BAD KISSINGEN

Als die Presse bei Bismarck auf die Waage schaute

Lokale Zeitgeschichte hat in seinem Buch mit dem Titel Gesucht: Strichsliebhaber und Lusttragende zusammengetragen. Einen großen Teil nehmen in der Sammlung mit 750 Seiten Berichte aus der damals aufstrebenden Kurstadt Kissingen ein. Auf rund 750 Seiten bündelt der 76-Jährige Nachrichten aus der ganzen Region, zwischen denen sich auch Weltpolitik wiederfindet. Als Quellen für das Werk dienten dem pensionierten Lehrer das „Anzeigeblatt für Hammelburg“ und die angrenzenden Gerichtsbezirke und das Hammelburger Journal.
Klaus Reinhard mit seinem Buch zum Zeitgeschehen von 1850 bis 1900 im Raum Bad Kissingen und Hammelburg. Foto: Wolfgang Dünnebier

Lokale Zeitgeschichte hat Klaus Reinhard (Thulba) in seinem Buch mit dem Titel Gesucht: Strichsliebhaber und Lusttragende zusammengetragen. Einen großen Teil nehmen in der Sammlung mit 750 Seiten Berichte aus der damals aufstrebenden Kurstadt Kissingen ein. Auf rund 750 Seiten bündelt der 76-Jährige Nachrichten aus der ganzen Region, zwischen denen sich auch Weltpolitik wiederfindet. Als Quellen für das Werk dienten dem pensionierten Lehrer das „Anzeigeblatt für Hammelburg“ und die angrenzenden Gerichtsbezirke und das Hammelburger Journal.

„Geschichte wiederholt sich, nur nicht so intensiv“, folgert Reinhard nach der Auseinandersetzung mit den Ereignissen von damals. Dabei lässt er bis auf sein Vorwort die Nachrichten meist für sich selbst sprechen. Einige der von ihm ausgewählten Artikel hat er mit launigen Randbemerkungen und aktuellen Bezügen zur Gegenwart verliehen.

Themen gab es rückblickend reichlich. Schon die seinerzeit regelmäßig veröffentlichte Gästeliste lässt Reinhard staunen. „Bis zu 27 Nationen waren vertreten. Das hätte ich nicht gedacht“, gesteht er.Natürlich wollte die Stadt ihren Gästen damals was bieten. Von der andauernden Diskussion um den Verlauf des Bahnanschlusses von Schweinfurt her steht einiges geschrieben.

Klatsch und Tratsch

Aber es gab auch Überlegungen für den Bau einer Seilbahn vom Bahnhof in die Stadt. Schon konkreter waren die Pläne für eine Rollschlittschuhbahn. „Doch konnte man sich bis jetzt noch nicht auf einen geeigneten Platz verständigen“, hieß es damals in der Zeitung.

Viele Texte drehen sich um die mehrwöchigen Kuraufenthalte von Reichskanzler Otto von Bismarck. Die Bevölkerung machte viele Kopfstände, um es dem illusteren Gast in der Stadt möglichst bequem zu machen. In den Pressestimmen von damals ging es um Politik, aber auch um viel Klatsch und Tratsch. So schrieben die Autoren 1877 wortwörtlich nicht nur von Bismarcks Zunahme an Popularität, sondern auch an Gewicht. Und belegten gleich schwarz auf weiß, dass sie sich dies nicht aus den Fingern gesogen hätten: „Er ließ sich dieser Tage in Bad Kissingen wiegen, was ein Ergebnis von 230 Pfund ergab. Im vorigen Jahr wog der Reichskanzler 219 Pfund.“ Im Kontrast zu diesem Personenkult um den Reichskanzler steht die vielfach geschilderte Not der kleinen Leute. Sie führte etwa zu einer „Schiffsschlacht“ auf der Saale. Nach dem viel diskutierten Stapellauf der Saaledampferle gab es sogar eine handfeste Schlägerei zwischen den Bootsbesatzungen und Anglern. Letztere fürchteten um ihre Fänge.

Vermieter in Existenznöten

Der Schweizerhaus-Steg wurde 1878 fertig. „Derselbe trägt einfach, aber geschmackvoll nicht wenig zur Verschönerung der Umgebung bei“, fand der Berichterstatter. Der alte Holzsteg war demnach nicht nur unschön, sondern auch gefährlich, besonders wenn sich Neugierige zur Besichtigung des Dampfschiffes darauf versammelten, hieß es damals.

Der Buchtitel mit den Strichsliebhabern und Lusttragenden ist Anzeigen entnommen, die für Interesse an Versteigerungen werben. Viele Menschen wollten auswandern und mühten sich vorher, ihr Hab und Gut möglichst lohnend loszuwerden.

In Bad Kissingen gab es sogar Zwangsversteigerungen. Die Vermieter verlangen zu wenig, um über die Runden zu kommen, schrieb ein Berichterstatter ebenfalls im Jahre 1878.

„Was in Marienbad und Karlsbad gezahlt wird, könnte doch auch in Kissingen geleistet werden. Und nimmt man die Hälfte der Preise, so ist dies doch gewiss bescheiden“, ermunterte der Mann dazu, höhere Preise zu nehmen.

Reinhard sieht die von ihm gesammelten Berichte als winziges Mosaiksteinchen eines großen Panoramas über die damalige Zeit. „Ich erhebe keinen Anspruch auf eine wissenschaftlich ausgereifte Geschichtsdarstellung“, betont er. Der Freude am Schmökern tut das keinen Abbruch.

Zu bekommen ist das Buch über die Buchhandlung Seitenweise in Bad Kissingen und den Bunten Buchladen in Hammelburg. Den Preis von 80 Euro führt der Autor auf den Seitenumfang und das Sonderformat zurück.

Otto von Bismarck weilte öfters in Bad Kissingen. Das Hammelburger Journal berichtete ausführlich. Foto: Pilartz

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