„Was ist los in unserer Gesellschaft?“

Aussagen zu ADHS: Ein Würzburger Psychiater sieht die hohen Diagnoseraten als Ausdruck einer Orientierungskrise. Für eine Schweinfurter Mutter von ADHS-Kindern ist Ritalin ein Segen. Eine Gerolzhöfer Logopädin bietet einen neuen Weg an.
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Wolfgang Amadeus Mozart, Hermann Hesse oder die freche Pippi Langstrumpf – der Komponist, der Schriftsteller und die berühmte Kinderbuchfigur Astrid Lindgrens sollen eines gemeinsam haben: ADHS. Die vier Buchstaben sind die Kurzform für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Das „S“ kann auch für Syndrom stehen. Gemeint ist dasselbe.

Ob Störung oder Syndrom, an ADHS scheiden sich die Geister. Es gibt vor allem Schwarz und Weiß, dazwischen ein paar Grautöne. Einigkeit herrscht meist nur in einem Punkt: Die Betroffenen, die unter Konzentrationsschwäche, motorischer Unruhe und Impulsivität leiden, haben es nicht leicht im Leben, vor allem in der Schule. Sie können nicht still sitzen. Sie ecken an. Sie stören. Oder positiv gesagt: Sie sind aufgeweckt, hoch kreativ, haben eine eigene starke Persönlichkeit. Über die Ursachen gibt es etliche Meinungen, auch Vorurteile. Das Thema ADHS polarisiert, medienwirksam veröffentlichte Analysen, wie der vor wenigen Tagen veröffentliche „Arztreport 2012“ der Barmer GEK Krankenkasse, gießen zusätzlich Öl ins ohnehin schnell entzündbare Diskussionsfeuer.

Darin heißt es, dass Ärzte bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland ADHS feststellen. Von 2006 bis 2011 sei die Diagnoserate bei den unter 19-Jährigen um 42 Prozent gestiegen (von 2,92 auf 4,14 Prozent). Altersübergreifend, also inklusive der erwachsenen ADHS-Betroffenen, betrage der Zuwachs sogar 49 Prozent (von 0,61 auf 0,92 Prozent der Bevölkerung). In absoluten Zahlen ausgedrückt heißt es im Arztreport: 2011 ist bei rund einer Dreiviertelmillion Menschen, davon 621 000 Jungen und Mädchen, ADHS festgestellt worden, am häufigsten in Unterfranken, insbesondere in der Altersgruppe von zehn bis zwölf Jahren: Während die Diagnoserate bei Jungen laut Barmer-Arztreport im Bundesdurchschnitt bei knapp zwölf Prozent liegt, beträgt sie in Unterfranken 18,8 Prozent. Bei Mädchen sei die Diagnoserate in dieser Altersgruppe von etwa vier auf 8,8 Prozent gestiegen.

„Diese Zahlen zeigen, dass Kinder ein zunehmendes Problem haben, mit sich und den Anforderungen zurechtzukommen“, sagt der Würzburger Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christoph Schubert. In seiner Praxis in Würzburg gehört das Thema ADHS „zum täglich Brot“. ADHS nur als reine Hirnfunktionsstörung anzusehen, die genetische Ursachen habe, diese Ansicht tauge allerdings wenig, sagt Schubert. Denn damit wären die steigenden Fallzahlen nicht zu erklären. „Der Anstieg ist vielmehr Ausdruck einer umfassenden, alle Altersgruppen betreffenden Orientierungskrise“, so Schubert. „Hier reihen sich die aktuellen Themen wie Stress, berufliche Hektik, Burnout sowie zunehmende Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen, aber auch familiäre Krisen ein.“

Dass ADHS familiäre Krisen auslöst, hat Elke Büttel-Wirth immer wieder erlebt. Sie hat vor 15 Jahren die Schweinfurter Selbsthilfegruppe „Hypies & Co.“ gegründet. Mit „Co.“ ist ADS gemeint, die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität. Elke Büttel-Wirth kennt beides: Ihr Sohn ist ein Zappelphilipp, hat also ADHS, ihre Tochter ist ein Träumerchen, eine ADS-lerin. Da stößt jede Familie schnell an ihre Grenzen.

