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Mit Elise ab in den Süden

Musikalisch sind die Chinesen drauf und dran, ihren Anspruch von West-Niveau am ehesten zu verwirklichen (man kann auch sagen: die West-Gepflogenheiten am auffälligsten zu kopieren). Dies kommt einerseits daher, dass die Sprecher im hiesigen Radio immer nur brabbeln und brabbeln, noch schlimmer als in sämtlichen deutschen Rundfunksendern zusammen, und dass sie so gut wie keinen einheimischen Singsang spielen. Andererseits ist dafür die Beschallung verantwortlich, die in den Wettkampfstätten läuft, wenn gerade Pause ist – es sind je nach Charakter der Sportart größere Unterschiede zu verzeichnen.

Den Vogel schießen die Discjockeys beim Beachvolleyball ab. Der Knaller ist dort, ey, jetzt kommt es dick, Mann, „Ab in den Süden, der Sonne hinterher, heyo, was geht, der Sonne hinterher“ – jener Mitgröhl-Hit aus dem Sommer von vor vier oder fünf Jahren, der vielen Landsleuten schon damals auf die Nerven ging. Im Wasserwürfel der Schwimmer laufen derweil Techno und Trance, was eine mögliche Erklärung fürs üble Abschneiden der deutschen Beckenkrauler ist, wenigstens eine mögliche.

Die Basketballer wiederum erfreuen sich an echten alten Blues- und Soul-Krachern, ihr unbestrittener Hit ist „Gimme Some Lovin'“, nicht in der Version der Blues Brothers aus den Achtziger Jahren, sondern im Original der Spencer Davis Group aus den Sechzigern: „Gimme Some Lovin', everyday, hey hey, hey!“ Dass die aktuellen Stars Kobe Bryant oder Dirk Nowitzki damals noch gar nicht geboren waren, als die Basketball-Asse Wilt Chamberlain oder Julius Erving hießen, stört keinen. Manche Musik ist eben zeitlos.

Das Zeitliche segnen wird dagegen hoffentlich bald die grässliche Hymne „You And Me“, die Musicaltante Sarah Brightman mitgeträllert hat und nun jeden Tag seit der Eröffnungsfeier vom Vogelnest her im Zeichen des Feuers erschallt.

Wer sich von „You And Me“ belästigt fühlt, wird lediglich bei den Fechtern übler gepeinigt: „Für Elise“ läuft dort aus welchem künstlerischen Antrieb auch immer – falls Sie's nicht glauben, sei es nochmals betont: „Für Elise“, das am schlimmsten malträtierte Werk der Klaviergeschichte, ertönt bereits im Aufzug, auf der Fecht-Toilette sowie beim Auf- und Umbau der Halle. Ludwig van Beethoven soll es komponiert haben für eine Angebetete. Doch das Lieblings-Vorspielstück aller Klavierschüler dieser Welt, bekannt auch bei Zeitgenossen, die Beethoven für einen Gärtner halten, war bislang noch nicht im Sport missbraucht. Zu spät, es ist passiert – und besonders unverzeihlich ist die Panflötenstimme, die im Hintergrund Elise anschmachten hilft und dort doch gar nicht hingehört. Ab in den Süden, fällt einem dazu nur ein – und am besten die Elise gleich mitnehmen!

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