Bad Brückenau

Bad Brückenau: Dunkles Kapitel der DDR

Thomas Lukow saß in den Gefängnissen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Heute erzählt er Schülern von seinen Erlebnissen.
Erinnerung an Hohenschönhausen: Jahre später besuchte Thomas Lukow das Gefängnis, in dem er in Untersuchungshaft saß. Foto: Thomas Lukow
Erinnerung an Hohenschönhausen: Jahre später besuchte Thomas Lukow das Gefängnis, in dem er in Untersuchungshaft saß. Foto: Thomas Lukow
Thomas Lukow braucht keine langen Vorreden. "Was heißt DDR?", fragt er, und ja, die Zehntklässler des Franz-Miltenberger-Gymnasiums kennen die Antwort. Die Deutsche Demokratische Republik begann ehemals kurz vor ihrer Haustür, denn die deutsche Teilung teilte auch die Rhön. Lange zählte Bad Brückenau zum Zonenrandgebiet, auf westdeutscher Seite. Die Schüler, die heute im Raum sitzen, kennen das freilich nur aus Erzählungen. Deshalb ist Lukow, der freiberuflich unter anderem für das Stasi-Museum Berlin arbeitet, an die Schule gekommen. Der Vortrag wurde von der Hanns-Seidel-Stiftung vermittelt.


Funktionärskind im Knast

Lukow spricht über Gefängnisse der Staatssicherheit. In zweien saß er selbst, mehrere Monate in Untersuchungshaft in Berlin-Hohenschönhausen und ein Jahr und acht Monate in Bautzen II. Seine Eltern waren Funktionäre, er selbst brachte sich bis zu seinem 18. Lebensjahr bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ein. Dann trat er aus. "Irgendwann fing ich an, die Dinge kritisch zu hinterfragen", erzählt er. Das mündete schließlich in den Fluchtversuch gen Westen.

"Die Zersetzung von Persönlichkeiten war das Ziel dieser Haftanstalten", erzählt Lukow. Ohne Haftbefehl und ohne zu wissen, wo er überhaupt ist, habe er die Untersuchungshaft in Hohenschönhausen erlebt. Die Isolationshaft "macht einen fertig". Die Verhöre seien darauf ausgerichtet gewesen, die Menschen zutiefst zu verunsichern. Später in Bautzen habe er arbeiten dürfen, in Gesellschaft sogar. "Wir haben auch viel gelacht im Knast", erinnert er sich.

Auch ein weiteres dunkles Kapitel prangert der Zeitzeuge an: den Freikauf von Häftlingen durch die Bundesrepublik. Durchschnittlich 90.000 DM habe die DDR für einen Gefangenen verlangt, so seien über die Jahre mehr als dreieinhalb Milliarden DM in den Staatshaushalt geflossen. Gut gemeint sei das gewesen, erklärt Lukow den Schülern. Indirekt habe Westdeutschland aber damit die DDR mitfinanziert.


Mauerfall als tiefer Einschnitt

Lukow zeigt eine Karte mit den 15 Bezirken der DDR. Er deutet auf den Landstrich ganz im Norden. "Welches Bundesland ist das heute?", fragt er. Diesmal benötigen die Schüler mehrere Anläufe, bis sie auf Mecklenburg-Vorpommern kommen. Viel Wissenswertes fließt in den Vortrag ein, manches wirkt beliebig eingestreut. Den ein oder anderen Seitenhieb auf heute noch lebende DDR-Größen kann sich Lukow nicht verkneifen. Aufmerksam verfolgen die Schüler seine Ausführungen. Die Stille im Raum spricht wohl am lautesten für ihr Interesse.

"Gab es auch gute Dinge an der DDR?", fragt ein Schüler ganz zuletzt. Lukow passt sie nicht, diese Frage. Er beantwortet sie dennoch. "Es gibt immer ein gutes Leben, auch im Schlechten." Und dann spricht er darüber, dass totalitäre Systeme den Menschen auch Vorteile bieten: Die Verantwortung nicht selbst tragen zu müssen, sondern zu tun, was einem gesagt wird. Wohlverhalten werde belohnt, die Jugend von klein auf mit den ideologischen Grundsätzen vertraut gemacht. "Für viele Ostdeutsche war der Mauerfall ein tiefer Einschnitt", sieht er auch die andere Seite.

Nach dem Vortrag applaudieren die Schüler lange. "Ich finde es enorm wichtig, die Mechanismen so eindrücklich geschildert zu bekommen, wie Totalitarismus funktioniert", bedankt sich Schulleiter Stefan Bub bei dem Zeitzeugen. Ein Satz klingt noch nach, "zum Glück gab's damals noch nicht die technischen Möglichkeiten von heute", hatte Lukow kurz fallen gelassen, als er über die Aushorch-Methoden der Stasi sprach. Allein der Gedanke lässt erschaudern.

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