Sulzthal

400 meckernde Vierbeiner auf Wanderschaft

Der bei den Ziegen wacht: Schäfer Dietmar Weckbach ist für die Herde des Landkreises verantwortlich.
Foto: Isolde Krapf | Der bei den Ziegen wacht: Schäfer Dietmar Weckbach ist für die Herde des Landkreises verantwortlich.

Dass ein Schäfer eine reine Ziegenherde anführt, ist schon selten genug. Dass diese Herde einem Landkreis gehört, ist wohl die absolute Ausnahme. Vor zwei Jahren rief man bei der Unteren Naturschutzbehörde im Bad Kissinger Landratsamt diese Maßnahme ins Leben: Im Rahmen des „LIFE plus-Projekts MainMuschelkalk“ schickten die Initiatoren erstmals Ziegen auf die Hänge und Magerrasen des Kreises, um diese nach alter Tradition zu pflegen.

Am Donnerstag war nahe Sulzthal zwar der offizielle „Almauftrieb“ mit Schäfer Dietmar Weckbach (Wüstensachsen) angesagt. In Wirklichkeit werden die Tiere aber erst nach und nach auf die Trockenrasenstandorte geholt. Denn momentan gibt's dort noch nicht viel Grünfutter. Das brauchen die Ziegen nämlich als Nahrungsquelle. Zwar knabbern sie liebend gern (zu 60 Prozent) an Gehölzen herum, sagt Weckbach. Aber dann muss auch mal was Grünes in den Magen.

„Höbbel kooomm, komm, komm! Höbbel kooom!“, ruft der Mann im Schäfer-Ornat den Hang hinunter und pfeift trillernd hinterher. Doch es passiert gar nichts, keine einzige Ziege springt hinter den Büschen hervor. „Sie müssen sich erst an die neue Umgebung gewöhnen“, sagt Weckbach und grinst. Er kennt ja seine Pappenheimer. Dann kommt erneut sein Lockruf und plötzlich hört man das Getrappel und schüchterne Mäh! Mäh! der Vierbeiner. Da kommen die Ziegen auch schon heraufgeklettert und scharen sich um ihren „Herrn“.

Fit auf die Wanderschaft gehen

Am Donnerstag sind es etwa 50 Tiere, die die relativ steil abfallenden Hänge oberhalb von Sulzthal schon beknabbern. Weitere 350 sollen folgen, denn die Herde der Kreises hat insgesamt 400 Ziegen. Eigentlich überwintern die Tiere in Greßthal. Diesmal hatte Weckbach sie aber im eigenen Stall in Wüstensachsen einquartiert. „Dann habe ich sie in meiner Nähe, wenn sie zickeln“, spricht der 51-Jährige das Gebären an.

Bevor die meckernden Vierbeiner jetzt auf die Reise nach Sulzthal gehen dürfen, müssen sie einen Gesundheitscheck durchlaufen, da ist Weckbach eisern. Denn sie sollen fit für die Wanderung im Freien sein, sagt er. Man muss sie gegen Parasiten und andere Krankheiten schützen. Immerhin treiben sie sich ein halbes Jahr lang, bis 1. November, bei jedem Wetter zwischen Hecken, Büschen und unter Bäumen herum.

Die Wanderschaft geht ja bei Sulzthal erst richtig los. Weitere Stationen sind später Magerrasen bei Machtilshausen, am Hammelberg, am Schwedenberg, am Kloster und am Sodenberg. Im Herbst fressen die kleinen Wiederkäuer dann auf den Trockenrasenstandorten bei Homburg im Spessart weiter, bevor sie in ihr Winterquartier zurückkehren. An dem Projekt sind nämlich gleich vier Gebietskörperschaften beteiligt, erklärt Landrat Thomas Bold am Donnerstag beim Ortstermin.

Stadt und Landkreis Würzburg, sowie die Kreise Bad Kissingen und Main-Spessart bringen jährlich jeweils 25 000 Euro auf. 80 Prozent der anfallenden Kosten werden über EU-Mittel gedeckt. Ein gewisser Stolz klingt da schon durch, wenn der Kreischef anschließend erklärt, wie man mittels dieser kleinen Fresser die „Kulturlandschaft pflegt und zeigt, wie sie früher einmal war“. Die Artenvielfalt bleibt so für die Wanderer sichtbar, sagt Bold. Plötzlich erblickt man dann im Wald wieder mal ein Adonisröschen und Orchideen.

Schäfer kann man nur aus Leidenschaft sein, denn da heißt es täglich hart arbeiten, sagt Weckbach. Auch als „Herr der Ziegen“ kann er da nicht anders. Täglich wird er nun von Wüstensachsen herfahren und die Tiere versorgen. „Sie brauchen Wasser und kriegen Mineralfutter.“ Natürlich muss er nach dem Gesundheitszustand schauen. „Man sieht schon, wenn ein Tier mal was hat“, sagt der erfahrene Schafhalter.

Ach ja, und die Zäune, innerhalb derer sich die Ziegen aufhalten, müssen er und seine Helfer auch täglich umstellen. Das ist an steilen Hängen gar nicht so leicht. „Da muss man beweglich sein. Ich brauche jedenfalls kein Fitnessstudio“, kommentiert er das, was er als „Akrobatik am Steilhang“ beschreibt. Aber er macht's halt gerne. Die Leute verstehen das oft nicht, wenn sie sehen, wie er sich abrackert. Weckbach lacht sein schelmisches Lachen: „Und dann sagt schon mal einer, dass man nicht ganz normal sein muss, wenn man so etwas macht.“

Freude an der Arbeit

Für ihn, den Schäfer in der fünften Generation, ist die Arbeit nicht nur das „täglich Brot“, sondern auch die tägliche Freude. „Ich konnt damals als kleiner Bub grad laufen, da war ich schon mit dem Vater draußen“, sagt er. Dann schaut er sinnierend in die Luft: „Freilich gibt es auch bei mir Tage, da wünschte ich, ich hätte es nie gemacht.“

34 Jahre war der gebürtige Greßthaler als Wanderschäfer unterwegs, bevor ihn die Liebe nach Hessen verschlug. Seit 25 Jahren ist er in Wüstensachsen „sesshaft“. Zu Hause hat er 500 Schafe stehen und 170 Hektar Grünland zu bewirtschaften – und nebenbei ist da noch sein Gasthaus. Welch ein Glück, dass Sohn Moritz in seine Fußstapfen treten will und schon dabei ist, sich zu Hause eine eigene Existenz aufzubauen.

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