RÖMERSHAG

Auch Grabsteine erzählen Geschichte

Der jüdische Friedhof in Altengronau: Früher war er Bezirksfriedhof für insgesamt 17 Gemeinden, wie die Referentin Gerhild Birmann-Dähne erzählte. Foto: Gerhild Birmann-Dähne

Gebannt blicken die Gäste auf Linde Weiland, die mit kräftiger Stimme einen Psalm auf Hebräisch singt. Es ist mucksmäuschenstill im Saal. Erst als der letzte Ton verklingt, wird geklatscht. „Wie schön“, sagt eine ältere Frau und lächelt.

Etwa 40 Interessierte sind zum Vortrag „Jüdisches Leben in der Rhön“ ins Gasthaus Breitenbach nach Römershag gekommen. Eingeladen hat der Rhönklub zum Kulturtag 2012. „Wir freuen uns sehr, dass Rudi Gerr dieses Thema an uns herangetragen hat“, so Rhönklub-Vorsitzender Tomas Hammelmann, der gleich zwei Referentinnen begrüßt. Denn neben Linde Weiland, die sich freiberuflich als Historikerin dem mittelalterlichen Judentum widmet, ist auch die Zeitlofserin Apothekerin und Buchautorin Gerhild Birmann-Dähne gekommen, um den Gästen etwas über jüdische Friedhöfe zu erzählen.

Viele Fotografien von jüdischen Ruhestätten in der bayerischen, hessischen und thüringerischen Rhön zeigt die 69-Jährige und untermalt diese mit Gedichten und Gedanken. So gibt sie den Bildern vom Friedhof im thüringischen Aschenhausen den Titel „Der Sprung über die Mauer“. „Der Friedhof ist durch eine Mauer geschützt. Beim Sprung darüber kommt man in eine andere Welt“, erklärt sie. Der Friedhof stamme aus dem 18. Jahrhundert. Besonders sei an manchen Gräbern ein Symbol, das aussieht wie ein Auge, von einer Sonne umrandet. „Das ist das Zeichen der Freimaurer“, erklärt sie. Die letzte Ruhestätte für die Verstorbenen in Bauerbach (Thüringen) beschreibt die Referentin als Grabsteine „aufgereiht wie Perlen“. Die neueren Gräber könne man daran erkennen, dass auf der Steinrückseite ein deutscher Text erscheint.

Eine ganze Fotoreihe hat Birmann-Dähne vom Friedhof in Altengronau – zwischen Zeitlos und Jossa – gemacht. Er ist der zweitgrößte jüdische Friedhof in Hessen, war früher Bezirksfriedhof und hatte einen Einzugsbereich von etwa 30 Kilometern und 17 Gemeinden. Das Besondere: Die Grabsteine sind nicht wie üblich geostet, sondern nach Süden ausgerichtet. Um einen Sonnenaufgang mit aufs Foto zu bekommen, steht Birmann-Dähne gerne mal um 4 Uhr morgens auf. Bei ihrer Arbeit gehe es nicht um die wissenschaftliche Abbildung, sondern um Atmosphäre, „den geistigen Hintergrund“.

Die 69-Jährige vermittelt den Gästen das Gefühl, über den Grabstein in die Geschichte des Menschen und sein individuelles Schicksal eintauchen zu können. Sie zeigt zum Beispiel die Fotografie eines Grabsteins, auf dem steht: „1943 in Ausschwitz vergast.“ „Da habe ich erst geweint, bevor ich fotografiert habe“, erzählt sie. Schockiert sei sie von Grabschändungen gewesen, die ihr auf der Reise durch jüdische Friedhöfe in der Rhön begegnet sind. „Das ist nicht die Vergangenheit. Das ist Heute.“

Selbst Jüdin ist Linde Weiland, die den Gästen die Beerdigungsrituale ihres Glaubens näherbringt. „Der Verstorbene wird von oben bis unten gewaschen, bis er ganz rein ist und dann in ein Tuch eingehüllt.“ Eigentlich sollte er einen Tag nach seinem Sterben begraben werden. In Deutschland ist aber wegen der Möglichkeit des Scheintods eine mehrtägige Frist bis zur Beisetzung gesetzlich vorgeschrieben. „Da gilt dann weltliches Gesetz vor Religion.“ Auch ein Sarg ist im jüdischen Glauben eigentlich nicht erwünscht, denn der Körper soll so schnell wie möglich „in die Erde übergehen“.

Ein Brauch sei es, als Besucher des Friedhofs einen Stein auf das Grab zu legen. „Das stammt noch aus der Zeit der Wüstenwanderung. Da wurde der Leichnam mit Steinen zugedeckt, damit er nicht von Schakalen gefressen wird“, erklärt Weiland.

Was das jüdische Leben in der Rhön angeht, wurde 1524 zum ersten Mal ein jüdischer Mann namens David von Brückenau erwähnt. Im Laufe des 16. Jahrhunderts siedelten sich vier Familien an, weiß Weiland. „Das heißt jedoch nicht, dass sonst keine jüdischen Bürger in die Gegend kamen.“ Denn gerade in Gebieten wie der Rhön mit kleinen Ortschaften seien Juden oft von Ort zu Ort gereist. „Ihnen war es nicht erlaubt als Handwerker zu arbeiten, da das Zunftwesen an den christlichen Glauben gebunden war.“ Somit verschrieben sich viele dem Geschäft des Geldverleihens. Die angekauften Habseligkeiten, die nicht ausgelöst wurden, verkauften sie weiter. „Manchmal bezieht sich der Begriff Zigeuner nicht nur auf Sinti und Roma, sondern auch auf umherziehende Juden“, so die Referentin.

Die Gäste erfahren zudem mehr über den koscheren Wein und die Unterschiede in der religiösen Erziehung von Mann und Frau. Interessant auch, dass ein Kind, das von einer jüdischen Frau geboren wird, automatisch Jude ist. Nach fast drei Stunden Eintauchens in jüdische Geschichte, treten die Gäste mit neuem Wissen bereichert den Heimweg an. So auch Werner und Elfriede Eberth, die extra aus Bad Kissingen nach Römershag gekommen sind: „Uns hat es sehr gut gefallen.“

Beeindruckt: Werner und Elfriede Eberth blättern in einem jüdischen Gebetsbuch. Foto: Glatzer

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