NIEDERWERRN

Niederwerrns Narben aus dem Weltenbrand

Mondlandschaft an der Wern: Das Luftbild zeigt Krater an der Wiesmühle (Bildmitte) und den nahen Flugplatz Geldersheim (unten links). Auf dessen Gelände sind einzelne Schutzgräben zu sehen.
| Mondlandschaft an der Wern: Das Luftbild zeigt Krater an der Wiesmühle (Bildmitte) und den nahen Flugplatz Geldersheim (unten links). Auf dessen Gelände sind einzelne Schutzgräben zu sehen.

Die Schwarz-Weiß-Bilder sehen aus wie auf der Rückseite des Mondes entstanden. Die großen Krater auf grauem Grund stammen tatsächlich aus einer anderen Welt und Zeit: Fast 70 Jahre ist es her, dass alliierte Bomberverbände die Kugellagerstadt Schweinfurt anvisierten. Durch Fehl- und Notabwürfe, Winddrift, aber auch die Nähe des Militär-Flugplatzes Geldersheim, gingen allein 600 Bomben auf Niederwerrner Gemarkung nieder. Das Estenfelder Ingenieur-Büro Dr. Carls hat nun im Auftrag der Gemeinde eine „Kampfmittelbelastungskarte“ erstellt.

„Wir wurden aufgeschreckt durch die Funde in Oerlenbach“, rechtfertigt Bürgermeister Peter Seifert die mit 25 000 Euro nicht billige Kartierung, anhand von Luftbildern der Engländer und Amerikaner, Zeitzeugen-Berichten, Aktenvermerken und weiteren historischen Dokumenten.

Im Gewerbegebiet Oerlenbachs sind 2010 noch etliche Fliegerbomben gefunden worden. Noch drastischer war ein Fall 2006, als ein Bauarbeiter an der A 3 bei Aschaffenburg durch die Explosion eines „Blindgängers“ getötet wurde.

„Es ist ein Problem, mit dem man lernen muss umzugehen“, sagte Wolfgang Müller von der Luftbilddatenbank Dr. Carls in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. Niederwerrn habe davor den Kopf nicht in den Sand gesteckt, lobt der Geograf: „Maßgeblich ist die Sicherheit.“

Bereits im August und Oktober 1943 flog die 8. US-Flotte massive Luftangriffe auf Schweinfurt. Die „Operation Double Strike“ und der „Schwarze Donnerstag“ endeten mit schweren Verlusten auf beiden Seiten.

1944 folgten weitere Attacken. Am 9. Oktober gab es laut Feuerwehr zwölf Tote auf Niederwerrner Gemeindegebiet, mehrere Wohnhäuser, eine Scheune und die Paulus-Mühle zwischen Nieder- und Oberwerrn wurden zerstört. Noch am 10. April 1945 regnete es Bomben auf die Stadt und ihre Umgebung, dazu kam Artillerie-Beschuss auf Oberwerrn durch die vorrückenden Amerikaner.

Kommandobunker Ludwigstraße

Schweinfurt wurde von bis zu 15 Flak- und sechs Scheinwerfer-Batterien umringt, vom Bahnhof Oberwerrn aus schoss Eisenbahn-Flak. Der Kommandobunker der Luftverteidiger stand in der heutigen Ludwigstraße, auf Niederwerrner Grund. Nebelfässer sollten bei Tagangriffen Industrie- und Militäranlagen chemisch verhüllen – auf dem verätzten Boden wächst oft heute noch kein Gras mehr.

Zu den mehrere Meter durchmessenden Trichtern der (bis 500 Pfund schweren) Sprengbomben gesellen sich jede Menge kleine weiße Punkte: Brand- und Splitterbomben, die von den Experten, bei einer Häufung im Niederwerrner Nordosten, zunächst für Granateinschläge gehalten wurden. Hier stehen heute Wohnungen der US-Army, das „Kessler Field“.

Am Stuka-Flugplatz Geldersheim sieht man auf dem Rückzug gesprengte Benzintanks, auch allerhand Deckungen – Mannlöcher, Stellungen und Laufgräben, in denen später gerne Waffen und Munition entsorgt wurden. Die beiden Eisenbahnbrücken in Oberwerrn sowie an den Conn Barracks wurden im „Endkampf“ gesprengt.

Ab 1944 wurde das Ortsgebiet regelmäßig fotografiert, gleich nach Kriegsende gab es vier weitere Überflüge – die Waffenwirkung ist, im Maßstab 1:8000 bis 15 000, gut dokumentiert. Das Büro hat nun die alten Kriegs-Aufnahmen perspektivisch „entzerrt“ und über die aktuelle Gemeinde-Draufsicht gelegt.

In der Regel seien etwa zehn bis 15 Prozent der Abwürfe als Blindgänger gelandet, weiß Büro-Mitarbeiter Marco Eckstein, auf den Fotos sind deren Einschläge als dunkle „Nadelstiche“ erkennbar. Von dort haben die Nicht-Krepierer sich unter der Erde weitergewühlt. 22 „Blindgängerverdachtspunkte“ wurden in Niederwerrn aus der Luft entdeckt, durchaus auch im Wohngebiet. Aber auch in 50 Meter Umkreis von Bombardierungen rechnet man mit erhöhtem Risiko von Altlasten.

Wie geht man nun mit einem möglichen rostigen „Pulverfass“ unter den Füßen um? Bei einer Bauabsicht solle die Gemeinde „einen Feuerwerker“, sprich einen Kampfmittel-Erkunder hinzuziehen, in Absprache mit dem Eigentümer, rät Müller. In Niederwerrn gäbe es keine Sprengmittel mit Langzeitzündern, das sei schon mal beruhigend: „Was liegt, liegt.“

Wohnhäuser auf einem Pulverfass

Wann bestehe denn eine Gefahr, wollte Gemeinderat Florian Negwer wissen: Beim Ausheben eines Swimming-Pools oder schon beim Umgraben des Gartens? Wolfgang Müller will nichts ausschließen, allerdings seien die kleinkalibrigen Teile die gefährlicheren.

„Ich kann eine gewisse Beklemmung nicht verhehlen“, gesteht Bürgermeister Seifert: Kurz zuvor habe man im Bauausschuss den Antrag zu einem Gelände behandelt, auf dem eine Bombe vermutet wird. Die Gemeinde will nun die Eigentümer „verdächtiger“ Grundstücke anschreiben und zu einer Informationsveranstaltung einladen. Sicher ist nur: Auf den rund 30 Prozent belastetem Gemeindegebiet schlafen noch brisante Rückstände aus dem Weltenbrand – hoffentlich ruhig, tief und fest.

Vorher-Nachher: Zur Erfassung der Kampfmittelbelastung Niederwerrns wurden alte Luftbilder (oben rechts) über aktuelle gelegt.
Foto: Luftbilddatenbank Büro Dr.Carls | Vorher-Nachher: Zur Erfassung der Kampfmittelbelastung Niederwerrns wurden alte Luftbilder (oben rechts) über aktuelle gelegt.
Piloten-Blick aufs Kampfgebiet: Bombentrichter an der Wiesmühle, dahinter die Eisenbahnlinie und der Flugplatz Geldersheim.
Foto: Luftbilddatenbank Büro Dr.Carls | Piloten-Blick aufs Kampfgebiet: Bombentrichter an der Wiesmühle, dahinter die Eisenbahnlinie und der Flugplatz Geldersheim.
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