Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare!

Hochzeitsmonat Mai: Viele Paare schließen im Frühjahr den Bund der Ehe, in den Standesämtern der Region herrscht Hochbetrieb. Doch Trauungen sind nicht das, was den Alltag eines Standesbeamten dominiert.
„Mal für ein Stündchen in den Trausaal“: Standesbeamtin Silvia Hetzer.
Foto: Th. Obermeier | „Mal für ein Stündchen in den Trausaal“: Standesbeamtin Silvia Hetzer.

Eine hübsche Braut in tollem Kleid, ein herausgeputzter Bräutigam mit Rose im Knopfloch, ein Paar, das glücklicher nicht sein könnte – und ein Standesbeamter, der die Ehre hat, diese beiden Menschen zu trauen. Wer solch einen Beruf hat, kann sich glücklich schätzen. Doch im wahren Leben ist dieser Beruf gar nicht so romantisch, wie er vielleicht scheint. Zum einen, weil ein Standesbeamter keineswegs ausschließlich mit Trauungen beschäftigt ist. Und zum anderen, weil er die Hochzeiten eher von der sachlichen Seite aus sehen muss, als von der romantischen.

„In meinem Berufsalltag machen Eheschließungen höchstens zehn bis 15 Prozent aus“, erzählt Silvia Hetzer, Standesbeamtin in Würzburg. „Da geht man mal für ein Stündchen rüber in den Trausaal. Aber das ist – ähnlich wie bei den allermeisten Standesbeamten – bei Weitem nicht der Hauptteil meiner Arbeit.“ Hetzer arbeitet in der Urkundenabteilung, stellt dort zum Beispiel Geburts- und Sterbeurkunden aus. Genauso nimmt sie aber auch Kirchenaustritte entgegen, beurkundet Vaterschaftsanerkenntnisse oder Namenserklärungen für Kinder und ausländische Mitbürger. Dabei erfordert die hohe Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund von ihr wie von allen anderen Standesbeamten die genaue Kenntnis nicht nur des deutschen (Familien-)Rechts, sondern auch die des ausländischen. Zivile, religiöse und Stammesrechte fremder Staaten sind bei der Beurkundung zu beachten. „Das kann manchmal ganz schön knifflig werden, wenn es zum Beispiel um das Namensrecht in Russland geht. Das sind dann Fälle, die so noch nicht vorgekommen sind und in die man sich gründlich einarbeiten muss.“

Ein Berufsalltag im puren Paragrafendschungel also? „Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare. Vom Klapperstorch über Amors Pfeil bis hin zum Sensenmann – im Standesamt ist alles dran“, so die Einschätzung von Gerhard Reichert, Leiter des Würzburger Standesamtes. Dass in allen Bereichen viel Formalismus dabei ist, will Hetzer nicht bestreiten: „Wir müssen uns natürlich täglich mit Gesetzen und Paragrafen beschäftigen, das ist ganz klar.“ Aber – und das mache den Beruf aus – „in der Praxis hat man gleichzeitig sehr viel mit Menschen zu tun, mit persönlichen Schicksalen und Lebensgeschichten. Da geht es schließlich um Geburten, Scheidungen oder Todesfälle.“ Und – natürlich – auch um Hochzeiten.

Im Würzburger Standesamt sind Donnerstag und Freitag Eheschließungstage, die Hochzeit am Wochenende ist jeweils an einem Samstag im Monat möglich: Acht bis zehn Eheschließungen pro Vormittag im 20-Minuten-Takt. Zwei Kollegen teilen sich die Hochzeiten auf. Wenn Silvia Hetzer dran ist, kann es sein, dass sie noch kurz vorher in ihrem Büro sitzt und knifflige Fälle bearbeitet oder Auskünfte über Urkunden gibt – „und dann ziehe ich schnell das Sakko über und habe 50 Meter bis zum Trausaal, um mich auf die Hochzeit einzustellen“. Ein kurzer Weg, aber auf diesen 50 Metern legt Hetzer einen Schalter im Kopf um. „Denn es ist doch so: Für mich ist ein solcher Tag nur irgendein Arbeitstag, aber für die Paare ist es hoffentlich der wichtigste Tag in ihrem Leben. Und den möchte ich ihnen natürlich so schön wie möglich gestalten.“

