Kinder vor Masern schützen

Vorbeugung Verharmlosung war gestern. Heute weiß man um die tödliche Gefahr der Kinderkrankheit. Der Würzburger Virologe Benedikt Weißbrich über die Notwendigkeit einer Impfung.

Das Risiko für Kinder, die im Säuglingsalter an Masern erkrankt waren, später an den Folgen der Krankheit zu versterben, ist sehr viel höher als bislang angenommen. Herausgefunden hat das der Würzburger Virologe Dr. Benedikt Weißbrich (wir berichteten). Die Studie der Universität Würzburg in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Landesamt für Gesundheit findet angesichts der beunruhigend stark gestiegenen Erkrankungen bundesweit Beachtung.

Frage: Herr Weißbrich, die Bayerische Staatsregierung hat gerade in den Krippen- und Kindertagesstätten eine Aufklärungskampagne gestartet, informiert über die Gefahren nach einer Maserninfektion. Beide Elternteile müssen unterschreiben, dass sie die Hinweise gelesen haben. Kann man denn mit Infoblättern etwas erreichen?

Benedikt Weissbrich: Ja, man erreicht damit, dass sich die Eltern von Kleinkindern mit dem Thema auseinandersetzen. Denn das Problem ist ja bei uns, dass zu spät geimpft wird. Die zweite Impfung zum vollständigen Schutz sollte idealerweise im Alter zwischen 15 und 23 Monaten erfolgen. Doch aus verschiedenen Gründen wird das oft hinausgezögert und dann nicht mehr als so dringend empfunden.

Warum ist das frühe Impfen so wichtig?

Weissbrich: Masern sind eine hochansteckende Krankheit. Und da sich Infektionen überall dort, wo Kinder sehr nah beieinander sind, besonders rasant verbreiten, ist die Gefahr einer Ansteckung in Kindertagesstätten besonders groß.

Sie haben herausgefunden, dass das Risiko, an der tödlichen Spätfolge-Erkrankung von Masern, der Gehirnentzündung SSPE, zu erkranken, bei zirka 1:3000 liegt, wenn Kinder vor dem fünften Lebensjahr eine Maserninfektion haben, und dass bei Masern im Säuglingsalter das Risiko für eine SSPE noch deutlich größer ist. Wie kann man sein Baby denn vor einer Ansteckung schützen?

Weissbrich: Genau hier liegt ein Problem. Säuglinge können bislang allgemein frühestens mit elf Monaten geimpft werden. Bei Aufnahme in eine Kinderbetreuungseinrichtung wird ein Impfung schon mit neun Monaten empfohlen. Jüngere Säuglinge können nicht durch eine Impfung geschützt werden. Es ist daher umso wichtiger, dass das unmittelbare Umfeld von Säuglingen gegen Masern geimpft ist, also Eltern, Geschwister, Großeltern. Allgemein ist die Masernimpfung auch aus sozialer Verantwortung gegenüber den Kleinsten in unserer Gesellschaft wichtig, um sie zu schützen.

Es ist also dann auch nicht übertrieben, einen Kindergarten oder eine Schule, in denen Masern ausgebrochen sind, zu schließen?

Weissbrich: Nein, das ist es angesichts der Gefahr, die von Masern ausgehen kann, keinesfalls. Auch Schul- und Kindergartenleitungen, die ungeimpften Kindern in solchen Situationen den Zutritt verweigern, handeln richtig.

Impfgegner sagen, dass Erwachsene, die die Krankheit nicht hatten oder deren Impfschutz nicht mehr ausreichend ist, einen Säugling ja genauso leicht in der Straßenbahn oder im Kaufhaus anstecken könnten. Stimmt das?

Weissbrich: Auch bei Jugendlichen und Erwachsenen gibt es Impflücken, die geschlossen werden sollten. Kinder und Jugendliche sollten zwei Masernimpfungen erhalten haben. Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und nicht gegen Masern geimpft wurden oder bei denen der Impfstatus unklar ist, sollten gegen Masern geimpft werden. Vor 1970 gab es noch keine Impfung. Damals hatte praktisch jeder in der Kindheit Masern und dadurch Immunität erlangt.

Die an der SSPE gestorbenen beiden Kinder, über die zurzeit häufig in den Medien berichtet wird, hatten sich zehn Jahre zuvor als Säugling in einer Kinderarztpraxis mit Masern angesteckt. Kann man das nach so vielen Jahren noch so genau feststellen?

