Bad Kissingen

70 Jahre Kriegsende: Heißer Tag, eisige Nacht

Zwei Menschen, zwei Erinnerungen: Die Garitzer Leopoldine Wiesner und Johannes Köhler erleben als Kinder das Ende des Zweiten Weltkriegs jeder unterschiedlich. Für ihn endet der Schrecken, für sie beginnt die Vertreibung.
Der Zweite Weltkrieg endete in Europa vor genau 70 Jahren am 8. Mai 1945. Entfesselt vom nationalsozialistischen Deutschen Reich hatte er weltweit über 60 Millionen Menschen das Leben gekostet.

In Bad Kissingen war der Krieg bereits einen Monat früher um Ostern mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen vorbei. Am 7. April, um die Mittagszeit steht der elfjährige Johannes Köhler am Dachfenster des Elternhauses in der Seehofstraße in Garitz. "Ich war einer der ersten, der die Amerikaner gesehen hat", berichtet er. "Wir hatten direkte Sicht auf den Seehof. Dort standen die Amerikaner in einer Biegung. Nach einiger Zeit löste sich ein Jeep mit weißer Fahne." Es war ein heißer Tag. Köhler und andere Kinder brachten den durstigen Soldaten Wasser in Milchkannen und erhielten wiederum in grünes Plastik verpackte Notrationen mit Fleisch, Brot, Kaffee.

Am Tag vorher hatte sich das deutsche Militär vom Westufer der Saale durch die Stadt nach Osten zurückgezogen und die Ludwigsbrücke gesprengt. Die Amerikaner überquerten die Saale über den Schweizerhaussteg. Die Kurstadt, die damals als Lazarettstadt genutzt wurde und voller Verwundeter war, wurde friedlich übergeben. Die Besatzer verhängten Ausgangssperren, Waffen, Munition sowie Fotoapparate mussten abgegeben werden.

Flucht durch Winternacht

Für Leopoldine Wiesner waren die Schrecken allerdings noch nicht vorüber. Während Nazideutschland kapitulierte, lebte das damals neun Jahre alte Mädchen mit ihrer Mutter, den beiden Brüdern und der älteren Schwester in Eger im Sudetenland (heutiges Cheb an der deutsch-tschechischen Grenze). Der Vater war im Krieg vermisst. "In Eger waren zunächst die Amerikaner eingezogen", sagt die 79-jährige Garitzerin.

Nach dem Krieg gehörte die Stadt zur Tschecheslowakei. Die deutsche Bevölkerung wurde mit den Beneš-Dekreten noch im selben Jahr enteignet, die Vertreibung begann. Wiesner erlebte, wie Deutsche von den Tschechen auf Lastwagen geladen wurden und ihnen alles, was sie nicht tragen konnten, abgenommen wurde. "Das hat mich wirklich entsetzt."

Die verbliebende deutsche Bevölkerung fürchtete Repressionen durch die Tschechen, etwa, dass man zur Arbeit in Bergwerken gezwungen wurde. "Meine Mutter hatte Angst um meine Schwester", erzählt Wiesner. Dass das Kind eines Tages verschwinden könnte. Also entschied sie sich zur Flucht.

In einer Novembernacht kurz nach Wiesners zehntem Geburtstag machte sich die Familie auf den Weg über die Grenze. Jeder trug das, was er konnte: Lebensmittel, mehrere Schichten Kleider am Leib, einen Teppichläufer, damit sie nicht auf dem gefrorenen Boden schlafen mussten. "Es war eisig", schildert Wiesner den Gewaltmarsch. "Der Weg ging durch den Wald. Es war glatt und wir sind immer wieder hingefallen."

Unter Beschuss

Unterwegs wurden sie von Grenzern entdeckt und unter Beschuss genommen. "Schnell Kinder geht weiter", feuerte die Mutter an. Mit Glück erreichte die Familie unverletzt einen Gasthof in Arzberg. Von dort ging es zu Fuß ins 100 Kilometer entfernte Bamberg und dann mit dem Zug nach Bad Kissingen, wo Verwandte lebten. "Wir sind am 5. Dezember am Bahnhof angekommen", sagt Wiesner. In erbärmlichen Zustand.

Harter Neustart in Bad Kissingen

Direkt nach Kriegsende hatte in Ost- und Südosteuropa eine wilde Vertreibung der deutschen Bevölkerung eingesetzt, die sich bis 1946 als organisierte fortsetzte. Rund 15 Millionen Menschen in den vormals deutschen Ostgebieten verloren ihre Heimat. Allein Bayern nahm in den beiden Jahren zwei Millionen Flüchtlinge auf. In den damaligen Landkreisen Bad Kissingen, Brückenau und Hammelburg lebten im Oktober 1946 rund 18 500 Vertriebene. Monatlich kamen zwischen 300 und 400 Neue an. Zunächst wurden sie in Behelfsunterkünften und Lagern untergebracht. Eine böse Zeit, erinnert sich Johannes Köhler. "Die Flüchtlinge waren seiner Zeit sehr verhasst", sagt er. Viele waren aufs betteln angewiesen.
Die Anfangszeit war für Wiesners Familie nicht leicht. Sie wohnten zu fünft in einem Zimmer im heute leerstehenden Gasthof Krone in der Salinenstraße. Die Mutter schlug sich als Näherin durch, die ältere Schwester als Hausmädchen. "Auch ich habe von meinem zehnten Lebensjahr an Geld verdient", erzählt Wiesner.

Wenig später wurden sie ins Universum (Hotel Residenz am Rosengarten) einquartiert. "Oh Gott, eine Flüchtlingsfrau mit vier Kindern", wurde gelästert. Die Familie wurde immer wieder zur Zielscheibe gehässiger Bemerkungen. Man lebte unter ärmlichen Bedingungen. "Meine Mutter war sehr verzweifelt", sagt Wiesner. Trotzdem klappte der Neustart für sie wie auch für viele andere Vertriebene, die einen wesentlichen Beitrag zum Wiederaufbau leisteten. Bereits 1949 existierten in Bad Kissingen 17 Flüchtlingsbetriebe mit 180 Beschäftigten.

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