Wenn Hetzer im Trausaal steht, die Tür aufgeht und das Paar erscheint, muss sie in Sekunden beurteilen, wie sich diese beiden Menschen ihre Hochzeit wünschen könnten. Kurz und bündig, salbungsvoll oder doch mit ein bisschen Humor? Keine leichte Entscheidung, „denn wenn die Tür aufgeht, sehe ich das Paar zum ersten Mal. Die Vorbesprechung ist nämlich bei Kollegen“. Die Standesbeamten bekommen im Vorfeld kaum noch Informationen, wissen gerade mal Namen, Geburtsdaten und -Orte. „Früher hatten wir noch ein bisschen mehr Vorwissen, da war es leichter, etwas Persönliches zu sagen. Jetzt muss ich eben in dem Moment entscheiden, welche netten Worte ich dem Paar mit auf den Weg gebe.“ Das Schönste an den Trauungen ist aus Hetzers Sicht, wenn die zwei Menschen richtig glücklich wirken. „Das hat man natürlich oft und das ist dann echt toll.“ Genauso komme es aber vor, dass Paare die Hochzeit nicht ernst zu nehmen scheinen. „Dann kann es schon mal sein, dass jemand anstelle des wichtigen Jas ,Na, wenn's sein muss' antwortet. Da hat man als Standesbeamter natürlich kein gutes Gefühl, genauso wenn man den Verdacht einer Scheinehe hat oder jemand bereits zum fünften Mal heiratet.“ Was man denn da sagen solle, fragt die Standesbeamtin. „Vielleicht: ,Na ja, Sie kommen ja eh in zwei Jahren mit der Nächsten wieder'?“

Dass jemand im entscheidenden Moment „Nein“ statt „Ja“ gesagt hat, das gab es im Würzburger Standesamt nicht, seit Hetzer dort arbeitet. Aber dafür werden die Erwartungen der Brautleute immer größer, berichtet sie. „Das liegt daran, dass die Kirche bei Hochzeiten eine zunehmend geringere Rolle spielt, deshalb wird das Standesamt immer wichtiger. Plötzlich soll die standesamtliche Trauung ein Mega-Event werden.“ Von einem normalen Verwaltungsbeamten könne man das aber nicht erwarten. „Wir Standesbeamten sind eigentlich nur für das Rechtliche zuständig. Natürlich sagen wir auch noch ein paar nette Worte. Aber mehr ist einfach nicht drin!“

Die Aufgaben eines Standesbeamten

Standesbeamte sind Dienstleister für Meldestellen, Staatsangehörigkeits- und Ausländerbehörden, Jugendämter, Notare und Gerichte. Sie sind Informationsquelle für Privatpersonen, Ahnenforscher, Wissenschaftler, Erbenermittler, Gläubiger, Polizei oder Justiz. Geburten, Eheschließungen und Scheidungen sind klassische Beurkundungsaufgaben für die 500 Standesbeamten in 170 Standesämtern in Unterfranken. Im Bezirk wurden 2009 laut Statistischem Landesamt 6005 Ehen geschlossen.

Daneben üben Standesbeamte zahlreiche Tätigkeiten aus wie: Vaterschaftsfeststellungen sowie -anerkennungen, Namenserklärungen verschiedener Art, Kirchenaustritte, Beurkundung von Eheauflösungen und Adoptionen, Ausstellung von Ehefähigkeitszeugnissen oder Führung von Testamentsverzeichnissen.

Text: kli

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Humorvolle Sprüche für die Traurede unter www.mainpost.de/bayern

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