Weissbrich: Ja. Man wusste, dass die beiden als Säuglinge Masern hatten, und man wusste, dass sie im Wartezimmer des gleichen Arztes Kontakt zu einem im Frühstadium und damit nicht erkennbar an Masern erkrankten elfjährigen Jungen hatten, der aus Überzeugung der Eltern nicht geimpft war. Im Frühstadium der Krankheit ist man besonders infektiös. Der Junge hat damals sieben Kinder angesteckt, darunter drei Säuglinge. Zwei haben die schleichende Gehirnentzündung SSPE bekommen und sind mittlerweile im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren gestorben. Das zeigt, wie hoch das Risiko ist, wenn man als Säugling erkrankt. Bei unserem medizinischen Fortschritt ist jedes Kind, das an SSPE stirbt, eines zu viel!

Kann man im Raum München, wo es besonders viele Ausbrüche und Impfgegner gibt, überhaupt noch sorglos mit Baby in eine Kinderarztpraxis gehen?

Weissbrich: Natürlich sind hier auch die Kinderärzte gefragt, sich ausreichend um den Schutz von nicht geimpften Säuglingen zu kümmern. Dazu gehören zum Beispiel extra Warteräume für Säuglinge. Man kann sich überdies ja den Arzt aussuchen – und weiß ja dann, wie der zum Impfen steht.

Was ist an den Berichten über Impfschäden dran? Kann eine Masern-Impfung zu einer tödlichen Gehirnentzündung als Spätfolge führen?

Weissbrich: In Gehirngewebe von SSPE-Patienten wurde noch nie das Masern-Impfvirus nachgewiesen. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Impfung an einer Gehirnentzündung, die Nervenzellen beschädigen kann, zu erkranken, liegt bei eins zu einer Million. Bei einer echten Masern-Infektion liegt die Wahrscheinlichkeit, an einer schweren Gehirnentzündung mit bleibenden Schäden oder an schweren Lungenentzündungen zu erkranken, bei eins zu tausend. Dazu kommt das SSPE-Risiko. Bei fünf Prozent der geimpften Kinder kommt es zu Impfmasern, die allerdings mit deutlich schwächeren Symptomen als die richtigen Masern verlaufen.

Wie kann man Impfgegner von der Notwendigkeit einer Masern-Impfung überzeugen?

Weissbrich: Nur sehr schwer. Bevor man hier viel Energie in eine Diskussion steckt, sollte man sich vor Augen halten, dass man die radikalen Impfgegner für die notwendige Durchimpfungsrate gar nicht braucht. Die Menschen, die prinzipiell gegen eine Masernimpfung sind, machen nur einen kleinen Teil aus. Das Problem ist nicht die grundsätzliche Verweigerung, sondern Unwissenheit, Vergesslichkeit und Gleichgültigkeit.

Sind Sie dennoch für eine allgemeine Impfpflicht zumindest bei Kindern?

Weissbrich: Sinnvoll wäre sie, um eine bessere Durchimpfungsrate zu bekommen, allerdings darf man sich unter Impfpflicht natürlich keine radikale Vorführung aller Kinder beim Amtsarzt vorstellen. Eher eine Kontrolle, wie es mit dem Impfschutz aussieht. In den USA wird vor der Aufnahme in eine Betreuungseinrichtung eine Impfbescheinigung verlangt. Wer keine vorlegen kann oder keine Ausnahmebescheinigung wegen medizinischer oder weltanschaulicher Gründe hat, wird nicht aufgenommen. In den USA gelten die Masern als ausgerottet.

Komplikationen nach Masern

Nach einer Maserninfektion kann es zu Mittelohrentzündungen, Bronchitis, Lungenentzündungen und Durchfall kommen. Vier bis sieben Tage nach dem Hautausschlag kann es auch zu einer gefährlichen Gehirnentzündung (Masern-Enzephalitis) kommen. Die seltenere Form der Gehirnentzündung, die subakute sklerosierende Panenzephalitis tritt erst Jahre nach der Krankheit auf und endet stets tödlich.

ONLINE-TIPP

Autorin Melanie Jäger fordert eine Impfpflicht bei Masern. Ihr Leitartikel dazu: www.mainpost.de/online-tipp

„Unter Impfpflicht darf man sich keine radikale Vorführung

beim Amtsarzt vorstellen.“

Dr. Benedikt Weißbrich, Virologe an der Universität Würzburg
Themen & Autoren
Gehirnentzündung
Impfpflicht
Impfungen
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Kinderkrankheiten
Lungenentzündungen
Masern
Masern-Impfungen
Tod und Trauer
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen