FRANKFURT

Mit viel Selbstvertrauen ans Kap

Zwei Gewinner des letzten WM-Tests: Die eingewechselten Cacau (links) und Thomas Müller belebten das deutsche Offensivspiel enorm und dürfen sich Hoffnungen auf die Start-Elf in Südafrika machen.
Foto: Imago | Zwei Gewinner des letzten WM-Tests: Die eingewechselten Cacau (links) und Thomas Müller belebten das deutsche Offensivspiel enorm und dürfen sich Hoffnungen auf die Start-Elf in Südafrika machen.

Es ist wieder Fußball-Fasching: Schon flattern an den Autos auf den Straßen bunte Fähnchen, und die Menschen im Stadion in Frankfurt tragen zehntausendfach die wohl angesagten Accessoires dieses Sommers: Blumenkränze, Hüte, Tattoos – alles in Schwarz-Rot-Gold. Und hat nicht just Hoch Urs in diesen Tagen die vermisste Sonne nach Deutschland zurückgebracht? Dieser 3:1-Sieg der Nationalelf gegen eine starke Auswahl Bosnien-Herzegowinas war eine kleine Zeitreise zum fast schon verklärten Fußballmärchen 2006 und vielleicht genau jene Initialzündung, die Klinsmanns Erben gebraucht haben für das Abenteuer Südafrika.

Nach drei Wochen intensiver, aber holpriger Vorbereitung mit einer sich nur langsam komplettierenden Mannschaft und vielen Verletzten, fand die DFB-Elf vor allem in Halbzeit zwei zu einem ansehnlichen Spiel, das Hoffnungen schürte. Und wie 2006, als Philipp Lahm mit seinem Tor zum 1:0 gegen Costa Rica im Eröffnungsspiel sämtliche Blockaden löste, so setzte der Münchner auch diesmal das entscheidende Zeichen: Hurra, wir leben noch!

Nach einer bemühten, aber fehlerhaften ersten Halbzeit, nach einem kuriosen Abpraller-Tor des starken Bundesliga-Torschützenkönigs Edin Dzeko zum 1:0 für Bosnien (15.), nutzte der 26-jährige Kapitän im zweiten Durchgang entschieden die sich bietende Lücke. Dynamisch stieß er bis zur Strafraumgrenze vor und schoss den Ball dann unhaltbar zum Ausgleich unter die Latte (50.). „Es soll jetzt aber keiner erwarten, dass ich Torschützenkönig bei der WM werde“, sagte Lahm nach seinem vierten Länderspieltor im 65. Einsatz mit einem Grinsen im Gesicht, „meine Aufgabe ist es, defensiv zu arbeiten und Akzente nach vorne zu setzen. Das ist mir gut gelungen.“ Dann folgte ein Wort, das noch oft zu hören war im Keller der Frankfurter Arena in dieser warmen Nacht: Selbstvertrauen. „Dieser Sieg war wichtig, um mit Selbstvertrauen zur WM zu fahren. Die Mannschaft hat sehr viel Qualität.“ Vor allem im Kampf Mann gegen Mann habe eine DFB-Auswahl „selten so gute Spieler gehabt wie derzeit“.

„Jetzt fahren wir mit einem guten Gefühl nach Südafrika.“

Bundestrainer Joachim Löw

Im letzten Testspiel habe sich der Bundestrainer einen richtigen Härtetest gewünscht, „und den haben wir bekommen“, so Joachim Löw. Mit Leidenschaft und enorm viel Druck habe sein Team die „exzellenten Fußballer“ Bosniens besiegt, „in der zweiten Halbzeit waren wir fast nicht mehr aufzuhalten. Die Tore sind zwangsläufig gefallen, und jetzt fahren wir mit einem guten Gefühl nach Südafrika“. In der Tat waren die Korrekturen entscheidend, die Löw in Hälfte zwei vorgenommen hat: Cacau als einzige Sturmspitze für den blassen Miroslav Klose, einem Angreifer auf der Suche nach der Form. Thomas Müller für den uneffektiven Piotr Trochowski im rechten Mittelfeld. So verändert kam Schwung ins deutsche Team. Auch der spätere Wechsel von Lukas Podolski zu Marko Marin im linken Mittelfeld zahlte sich aus. Marin und Müller waren es, die jene zwei Elfmeter herausholten, mit denen Bastian Schweinsteiger den Sieg sicherstellte (72./76.).

Während der von Löw als „emotionaler Leader“ geadelte Münchner schon zum Inventar dieser Mannschaft gehört, ist Thomas Müller einer der Neulinge. Aber vielleicht verkörpert gerade der Schlaks vom Ammersee das neue, selbstbewusste Gesicht dieser Mannschaft 2010. Müller beeindruckte nämlich nicht nur auf dem Platz, sondern auch hinterher durch Schlagfertigkeit und Witz. „Das war der erste Test gegen eine Mannschaft, die man als Maßstab nehmen kann“, so der 21-Jährige, der innerhalb eines Jahres eine wundersame Reise von den Amateurplätzen Bayerns in die großen Arenen der Welt unternahm. „So langsam beginne ich, alles zu realisieren.“ Wie Lahm bekrittelte Müller die Chancenauswertung als größtes Manko: „Das müssen wir verbessern. Aber das ist oft auch tagesformabhängig.“

Löw jedenfalls wird eingeschlafen sein in dem Bewusstsein, dass das Gerüst der Mannschaft funktioniert. „Wir müssen in der Defensive noch kompakter stehen“, analysierte der Coach das Geschehen, aber an der Grundstruktur möchte er nichts ändern: „Wir wollen Fußball spielen und nicht Fußball verwalten.“ In der Vorbereitungswoche in Südafrika soll nun das Feintuning erfolgen, wie Löw es nannte: Das Spiel ohne Ball, Standardsituationen, das seien jene Bereiche, in denen sein Team noch besser werden muss. „Wir sind sicher nicht der Topfavorit“, sagte Arne Friedrich, der den Platz als zweiter Innenverteidiger neben Per Mertesacker erhalten hat, „aber wir wollen in das Finale. Das wird ein schwerer Weg, aber alles ist möglich. Unsere Mannschaft ist für den Gegner schwer auszurechnen.“

Zwei Tage erhalten die Spieler nun frei, am Sonntagnachmittag trifft sich der Tross dann in Frankfurt. Um 20.30 Uhr geht es dann mit dem Sonderflug LH 2010 Richtung Johannesburg. Gut, dass die Mannschaft im nigelnagelneuen Riesenairbus A 380 einchecken darf. Im größten Passierflugzeug der Welt hat sicher auch das frische Selbstbewusstsein genügend Platz für die Reise ans Kap der Guten Hoffnung.

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