 hier angekommen und bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit erhalten habe. Es war für mich von Anfang an klar, dass ich die Sprache lernen muss, damit ich auch die Kultur hier kennen lernen kann. Dass ich mit den Menschen hier sprechen kann, hat für mich eine große Bedeutung. Heute bin ich einfach dankbar für alles, was ich erreicht habe. Auch dafür, dass ich als Brasilianer Deutschland repräsentieren darf. Ich weiß das zu schätzen. Deutschland ist eine einmalige Chance für uns Ausländer. Wir kommen hierher, um eine bessere Zukunft zu erleben. Natürlich müssen wir kämpfen, aber hier ist eine gute Struktur geboten. Die sollten wir nutzen: Also die Sprache lernen, sich mit dem Land identifizieren und nicht abschotten.

Hatten Sie hierzulande je Probleme mit Rassismus?

Cacau: Nein, nie. Obwohl ich anfangs sehr vor Deutschland gewarnt worden bin. Ich habe hier noch nie etwas Negatives erlebt.

Fühlen Sie sich als Vorbild für Ausländer in Deutschland?

Cacau: Ja, ich fühle mich als Vorbild und ich will auch ein Vorbild sein. Ich denke, dass in unserer Gesellschaft oft gute Vorbilder fehlen. Leute, die es mit viel Arbeit und Leidenschaft nach oben geschafft haben. Das ist für niemanden einfach, aber es ist wichtig zu wissen, dass es möglich ist. Dieses Vorbild möchte ich sein. Auch in Bezug auf Integration. Ich mag kein Selbstmitleid, ich mag keine Jammerei. Man muss wissen, wer man ist, man muss kämpfen, dann kann man etwas erreichen. Auch Minderheiten haben in Deutschland eine Chance.

Auf was freuen Sie sich bei der Weltmeisterschaft in Südafrika?

Cacau: Ich freue mich, das Land zu repräsentieren, das mich adoptiert hat.

Fühlen Sie da keinen innerlichen Zwiespalt, schließlich ist Brasilien Ihre Heimat, viele Verwandte leben dort?

Cacau: Natürlich fühle ich auch brasilianisch. Ich sage immer gern, dass ich zu 100 Prozent Brasilianer und zu 100 Prozent Deutscher bin. Ich habe auch beide Pässe. Aber eine Gespaltenheit spüre ich nicht. Ich bin locker, und während der WM gibt es nichts anders für mich, als alles dafür zu geben, dass unsere deutsche Mannschaft möglichst weit kommt. Ich genieße jeden Augenblick, denn ich weiß, wie wertvoll er ist und wie schnell ein Traum vorbei sein kann. Das haben wir bei Michael Ballack gesehen.

Welche Spieler im Team haben Ihnen bei der Integration besonders geholfen?

Cacau: Philipp Lahm oder Arne Friedrich, das sind Führungsspieler, die mir den Einstieg leicht gemacht haben. Natürlich auch mein Stuttgarter Mitspieler Thomas Hitzlsperger.

Ist das im Moment die glücklichste Phase Ihres Lebens?

Cacau: Was den Fußball angeht, schon. Ich freue mich auf die WM und auf die Zeit mit der Nationalmannschaft. Ich hoffe, dass noch mehr Freude dazu kommt, weil wir eine erfolgreiche WM spielen werden. Nicht nur wir, sondern ganz Deutschland soll stolz auf uns sein können.

Stellen Sie sich bereits manchmal vor, wie Sie das entscheidende Tor im Halbfinale erzielen?

Cacau: Nein, das ist noch weit weg. Aber ich freue mich auf jedes Spiel. Jedes Spiel bei einer WM ist wichtig, jedes Tor ist wichtig und ich hoffe, meinen Teil zum Erfolg beitragen zu können.

Erklären Sie uns zum Abschluss die Geschichte mit der Lüge: Sie sollen beim 1. FC Nürnberg mal Trainer Klaus Augenthaler angeflunkert haben. Er hat die Wahrheit herausbekommen und Sie suspendiert. Seitdem lügen Sie nicht mehr?

Cacau: Ja, das ist so.

Nicht mal eine klitzekleine Notlüge?

Cacau: Das war damals eine ganz schwierige Situation für mich als junger Spieler. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Nach dieser Erfahrung mit Augenthaler habe ich mich entschieden: Statt zu lügen zahle ich jetzt lieber den Preis für die Wahrheit.

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