Bad Kissingen

23-Jähriger Schläger muss neun Monate hinter Gittern

Aussagen, die sich widersprechen, Absprachen vor dem Prozess - das Urteil des Gerichts: Der 23-jährige war betrunken, aggressiv und hat zugeschlagen.
Gerangel beim Diskobesuch: Unvermittelt hat ein 23-Jähriger einen Faustschlag ausgeteilt, weil sich der junge Mann um die Freundin des Verurteilten sorgte, der die Mutter seines Kindes bei einem Streit zu Boden schubste. Foto: imago/imagebroker (Symbolfoto)
Gerangel beim Diskobesuch: Unvermittelt hat ein 23-Jähriger einen Faustschlag ausgeteilt, weil sich der junge Mann um die Freundin des Verurteilten sorgte, der die Mutter seines Kindes bei einem Streit zu Boden schubste. Foto: imago/imagebroker (Symbolfoto)
Das hatte sich die Verteidigerin wohl irgendwie anders vorgestellt. Zweimal war die Hauptverhandlung am Kissinger Amtsgericht unterbrochen und wieder fortgesetzt worden. Wichtige Zeugen hatten sich entschuldigen lassen. Der letzte war schließlich auf Staatskosten 120 Kilometer aus Hessen herangekarrt worden, um seine Aussage zu machen, von der sich die Verteidigerin wohl die entscheidende Entlastung erhofft hatte. Dass Staatsanwältin und Richterin den 19-Jährigen noch vor seiner Aussage als unbrauchbar einstufen würden, konnte sie nicht ahnen.

"Sie wissen genau, es steht viel auf dem Spiel", sagte die Richterin in Richtung Anklagebank. Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte werden dem 23-jährigen Angeklagten vorgeworfen. Zuhause hat er Kind und Freundin. Er ist Alleinverdiener und ernährt die junge Familie. Gleichzeitig sitzt er auf Bewährung eine Strafe wegen Körperverletzung ab. Nicht die erste. Nicht die letzte.

Kurze Haare, Goldkette, trainiert, braungebrannt, starre Miene. Er bleibt dabei: Er habe niemanden geschlagen an dem Abend im Look.

Es war Ende Oktober im vergangenen Jahr. Seine Freundin und er gerieten in Streit. Wie es in der Folge dazu kommen konnte, dass einem jungen Mann daraufhin drei Wochen lang der Kiefer schmerzte, sollte mithilfe einer Handvoll Zeugen am Amtsgericht geklärt werden.

Für das Gericht steht fest: Der Angeklagte hatte ausgeholt und zugeschlagen. Bei der Meinungsverschiedenheit habe er seine Freundin geschubst. Beide hatten getrunken. Als die junge Frau umfiel, mischte sich ein Unbeteiligter ein: "Was ist denn los?", wollte der wissen und kassierte prompt einen Kinnhaken.

"Es ist ein deutliches Zeichen für Ihre Gewaltbereitschaft und Ihr Aggressionspotenzial, wenn Sie gleich zuschlagen, wenn sich jemand erdreistet zu fragen, wie Sie mit Ihrer Freundin umgehen", meinte die Richterin. Das Opfer schlug mit dem Rücken auf den Boden. Gut zwei Promille hatte der Angeklagte in diesem Moment getankt.


Widersprüchliche Aussagen

Die Zeugen, mit denen die Verteidigung das Gericht von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen versuchte, entpuppten sich als Komplett-Ausfall: Verstrickungen in Widersprüche und abgestimmte Aussagen killten aus Sicht von Gericht und Staatsanwaltschaft Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit. Gekrönt von der Aussage des letzten Zeugen. Den bewertete die Verteidigerin als unverzichtbar, um herauszufinden, wer wen zuerst geschubst hatte und ob Schläge ausgeteilt worden waren. Die Mauern in einem Gerichtsgebäude sind dünner als der Angeklagte offenbar angenommen hatte. Die Richterin konfrontierte den Zeugen damit, dass sowohl sie als auch die Staatsanwältin vor der Verhandlung hören konnten, wie sich der Angeklagte mit dem Zeugen abgesprochen hatte. Beide kennen sich laut Aussage des 19-Jährigen nur "vom Sehen her". Ja, unterhalten haben sie sich vor Beginn der Verhandlung im Aufenthaltsbereich, antwortete der Zeuge auf die Frage der Richterin. "Auch über die Aussage?", wollte die wissen. "Was hat er Sie gefragt?" "Weißt du, was du sagen musst", antwortete der 19-Jährige spontan und merkte schnell, dass das wohl gerade nicht das war, was er loswerden sollte.

"Dermaßen erstunken und erlogen. Und dann stimmt sie inhaltlich ja noch nicht mal mit Ihrer überein. Diese Aussage können wir völlig vernachlässigen", urteilte die Richterin. Genauso wie die der Freundin, meint sie. Die habe ihre schriftlichen Angaben, die sie der Polizei geschickt hatte, lediglich wiederholt. Auffällig: beinahe im selben Wortlaut. Mit leerem Blick sitzt die zierliche junge Frau in der zweiten Reihe im Publikumsbereich. "Sie haben sich und Ihrer Freundin keinen Gefallen getan, diese Zeugen zu präsentieren", sagte die Richterin in Richtung Anklagebank.

Nach Ansicht der Vertreterin der Staatsanwaltschaft habe sich während des Prozesses bestätigt, was in der Anklageschrift steht. Die Körperverletzung genauso wie der Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Nach einer Weihnachtsfeier hatte er sich volltrunken am Kissinger Bowlingcenter zuerst gegen einen Platzverweis und dann gegen die Polizisten gewehrt, die ihm schließlich Handschellen anlegten und ihn mitnahmen. Die Forderung der Staatsanwältin: neun Monate Freiheitsstrafe. "Unverhältnismäßig", meinte die Verteidigerin.

Sie habe erhebliche Zweifel am Tathergang und sieht den Tatvorwurf als "nicht bestätigt". Sie forderte, ihren Mandanten freizusprechen. "Die Familie ist finanziell auf ihn angewiesen." Mit einem Nebenjob stottere er seine Schulden ab und er halte sich an seine Bewährungsauflagen. Dass er ein Alkoholproblem hat, wisse er, versicherte seine Anwältin. Er wolle sich bei den Anoymen Alkoholikern Hilfe holen. "Es ist schon möglich, dass ich manchmal zu viel trinke", sagte der Angeklagte. "Ich werde versuchen, den Alkohol aus meinem Leben rauszulassen." Diese Einsicht kam der Richterin etwas spät.

Nach dem letzten Urteil im Jahr 2015 und den vorangegangenen sieben Vorstrafen hätte er längst etwas dagegen tun sollen, meinte sie. Bereits 2013 habe er wegen gefährlicher Körperverletzung zwei Wochen im Jugendarrest verbracht. Weil er zur Tatzeit eine Bewährungsstrafe zu verbüßen hatte, komme eine Geldstrafe für sie nicht in Betracht, erklärte die Richterin.

Sie ging auf die Forderung der Staatsanwältin ein und verurteilte den 23-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten. Bewährung ausgeschlossen. "Ich wollte mit Sicherheit keinen verletzen und keinem wehtun", sagt der Verurteilte. Vielleicht glaubt ihm sein Sohn, wenn der ihn mit seiner Mutter im Gefängnis besuchen kommt.

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