Beide Kinder zeigten im Alter von sechs Jahren die entsprechenden Symptome, also kurz nach der Einschulung. Beim Sohn, er ist zwei Jahre älter als seine Schwester, waren die Probleme gravierender, „weil wir damals noch nicht den Grund für sein Verhalten wussten“. Elke Büttel-Wirth erinnert sich noch genau: „Die Lehrerin sagte zu mir, dass mein Erziehungsstil schuld sei.“ Das ließ sie nicht auf sich sitzen. Sie ging mit ihrem Kind zum Arzt. Selbst als bei ihrem Sohn ADHS festgestellt wurde, habe die Lehrerin die ärztliche Diagnose als „faule Ausrede“ abgetan. Das ärgert Elke Büttel-Wirth noch heute. Doch der Sohn zeigte schnell ein völlig anderes Verhalten – dank Methylphenidat, so Elke Büttel-Wirth. Einen Satz ihres Sohnes, den er eine Woche nach der Medikamenteneinnahme sagte, wird sie nie vergessen: „Mutter, ich kann jetzt endlich zuhören.“

Als ihre Tochter Anzeichen von Aufmerksamkeitsschwäche zeigte, reagierte sie sofort. Auch die Tochter erhielt wie ihr Bruder zusätzlich zu psychotherapeutischen Maßnahmen das umstrittene Medikament Ritalin, das viele verteufeln oder – wie Elke Büttel-Wirth – als Segen bezeichnen. „Es wird häufig viel zu negativ dargestellt, uns hat es jedoch sehr geholfen.“

Der Handelsname Ritalin hat sich mittlerweile zum Synonym für den Arzneistoff Methylphenidat entwickelt – wie Tempo für Papiertaschentücher oder Selters für Mineralwasser. Heute sind mehrere ADHS-Medikamente, die diesen Wirkstoff enthalten, auf dem Markt. „Allerdings hilft nicht jedes Mittel gleich gut“, ist die Erfahrung von Elke Büttel-Wirth, „das beste ist Ritalin, aber auch das teuerste.“ Deshalb würde es heute kaum noch verschrieben.

Corina Keller-Kaesler bezeichnet Medikamente wie Ritalin als Notlösung. Die Logopädin aus Gerolzhofen schlägt andere Lösungswege vor, um Zappelphilippe oder Traumsusen zu helfen. Sie orientiert sich dabei an den Ideen des bekannten Göttinger Neurobiologen und Hirnforschers Professor Gerald Hüther. Er hat innerhalb seiner Sinn-Stiftung das ADHS-Almenprojekt„Via Nova“ entwickelt. Von 2009 bis 2011 organisierten Corina Keller–Kaesler sowie Rüdiger Bachmann und Brigitte Kotzke drei „Almen“ mit jeweils sechs Kindern und Jugendlichen. Sie dauerten sechs bis acht Wochen, hinterher gab es eine Nachbetreuung in den Familien samt Aufklärung und Beratung über ADS und ADHS. Seit 2012 führen Corina Keller-Kaesler und ihre Mitstreiter das Almenprojekt im „Netzwerk-Potentialentfaltung“ fort – neu konzeptioniert, aber immer noch angelehnt an Hüthers Vorstellungen.

Für die Logopädin ist Ritalin „eine Katastrophe“ und ADHS „keine Krankheit, sondern eine Sammlung von Symptomen. ADHS ist keine Aufmerksamkeitsstörung, und es ist auch kein gestörter Hirnstoffwechsel nachzuweisen, also kein Mangel des Botenstoffs Dopamin“, sagt sie und widerspricht damit vehement Experten wie Professor Marcel Romanos, Direktor der Würzburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der sagt, ADHS habe vor allem genetische Ursachen (siehe nebenstehendes Interview). Ein anderer Grund für Unruhe, Aggressivität, Nervosität und Agilität bei Kindern beruht laut Corina Keller-Kaesler auf fehlenden Sozialisationserfahrungen. Die Gerolzhöfer Logopädin spricht von „Bindungsproblemen aufgrund zerrissener und zeitlich überbelasteter Familien“, von „durch Medien in Schach gehaltenen Kindern“, von „Überforderungen durch Leistungsansprüche in der Schule und vonseiten der Eltern, die von ihren Kindern herausragende Erfolge erwarten“.

