Bad Kissingen

70er-Serie: "Die besten Jahre meines Lebens"

Dorothea Hirschberg ist Jahrgang 1954, Tochter Teresa ein Kind der 90er. Ein Gespräch über die Sorglosigkeit der 70er, Provokationen und "Heiraten müssen".
Das Foto, über das sich Oma immer schrecklich aufregte: Mit ultrakurzem Kleidchen und auf der Parkbank lümmelnd im Österreichurlaub in Thalgau im August 1973. Foto: Archiv Familie Hirschberg/Repro Teresa Hirschberg
Das Foto, über das sich Oma immer schrecklich aufregte: Mit ultrakurzem Kleidchen und auf der Parkbank lümmelnd im Österreichurlaub in Thalgau im August 1973. Foto: Archiv Familie Hirschberg/Repro Teresa Hirschberg
Sie ist der Chef in der Familie, schon immer gewesen. So empfinde ich das jedenfalls. Meine Mutter ist eine starke Frau, die stets weiß, was zu tun ist und wo sie hin will. Beim gemeinsamen Durchblättern der alten Fotoalben wird klar: Die 70er haben ihren Teil dazu beigetragen.

Wenn ich mir die Fotos von dir aus den 70ern anschaue, warst du sehr modeaffin. Wie hast du dich über aktuelle Trends informiert?
Dorothea Hirschberg: Je nachdem, was wir an anderen gesehen haben, wenn wir zum Beispiel in der Stadt unterwegs waren. Oder daran, was in den Schaufenstern hing. Und natürlich über den Quelle-Katalog, auf den haben wir immer sehnlichst gewartet.

Deine Röcke waren ganz schön kurz. Hat Oma das nicht gestört?
Wenn ich aus dem Haus bin, habe ich den Bund meiner Röcke immer noch ein- oder zweimal umgeschlagen - aber erst, sobald sie mich nicht mehr gesehen hat.

Und was haben die Leute im Dorf von deinen Outfits gehalten?
Ich weiß noch genau, als ich zum ersten Mal im Gottesdienst hohe Stiefel anhatte. Da haben sich alle auf der Kirchenmauer umgedreht und getuschelt, als ich an ihnen vorbei bin. Aber ehrlich gesagt: Wir haben es schon genossen, zu provozieren.

Was hast du in deiner Freizeit unternommen?
Jeden Abend etwas anderes: Mandolinenunterricht, Sport, Büchereidienst, Jugendgruppe, Vereine, Tanzen. Hauptsache raus aus dem kleinen Zimmer und weg von den engstirnigen Eltern.

Wie sah es mit dem Thema Pille aus?
Ich habe die Erfindung der Pille als nicht besonders revolutionär empfunden. Im Internat habe ich mal mit den anderen Mädchen darüber gesprochen. Selbst habe ich sie ja auch erst nach dem ersten Kind genommen. Beim Thema Verhütung waren wir relativ sorglos.

Und wer hat dich damals aufgeklärt? War das Oma?
Nein, ich habe mich selbst aufgeklärt. Durch Gespräche mit Freundinnen oder durch Zeitschriften.

Und wenn du schon vor der Hochzeit schwanger geworden wärst?
Dann hätten wir eben eher geheiratet, heiraten müssen. Meine Eltern hätten mich schon nicht aus dem Haus gejagt. Aber sie wären erst einmal entsetzt gewesen. Für meine Mutter wäre es das Schlimmste gewesen, wenn die Leute im Dorf darüber geredet hätten. Sie war sehr altmodisch, konservativ und super christlich.

Hättest du im Nachhinein lieber erst später dein erstes Kind bekommen und geheiratet und nicht schon mit Anfang 20?
Wir waren wirklich noch sehr jung und hätten noch ein paar Jahre warten können. Wir haben aber wirklich ein Kind gewollt. Im Nachhinein war es aber absolut unvernünftig.

Hast du dich als Feministin und als emanzipiert empfunden?
Als Feministin nicht, aber als emanzipiert schon. Ich habe schließlich meinen Beruf selbst gewählt, meine Ausbildung gemacht und mir nicht von meinen Eltern reinreden lassen bei Partnerwahl, Kindererziehung und Hausbau. Außerdem ist dein Vater in den 70ern noch zur BAS und FOS gegangen, während ich in der Zeit den Lebensunterhalt verdient habe. Ich habe bis 1981 Vollzeit gearbeitet, trotz Kind. Helmut war als Vater aber auch sehr engagiert. Angeblich war er sogar der erste Mann, der mit dem Kinderwagen durchs Dorf gelaufen ist und wurde prompt darauf angesprochen. Das war wohl noch nicht so damals.

Hast du dich im Vergleich zu deinen beiden älteren Brüdern ungerecht behandelt gefühlt?
Ihnen wurde mehr verziehen. Außerdem wollte ich immer Sozialpädagogik studieren, aber meine Eltern haben mich nicht darin unterstützt. Ich weiß noch genau, dass meine Mutter gesagt hat: Jetzt hast du schon so einen schönen Beruf lernen dürfen und bist immer noch nicht zufrieden. Sie hat damit zwar nicht direkt gesagt, dass eine Frau nicht zu studieren braucht, aber gemeint hat sie es.

Ich empfinde dich als starke Frau. Haben dich die 70er als die Person geprägt, die du heute bist?
Wir haben von jung auf viel mit anpacken müssen. Wir mussten früh Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Vor allem wenn man früh ein Kind hat, prägt einen das schon. Das macht einen stark.

Was sind deine schönsten Erinnerungen an die 70er?
Die 70er waren die besten und produktivsten Jahre meines Lebens: Ich habe meine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, meinen Mann kennengelernt und geheiratet, unser Haus gebaut und mein erstes Kind bekommen. Und ich würde alles nochmal genauso machen.

Die Fragen stellte
Teresa Hirschberg.

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