Auch der Würzburger Kinder- und Jugendpsychiater Christoph Schubert fragt sich: „Was ist los in unserer Gesellschaft?“ Er ist der Meinung: „Die Kinder selbst haben sich erst mal nicht verändert, das gesamte Umfeld in dem sie aufwachsen sicherlich schon“ – er meint damit nicht nur den enormen Leistungsdruck in der Schule oder die ständige Medienpräsenz durch Smartphones, Internet, TV, „die Rückzugsmöglichkeiten und echte Pausen verhindern“. Verändert habe sich auch die Erziehung. „Sie ist freier, weniger autoritär und räumt den Bedürfnissen der Kinder mehr Mitsprache und Gestaltungsmöglichkeiten ein. Dadurch entwickeln die Kinder allerdings früher ihre eigene Persönlichkeit und damit schon in jungem Alter Ecken und Kanten, an denen sich andere, aber auch die Kinder selbst reiben und stoßen.“

Den oft zu hörenden Satz, dass Kinder heute schwieriger geworden seien, trifft die Situation seiner Meinung nach nicht richtig. Kinder sind heute, so Schubert, „starke Charaktere, die sich in jüngerem Alter ausprägen und damit Eltern, Erzieher, Lehrer, ja eigentlich alle, die mit ihnen zu tun haben, vor neue pädagogische Herausforderungen stellen“. Deshalb könnten leistungsfördernde Substanzen wie Methylphenidat zwar eine Hilfe für das einzelne betroffene Kind, aber keine Lösung der gesellschaftlichen Entwicklungen sein.

Mütter wie Elke Büttel-Wirth kennen den Alltag mit AD(H)S-Kindern – und die Vorurteile und Hürden, die vor 15 Jahren noch weiter verbreitet beziehungsweise höher waren als heute. Ihr Sohn und ihre Tochter haben die Schule – dank Therapie und Medikation – gut gemeistert, sagt sie. Dennoch überredet sie neue Mitglieder der Selbsthilfegruppe „Hypies & Co.“ nicht dazu, sich für Methylphenidat zu entscheiden. Das müsse jede Familie selbst ausprobieren. Ohnehin steht beim Erstkontakt mit der Selbsthilfegruppe anderes im Vordergrund. „Wer zu uns kommt, ist in Not, diese Väter und Mütter müssen erst mal reden, Dampf ablassen.“ Oft würden Tränen fließen, deshalb sei zunächst Zuhören und Mitgefühl sehr wichtig, erst dann der Erfahrungsaustausch.

Zu den Erfahrungen von Corina Keller-Kaesler gehört, „dass es auch anders geht“. Ritalin führt ihrer Meinung nach in eine „Sackgasse“, Kinder würden ruhiggestellt, damit sie funktionierten. Wichtig sei neues Denken, „es kann nicht sein, dass unsere Kinder gedopt werden“. Deshalb will das „Netzwerk Potentialentfaltung“ keine Alternative, sondern einen neuen Weg anbieten, einen Raum, „in dem Kinder nicht funktionieren müssen, keine Angst vor Versagen erleben, sondern ihre Potenziale entwickeln können“.

Selbsthilfe und ein Netzwerk

In Unterfranken gibt es mehrere AD(H)S- Selbsthilfegruppen. Eine Auswahl:

„Hypies & Co.“: Die Schweinfurter Selbsthilfegruppe trifft sich jeden letzten Freitag im Monat um 20 Uhr im Pfarrzentrum Sankt Kilian. Weitere Informationen gibt Elke Büttel-Wirth, Tel. (0 97 21) 2 10 98.

Der Würzburger Gesprächskreis „ADHS/ADS Hyperaktive/Hypoaktive Erwachsene und Kinder“ ist über Ulrike Langhans und Wolfram Möller erreichbar: Tel. (0151) 12 98 67 83.

„Chaos-Treffen“: Ansprechpartner für die ADHS-Selbsthilfegruppe aus dem Großraum Würzburg ist Silvia Stein, Tel. (0 93 63) 57 30; E-Mail: chaostreffen@lebenszart.de; Info im Internet: www.lebenszart.de/chaostreffen.html

Das „Netzwerk Potentialentfaltung“ ist über Corina Keller-Kaesler beziehungsweise „Das Logopädenhaus“ in Gerolzhofen erreichbar: Tel. (0 93 82) 31 65 73 oder (0173) 66 59 926; E-Mail: info@netzwerkpotentialentfaltung.de

Ständige Unruhe – für die Kinder wie auch fürderen Umfeld oft eine große Belastung.Fotos: Daniel Biscan (3), Uni Würzburg, privat
| Ständige Unruhe – für die Kinder wie auch fürderen Umfeld oft eine große Belastung.Fotos: Daniel Biscan (3), Uni Würzburg, privat
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